28. Mai 2012

KW 22/2012: Lotte Reiniger, 2. Juni 1899

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Lotte Reinigers bekanntestes Werk ist “Die Abenteuer des Prinzen Achmed” (1926), man sollte aber auch nicht übersehen, dass sie zu Beginn ihrer Karriere in Kontakt stand zu Komponisten wie Kurt Weill und Literaten wie Bertolt Brecht – das heißt, Teil einer intellektuellen, künstlerischen Szene war, der der Aufgang des Dritten Reiches und der Zweite Weltkrieg ein abruptes Ende setzte.

Immer wieder, wenn ich die Mode und die Kunst der 1920er Jahre betrachte, schmerzt mich die Vorstellung, wieviel eleganter und schöner alles heute sein könnte, wenn dieser Wahnsinn nicht passiert wäre. (Man lege mir dies bitte nicht als Trivialisierung aus, selbstverständlich hatte der Faschismus wesentlich grässlichere und entscheidendere Konsequenzen als Volksmusik und Veronika Ferres, Ballermann und Birkenstocks!) Mit Sicherheit wäre der deutsche Film – und mit ihm die deutsche Trickfilmsparte – reichhaltiger, interessanter und in positivem Sinne in einer Tradition verwurzelt als es derzeit der Fall ist, wo sich durch alle Lebensbereiche die kulturelle Erschütterung des Holocausts zieht sowie die Konsequenzen der nachfolgenden Notwendigkeit, alles ganz und gar anders zu machen als in den vergangenen 15 Jahren. So sehr ich ein Fan der Ludwigsburger Schule bin, ist es doch nicht zu übersehen, dass der deutsche Trickfilm ebenso wie sein großer Bruder Spielfilm – bis auf wenige, liebens- und lobenswerte Ausnahmen – das ist, was ein ehemaliger Professor der Marburger Medienwissenschaft als “Zweites Kino”  bezeichnete: Kino, das in allem außer der Finanzierungs- und Produktionsstandorte den gleichmacherischen Hollywood-Prinzipien für Inhalt und Form folgt, quasi kolonialisiertes Kino. Dies steht im Gegensatz zu Hollywoods Produktionsmonopol als “Erstem Kino” sowie zum “Dritten Kino”, das von Grund auf den ursprünglichen Aspekten – Erzählweise, Thema, Stil – der heimischen Kultur verpflichtet ist, wie z.B. ein Film wie “Rocker“. Dass dies in Deutschland der Fall ist, liegt natürlich an dem starken kulturellen Einfluss der amerikanischen Besatzungsmacht. In vielerlei Hinsicht kann man diesen Einfluss als gewinnbringend sehen, doch meines Erachtens funktionieren manche Aspekte einfach nicht oder nur mit dem Gefühl, einer aufgesetzten amerikanischen Leitkultur zu folgen… Selbstverständlich wären manche Details unserer deutschen Kultur auch dann gruselig und furchtbar, wenn es Hitler nicht gegeben hätte, so wie auch nicht alles übel ist, was wir dem kulturellen Einfluss der Besatzungsmächte zu verdanken haben. Aber ich schweife ab.

Ich hätte diese Woche auch über Marilyn Monroe schreiben können, aber Lotte Reiniger war meinem Herzen einfach näher. Schon bevor ich arbeitsbedingt mal das ITFS besuchen durfte, war Animationsfilm ein besonderes Steckenpferd von mir, und so konnte ich natürlich am Geburtstag der Mutter des deutschen Animationsfilmes nicht vorübergehen.

Es gibt eine eigene Lotte Reiniger Website mit unter anderem einer Biographie in Selbstzeugnissen sowie ausführlichen Informationen zu Reinigers Filmen (Entstehungsgeschichten und Aktuelleres wie DVDs und Verleihrechte) sowie Literatur über sie. Das Animation World Network widmet ihr einen Artikel, das Stadtmuseum Tübingen eine Dauerausstellung und natürlich gibt es bei youtube einiges zu sehen (dies nur als Anregung zum Weitersuchen).

24. Mai 2012

EXERGIE – butter dance von Melati Suryodarmo

an experimentalkunst scheiden sich ja die geister. das erörtert tairthea in diesem beitrag sehr schön. ich selbst entscheide da ganz aus dem bauch, was mir gefällt – ob etwas kunst sei oder nicht, würde ich mir nicht anmaßen wollen zu entscheiden. zu dieser performance jedoch kann ich nur sagen, dass sie mich schlicht gefesselt hat – der ausdruck des erschreckens in ihrem gesicht, wenn sie aus dem gleichgewicht gerät, und der der absoluten entschlossenheit gegen ende, wenn sie immer noch mal wieder aufsteht… mich trifft das einfach weniger im kopf als im bauch. irgendwie erkenne ich mich darin wieder – oder vielleicht auch nur ein wunschbild von mir selbst.

home is a place to start…

24. Mai 2012

von dieser 9jährigen werden wir noch einiges hören

VEG hat es sich zur aufgabe gemacht, jeden tag das mittagessen, das in ihrer schottischen grundschule serviert wird zu fotografieren und zu bewerten. sie hat erst 12 beiträge geschrieben, aber schon mehr als 1.000.000 klicks. good work!

24. Mai 2012

dikaya okhota korolya stakha

valerie rubinchik, weißrussland 1979

ein insgesamt wohltemperierter film, der die wilde zärtlichkeit der russischen seele, ihre zerrissenheit zwischen tradition und neuanfang, liebevoll und gemütlich einfängt.

leider sind die frauenfiguren dünn gesät und wenig aktiv. die russinnen – es sind ihrer ganze zwei – sind anämisch, ängstlich, wenn nicht sogar geistig verwirrt. zur handlung tragen sie eigentlich nicht – die figur der nadeshda janowska dient zwar der motivation des protagonisten andrej, trägt aber sonst nur zur atmosphäre des gespensterschlosses bei; dies gilt umso mehr für die andere weibliche person, die die bedrohung durch die wilde jagd des könig stach konkretisieren soll, indem ihre umnachtung auf ihn zurückzuführen ist.

das ist eigentlich schade, hat russland doch auch starke weiblichkeit in seiner geschichte… der man andererseits natürlich sodomie mit ihrem pferd andichten musste, um sie als person zu diskreditieren und damit sowohl ihre regierungsfähigkeit wie die normalität ihres sexuellen appetits in frage zu stellen.

die einsicht, dass der film übrigens in seiner gänze auch als metapher für den übergang russlands vom traditionellen zarismus zur revolution und dem folgenden sozialismus zu sehen ist, hatte so oder so ähnlich auch mein mann.

da wir uns nun in die filmisch unbekannteren regionen begeben, bin ich sehr gespannt, ob in der folge noch interessante frauenfiguren auf mich warten oder ob die eher noch weniger werden! sollte das der fall sien, habe ich die wahl zwischen kurzen texten oder freien assoziationen… reisen soll ja schließlich auch bilden.

23. Mai 2012

zirneklis

vasili mass, lettland 1991

ich habe mal das gerücht gehört, dass nach freud arachnophobie bei frauen so weit verbreitet und ausgeprägt ist, weil spinnen ihnen in die vagina krabbeln könnten.

erstens bin ich sicher, dass freud sich gegen dieses gerücht ziemlich zur wehr setzen würde, wenn er könnte.

zweitens ist diese sorge bei zirneklis völlig unbegründet, weil die spinne hier so groß ist, dass es nur ihr – in diesem falle: sein penis ist, der der protagonistin in die vagina eher schlängelt als krabbelt.

ja, wir kommen in den zweifelhaften genuss einer sexszene zwischen einer frau und einer übermannsgroßen spinne. wer geglaubt hat, er hätte alles gesehen…

leider ist mir die genaue handlung aufgrund russischer tonfassung ohne untertitel großenteils unerschlossen geblieben und ich bin aufgrund kind wacht um 5:45 morgens auf zum ende hin eingeschlafen. von dem, was ich sah, muss ich auf eine diabolische manifestation als einem schmeerlappen von maler (mit zopf und lederblouson), der sich wiederum in eine spinne verwandeln kann, schließen, der eine zugegebenermaßen ausgesprochen hübsche lettische jungfrau zum opfer fällt. außer der tendenz zu durchsichtigen weißen klamotten und der anfälligkeit für visionen kann ich jedoch über diese lettin nichts wirklich sagen. aber der wein in lettland, der muss es in sich haben.

mein mann hat eine ausführlicher formulierte, allgemeinere ansicht zu dem film geäußert.

23. Mai 2012

il portiere di notte

liliana cavani, italien 1974

was für ein unglaublich guter, spannungsreicher film. wie schon von meinem mann aufschlussreich erörtert, wirft er einen unverhohlenen blick auf den zusammenhang zwischen dem dritten reich und repressiver sexualität; dass die darstellung einer sado-masochistischen beziehung eines ausführenden nazis zu einer internierten von manchem als geschmacklos empfunden werden mag, ist durchaus nachvollziehbar.

wenn man sich jedoch sachlich von der empörung distanzieren kann und als gesetzt annimmt, dass die opfer der naziverfolgung mit sicherheit keinen genuss an ihrer situation empfanden, andererseits aber unmenschliche verhältnisse ihre auswirkungen auf opfer und täter haben, kann man vor allem in der figur der lucia – zumindest im rahmen des einverständlichen machtgefälles einer dominant-submissiven beziehung – einiges über die macht des opfers und das ausgeliefert-sein des täters erkennen.

lucia erscheint uns in den ersten szenen – ganz natürlich – als verschrockenes reh, das ihrem ehemaligen peiniger wieder gegenübersteht, und wir lassen uns von ihrer zerbrechlichkeit und unwilligkeit, wien zu verlassen, dazu verführen zu glauben, sie wolle sich an max rächen. diese erwartung an die missbrauchte frau wird jedoch jäh enttäuscht in der szene, in der max sie auf ihrem zimmer aufsucht und sich die vorherigen begegnungen als verführerisches katz-und-maus-spiel entpuppen.

lucias erwachende sexualität wurde von max auf die wechselbäder der anbetung und degradierung geprägt, auf die verquere und doch schlüssige abfolge der fürsorglichen überhöhung und umso lustvollerer erniedrigung. sie gibt sich nun ohne zwang wieder in diese beziehung und im laufe des films, besonders in ihrer hocherotischen gesangseinlage, wird klar, dass dies nicht nur daran liegt, dass sie es so gelernt hat. sie begibt sich in die rolle des opfers zurück, weil sie sich ebenso wie max an ihrer macht berauscht: an der macht des opfers. ohne sie ist max nur der seine scham im dunkeln versteckende nachportier. mit ihr und nur mit ihr kann er die seiten seiner selbst ausleben, für die er sich schämt, von denen er jedoch auch weiß, dass er sie weder leugnen noch weg-rationalisieren kann.

im weiteren verlauf des films sehen wir lucia als raubkatze, die sich nicht festketten lässt, jedoch bleibt, wenn sie jederzeit gehen kann. als willensstarke liebhaberin, als launische gespielin. vor allem aber als verführerische fetischfigur in männerhosen mit hosenträgern über den nackten brüsten, lederhandschuhen und nazi-insignien, die in bester marlene-manier singt: “wenn ich gar zu glücklich wär’, hätt’ ich heimweh nach dem traurigsein”. man spürt, dass die männer im raum wohl ihre phallussymbole beherrschen mögen, lucia jedoch beherrscht die phalli.

es ist das bittersüße der genussvollen hingebung, die die absolute kontrolle über den anderen beinhaltet, die diese frau echt und eine identifikation möglich macht. von der voyeuristischen schalheit der sexploitation weit entfernt, ist es liliana cavani gelungen, opfer und täter in ihren rollen zu beleuchten, zu spiegeln und ihnen dabei ihre würde zu lassen.

unbedingt unvoreingenommen anschauen! die zärtlich-tragischen letzten minuten allein sind es wert.

23. Mai 2012

shit year

cam archer, usa 2010

colleen west hat liebeskummer und pensionistendepression. ob mir dieser ausgesprochene frauenfilm (regisseurin, protagonistin, besteht ohne weiteres den bechdeltest) gefallen hat, ist bei Hard Sensations nachzulesen.

23. Mai 2012

4 dinge, um den weltbevölkerungswachstum zu stoppen

der großartige Hans Rosling von Gapminder erklärt, warum es nichts mit der religion und alles mit der gleichberechtigung der frau in der gesellschaft zu tun hat, wie viele kinder geboren werden.

21. Mai 2012

KW 21/2012: Katharina Szelinski-Singer, 24. Mai 1918

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Wenn ich so auf der Suche nach der Frau der anstehenden Woche durch die Geburtstagsliste auf Wikipedia klicke, überspringe ich “deutsche Bildhauerin” meistens, weil mir bei dieser Wortkombination nur sperrige Beton-Kupfer-Skulpturen vorschweben, an denen man sich in Fußgängerzonen oder an  Parkwegen vorbeiducken muss, damit sie einem nicht das Auge oder die Leber ausstechen. Aufgrund völlig irrational bestehender gute Laune und entspannter Arbeitslage habe ich mir – schon gar bei dem Namen Szelinski-Singer – erlauben wollen, meine Vorurteile zu bestätigen.

Hat sich was. Katharina Szelinski-Singer hat nicht nur schöne Skulpturen gemacht, sie hat in ihrem Lebenswerk auch etwas mit mir bzw. diesem blog gemein, nämlich die Frauenfiguren. Dem kann ich selbstverständlich nicht widerstehen.

Am besten gefällt mir von ihr eine eher untypische Kleinplastik namens Die Last. Vielleicht, weil sie mich an meine Tochter erinnert, die auch gerne mit schweren Taschen und Köfferchen durch die Wohnung spaziert und dabei “Tschüß, bis heute abend!” ruft. Vielleicht auch, weil die Haltung so natürlich ist, die getragene Last durch das unterstützende Knie sehr deutlich spürbar ist und dennoch der zur Balance ausgetreckte Arm der Figur etwas Leichtfüßiges, Schwebendes gibt.

Bekannt, wenn man es so nennen kann, ist sie für ihre Skulptur Trümmerfrau in Berlin, der frühe (verfrühte?) Höhepunkt ihrer Karriere (siehe Wikipedia).

Der Tagesspiegel hat einen Nachruf auf sie geschrieben.

15. Mai 2012

dat ass!

danke an onkel mo.

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