18. September 2017

38/2017: Hedwig Dohm, 20.9.1831

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Hedwig Dohm

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Hedwig Dohm war eine self-made woman. Nachdem sie zunächst nur die für Mädchen dieser Zeit typische geringe Schulausbildung genießen konnte, um mit 15 Jahren gänzlich auf den Haushalt im Elternhaus beschränkt zu werden, besuchte sie drei Jahre später ein Lehrerinnenseminar und heiratete mit 22 Jahren den intellektuellen Satiriker Ernst Dohm.

In der Ehe gebar sie zunächst fünf Kinder und nahm dann, als das jüngste „aus dem Gröbsten heraus“ war, ihre schriftstellerische Tätigkeit auf. In kürzester Zeit machte sie sich mit vier Essays in den frühen 1870ern zu einer bekannten Vertreterin des frühen Feminismus – sie wollte nicht nur im Kleinen die Verhältnisse für einzelne Personengruppen verbessern, sie wollte grundsätzlich die Rolle der Frau in der Gesellschaft verändern. Dazu gehörte, schon 1873 das Frauenwahlrecht zu fordern und das Recht auf die gleiche Bildung und Erwerbstätigkeit wie die Männer, um die Frauen aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit in der Ehe zu lösen.

Nach dem ersten Aufruhr beschränkte sie sich in der Folge auf Lustspiele und, nach dem Tod ihres Mannes, Novellen und Romane. Mit dem Erstarken des Feminismus in den 1880er Jahren wurde auch Hedwig Dohm wieder zu diesem Thema aktiv – sie beteiligte sich rege an der politischen Debatte in der Gesellschaft, forderte das Studienrecht für Frauen und gehörte zu den ersten, die die Begründung der traditionellen Geschlechterrollen in der „Natur“ in Frage stellte. Während des Ersten Weltkrieges bekannte sie sich vollständig zum Pazifismus.

Sie erlebte in ihrem letzten Lebensjahr erlebte sie noch die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland, bevor sie mit 87 Jahren in Berlin starb.

Auf der Seite Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern findet man eine Kostprobe ihres scharfzüngigen Witzes und ihrer fortschrittlichen Denkweise, im Pamphlet „Was die Pastoren von den Frauen denken“ von 1872.

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Wiki english

Hedwig Dohm was a self-made woman. After she was only allowed the typical restricted education for girl in those days, to be reduced to household chores in her family home at age 15, she visited a teachers‘ seminar three years later and married the intellctual satirist Ernst Dohm at age 22.

In this marriage she started out with giving birth to five children and then, when the youngest was „out of the woods“, picked up writing. In a short time she made herself one of the most notorious icon of early feminism over the first half of the 1870s – she not only wanted to improve the conditions for certain peer groups, she wanted to fundamentally change the role of women in society. That meant demanding the right to vote in 1873 already as well as the same rights to education and employment as men, to free women from economic dependence in marriage.

After the first uproar, she consequently limited herself to plays and, after her husband’s death, short stories and novels. With the rise of feminism in the 1880s, Hedwig Dohm became active on that behalf again – she participated briskly in the political debate in society, demanded the right to university studies for women and was one of the first to question the foundation of the traditional gender roles in „nature“. During the First World War she avowed herself completely to pacifism.

She saw women’s suffrage come into action in Germany during her last year, before dying in Berlin at age 87.

On the website German History in Documents and Images a sample of her sharp wit and progressive thinking can be found, in the pamphlet „What The Pastors Think Of Women“ from 1872.

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11. September 2017

37/2017: Miriam Benjamin, 16.9.1861

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Miriam Benjamin

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Miriam Benjamin war die frei geborene Tochter eines jüdischen Vaters und einer afro-amerikanischen Mutter in Charleston. Sie besuchte die weiterführende Schule in Boston und wurde zunächst Lehrerin.

Mit 27 Jahren erhielt sie dann in Washington D.C. das Patent für den „Gong-und-Signal-Stuhl für Hotels“ – ein Sitzmöbel mit Kingelknopf und Licht, der es dem Hotelgast ermöglichte, einen Kellner oder Pagen zu seinem Platz zu rufen, ohne winken, klatschen oder rufen zu müssen. Für das Hotel bedeutete dies, dass sie ihre Kosten reduzieren konnten, da durch das klare System weniger Angestellte benötigt wurden. Die Erfindung wurde vom Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten übernommen und ist noch heute in seiner weiterentwickelten Form jedem bekannt, der schon mal mit einem Flugzeug geflogen ist: aus dem Stuhl mit Gong und Signal wurde der Knopf, mit dem man die Flugbegleiter zum Platz rufen kann.

Miriam Benjamin besuchte daraufhin die Universität, zunächst um Medizin zu studieren. Als sie eine Prüfung zum Staatsdienst bestand, wendete sie sich dem Jurastudium zu und wurde schließlich Anwältin für Patentrecht. Als solche arbeitete sie in Boston mit ihrem Bruder zusammen, der ebenfalls als Patentanwalt und Erfinder tätig war. Sie starb dort 1947.

Afro-amerikanische Frauen erleiden den Matilda-Effekt potenziert, da sie nicht nur wegen ihres Geschlechts, sondern auch wegen ihrer Hautfarbe marginalisiert werden. Unten ein Link zu einer Liste mit immerhin fünf afro-amerikanischen Frauen, die als Gründerin oder Erfinderin in der Geschichte viel sichtbarer sein sollten. Außerdem ein etwas ausführlicherer Artikel zu Miriam Benjamin auf Thoughtco.

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Wiki english

Miriam Benjamin was the free born daughter of a Jewish father and an Afro-American mother in Charleston, SC. She went to highschool in Boston and worked as a teacher to begin with.

At age 27 she obtained a patent in Washington D.C. for the Gong and Signal Chair for Hotels – a seat with a bell button and a light, which enabled a hotel guest to call for a bellhop or a waiter to their place without having to wave, clap or call. For hotels this meant reduced costs, since less employees were needed thanks to the simple system. The invention was adapted by the United States House of Representatives and in its advanced form is still today known to anyone who has ever flown in an airplane: the chair with a gong and a signal became the button with which flight attendants are called to the seat.

Miriam Benjamin went on to university, at first to study medicine. When she passed a civil service examination, she turned to studying law and became a solicitor of patents. As such she worked in Boston with her brother, who was also working as an attorney fror patents and an inventor. She died there in 1947.

Afro-American women endure the Matilda effect in potentiated form, since they are marginalised for their gender and the colour of their skin. Below a link to a list of as many as five Afro-American women who should be more visible in history as founders and inventors. Also a more detailed article on Miriam Benjamin on Thoughtco.

5 Black Women Founders and Inventors You Should Know

The Life and Inventions of Miriam Benjamin

4. September 2017

36/2017: Marianne von Werefkin, 10.9.1860

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Marianne von Werefkin

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Wiki deutsch

Marianne von Werefkin hatte ihre erste künstlerische Hochphase bereits vor ihrem 30. Lebensjahr – die gutgebildete Tochter eines russichen Adligen und einer Ikonenmalerin galt damals mit ihrem Realismus als „russischer Rembrandt“. Nach 1890 veränderte sie ihren Stil hin zur Freilichtmalerei mit ersten Zügen von Impressionismus. Aus diesen Phasen existieren leider kaum noch Gemälde.

Mit 32 Jahren lernte sie einen vier Jahre jüngeren Maler kennen, der gerade in der Kunst anfing, und stellte ihre eigene Tätigkeit für ganze zehn Jahre zurück, um diesen Mann zu unterstützen und zu fördern. 1902 nahm von Werefkin ihre Kunst wieder auf – nachdem ihr fünfzehnjähriges Dienstmädchen ein Kind von ihrem Protegé bekommen hatte (wahrscheinlich nach mehreren Jahren des Missbrauchs).

In ihrer zweiten großen Schaffensphase trug Werefkin entscheidende Impulse zum Expressionismus bei, gründete mit anderen die Neue Künstlervereinigung München N.K.V.M. (aus der sich später Der Blaue Reiter abspaltete) und malte im Stil des Japonismus. Sie starb mit 78 Jahren in der Schweiz.

Der Verein Berliner Künstlerinnen vergibt alle zwei Jahre den Marianne-Werefkin-Preis an zeitgenössische Künstlerinnen.

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Wiki english

Marianne von Werefkin had her first boom phase as an artist before she turned 30 years old – the highly educated daughter of a Russian noble man and painter of religious icons was known as the „Russian Rembrandt“ for her realism. After 1890 she changed her style to en plein air with first traits of impressionism. 

When she was 32, she met a painter four years younger than her, who was only beginning his work as an artist, and put her own work on hold for ten whole years to support and promote this man. In 1902 Werefkin picked up her art – after her fifteen year old maid had given birth to child from her protegé (probably after several years of abuse).

During her second boom phase Werefkin contributed crucial impulses to the style of expressionism, formed the Neue Künstlervereinigung München N.K.V.M. with other artist (from which Der Blaue Reiter later seceded) and painted in the style of japonism. She died in Switzerland at the age of 78.

28. August 2017

35/2017: Hilda Rix Nicholas, 1.9.1884

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Hilda Rix Nicholas „Spirit of the Bush“

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Die Australierin war bereits vor dem Ersten Weltkrieg in Europa als Künstlerin erfolgreich. Wegen des Krieges emigrierte sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester von Frankreich nach England – wo ihre Schwester und kurz darauf ihre Mutter an Ruhr erkrankten und starben. Zwei Jahre später fand ein junger australischer Offizier die schwer niedergeschlagene Frau, der von ihr gehört und ihre Bilder bewundert hatte, die beiden heirateten während seines Fronturlaubs und verlebten drei Tage als Ehepaar, dann kehrte er nach Frankreich zurück und wurde fünf Wochen später im Gefecht getötet.

Nach einer Phase der Depression brachte sie ihre Verzweiflung und Trauer in einer Triade von Bildern zum Ausdruck, die leider in den 1930ern bei einem Brand zerstört wurden. Es existieren nur noch Skizzen oder Abbildungen der Originale. Die Bilder und mehr Details zu ihrer Biografie sind unter dem Link unten zu finden.

Hilda Rix Nicholas malte noch viele Jahre, heiratete wieder und hatte einen Sohn, der ebenfalls Künstler wurde. Sie starb mit 77 Jahren in ihrem Geburtsland.

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Wiki english

The Australian was already successful as a painter before World War I. Because of the war, she emigrated from France to England with her mother and sister – where her sister and shortly after also her mother fell ill with dysentery and succumbed to it. Two years later a young Australian officer found the heavily beaten-down woman, who had heard about her and admired her paintings, the two married and lived three days as a couple, then he went back to France and was killed in battle five weeks later.

After a phase of depression she expressed her despair and grief in a triad of paintings, which unfortunately were destroyed in a fire in the 1930s. Only sketches and reproductions of the originals exist. Those and more details on Rix Nicholas‘ biography can be found at the link below.

Hilda Rix Nicholas kept on painting for many years, married again and had a son who also became an artist. She died at 77 years of age in her birth country.

Meditations on loss

26. August 2017

werbung

schon 2015 habe ich diesen kleinen text geschrieben, inspiriert von den interaktionen meiner beiden kinder. nach zwei jahren habe ich nun die illustration und den „verlag“ selbst übernommen. es ist sogar ein kleiner trickfilm dabei herausgekommen, weil ich lust darauf hatte.

das buch ist (übrigens auch auf englisch) bei epubli zu bekommen. (auf amazon auch, aber da fällt für mich weniger ab.) (trotzdem toll, wenn’s da gekauft wird.)

natürlich bitte gerne teilen und weitersagen. mein leben hängt nicht davon ab, aber vielleicht mein glaube an die menschheit. 😉

26. August 2017

bulgarische badenymphen und madonna 

diese beiden zierten unsere hotelanlage 

diese pietà steht vor der kapelle des schlösschens rovadinovo

21. August 2017

34/2017: Lydia Rabinowitsch-Kempner, 22.8.1871

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Lydia Rabinowitsch-Kempner

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Die im heutigen Litauen geborene jüdische Russin genoss die Bildung wohlhabender Familien, doch für ein Studium musste sie als Frau am Ende des 19. Jahrhunderts noch in die Schweiz gehen.

Sie arbeitete nach dem Abschluss zunächst als unbezahlte Assistentin mit Robert Koch an dessen Königlich Preußischen Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, ging dann nach Amerika und wurde dort Professorin für Bakteriologie – dieser Titel wurde jedoch nur in den USA anerkannt.

Sie lernte Walter Kempner kennen und heiratete ihn, ihre Zusammenarbeit am Robert-Koch-Institut endete jedoch bald. Rabinowitsch arbeitete in den folgenden Jahren im Pathologischen Institut und konnte dort als wissenschaftliche Assistentin noch vor Robert Koch selbst Tuberkelbazillen in Rohmilch nachweisen. Dank dieser Forschung und ihrer zahlreichen Publikationen wurde ihr 1912 endlich auch der Professorentitel verliehen. Damit war sie die erste Frau in Berlin und die zweite in Preußen mit diesem Status. Eine Habilitation sollte allerdings erst nach dem Ersten Weltkrieg möglich werden.

Während des Ersten Weltkrieges übernahm sie die Leitung der Zeitschrift für Tuberkulose und arbeitete für das Militär in der Seuchenvorbeugung. 1920 wurde sie mit 49 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben für eine Tätigkeit so bezahlt, wie es ihrem Bildungsgrad angemessen war, als sie am Städtischen Krankenhaus Moabit die Leitung des Bakteriologischen Instituts übernahm. Sie verlor ihren Mann in diesem Jahr an eine Tuberkuloseform und zwölf Jahre später eines ihrer drei Kinder ebenfalls.

1934 wurde sie zwangspensioniert, ermöglichte ihren Kindern noch die Emigration aus Nazi-Deutschland und starb dann 1935 selbst an ungeklärten Ursachen in Berlin.

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Wiki english

The Jewish Russian, born in the region that is Lithuania today, enjoyed the education common for prosperous families, but to continue studies, as a woman at the end of the 19th century, she had to move to Switzerland.

After her studies, she worked as an unpaid assistant to Robert Koch at his Prussian Institute for Infectuous Deseases at first, then went to America and became a professor of bacteriology – the title alas was only accepted in the US.

She met Walter Kempner and married him, their cooperation at the Robert Koch Institute though ended soon after. Rabinowitsch worked at the Pathological Institute and was able, before Robert Koch himself was, to detect the tuberculosis bacillus in raw milk. Thanks to her research and her numerous publications, she was awarded the title of professor in 1912. She was only the first woman in Berlin and the second in Prussia to reach this status. Habilitation though was made possible only after World War I.

During Wolrd War I she was chief editor of the Journal for Tuberculosis and worked in disease prevention for the military. It was 1920 when at 49 years old she was paid a salary appropriate for her education for the first time, as head of the Bacteriological Institute at the Moabit hospital. She lost her husband to tuberculosis in that year and one of her three children as well, twelve years later.

She was forced to retire in 1934, helped her children to emigrate from Nazi Germany and died 1935 in Berlin under unknown circumstances.

17. Juli 2017

sommerpause • summer break

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das ist das erste mal, dass ich das tue, aber die umstände verlangen es. für die nächsten vier wochen wird es keine frau der woche geben; ich hoffe, gelegentliche postings zu anderen kategorien spontan unterzubringen.

die umstände verlangen leider auch, dass ich über die frequenz und/oder die menge der arbeit, die ich in dieses blog stecke, nachdenke. mein wunsch wäre es durchaus, den wochen-rhythmus beizubehalten und jede woche die zwei stunden, plus minus, zu investieren. tatsächlich sieht es jedoch so aus, als müsste ich auf mindestens alle zwei wochen, eventuell sogar nur monatlich reduzieren – und meine recherche zur auswahl drastisch herunterfahren. per zufallstreffer oder nach publikumswünschen statt nach persönlicher sympathie/persönlichem interesse.

ich bin darüber nicht glücklich, aber meine beruflichen pläne sowie meine grundsätzliche disposition machen es nötig, prioritäten zu setzen. nach möglichkeit soll das nur eine temporäre lösung sein; wir werden sehen, was das kommende jahr bringt.

ausdrücke des bedauerns und anfeuernde zurufe sind ausdrücklich willkommen.

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this is the first time for me to do this, but the circumstances require it. there will be no woman of the week for the following four weeks; i’m hoping to be able to squeeze in the odd post for other categories spontaneously.

the circumstances also require me to reassess the frequency and/or the amount of work i put into this blog. i surely wish i could stay on the weekly schedule and invest the two hours, more or less, every week. in actuality it appears though that i will have to reduce the postings to once every two weeks, maybe even once a month only – and to dial down the research for my choice drastically. to go for random hits or follow requests from the audience instead of personal sympathy/interest.

i’m not happy about this, but my professional plans in combination with my basic disposition necessitate a settong of priorities. if possible, this is only a temporary solution; we will see what the following year will bring.

expressions of sadness and cheering are encouraged.

10. Juli 2017

28/2017: Elsa von Freytag-Loringhoven, 12.7.1874

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Elsa von Freytag-Loringhoven

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Elsa von Freytag-Loringhoven hatte bereits ein bewegtes romantisches Leben hinter sich, bevor sie die Mutter des Dadaismus wurde. In Swindemünde als Elsa Hildegard Plötz geboren, strebte sie offensichtlich schon immer ein freieres und künstlerisches Leben an als das ihrer einfachen Eltern. Mit 27 Jahren heiratete sie den Architekten August Endell und lebte mit ihm nach Berlin. Die Ehe öffnete sich für eine Beziehung Elsas mit Endells Freund Felix Paul Greve – das Trio lebte in Palermo zusammen, doch die Ehe überstand diese moderne Beziehungsform nicht. Die Endells ließen sich scheiden und Elsa heiratete Greve. Nachdem er in Deutschland einen Selbstmord vorgetäuscht hatte, ging er in die USA, nannte sich Frederick Philip Grove und entkam so seinen Schulden. Elsa folgte ihm und die beiden lebten eine Zeit von der Bewirtschaftung einer Farm. Dann ließ Greve auch sie sitzen und Elsa begann, als Model zu arbeiten.

Mit dieser Tätigkeit arbeitete sie sich aus dem ländlichen Kentucky bis nach New York vor, wo sie – zwar noch nicht geschieden von Grove, aber die Ehe war faktisch nicht mehr existent – schließlich ihren dritten und letzten Mann, Leopold von Freytag-Loringhoven, heiratete.

In New York avancierte sie, während sie sich finanziell mit der Arbeit in einer Zigarettendreherei über Wasser hielt, als Model, Lyrikerin und Künstlerin zur Dadaistin. Lange Zeit von der männlichen Dominanz in der Kunstszene an die Seite gedrängt, stellt sich inzwischen heraus, dass einige wichtige Werke der Ready-made Kunst eigentlich ihr Schaffen sind. Unter anderem „God„, das bisher Morton Livingstone Schamberg zugeschrieben wurde, und der Inbegriff des Ready-made, „Fountain„, von (bisher) Marcel Duchamp – von Freytag-Loringhoven hatte das Urinal mit R. Mutt unterzeichnet und ihm als Skulptur vorgestellt. Sie war in dieser Zeit auch (mindestens) befreundet mit Djuna Barnes und Peggy Guggenheim.

Ohne Zweifel von ihr ist die unten abgebildete Installation Portrait of Marcel Duchamp.

In der Hoffnung auf wirtschaftliche Besserung ging Freytag-Loringhoven kurz nach dem Ersten Weltkrieg zurück nach Berlin, wo sie jedoch in Armut und schlechter geistiger Verfassung lebte. Sie hielt sich einige Zeit mit der Hilfe von Freunden und ehemaligen LiebhaberInnen über Wasser und zog dann nach Paris, wo sich ihre Lage kurzfristig verbesserte. Dann jedoch erstickte sie in ihrer Wohnung, weil jemand die Gasleitung offen gelassen hatte.

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Wiki english

Elsa von Freytag-Loringhoven had already lived an eventful romantic life before becoming the mother of Dada. Born in Swinemünde as Elsa Hildegard Plötz, early on she obviously strove for a more free and artistic life than the one of her parents. At 27 years she married the architect August Endell and lived in Berlin with him. The marriage opened for an affair Elsa’s with Endell’s friend Felix Paul Greve – the trio lived together in Palermo, but the marriage did not survive this modern approach to relationship. The Endells divorced and Elsa married Greve. After staging his suicide in Germany, he went to the US, called himself Frederick Philip Grove and thus escaped his debts. Elsa followed him there and the two lived off the maintenance of a farm for a while. At last, Greve left her as well and she began working as a model.

In this capacity she worked her way from rural Kentucky to New York, where – not yet divorced, but the marriage had factually ceased to exist – she married her third and final husband, Leopold von Freytag-Loringhoven.

In New York she rose as model, poet and artist, all the while supporting herself financially by working in a cigarette factory, to becoming a dadaist. For the longest time eclipsed by the male dominance in the artistic scene, it turns out that some of the most important pieces of ready-made art were her creation. Among others ‚God‚, which used to be assigned to Morton Livingstone Schamberg, and the epitome of ready-made, ‚Fountain‚ by (hitherto) Marcel Duchamp – von Freitag-Loringhoven had signed the urinal with R. Mutt and send it to him as a sculpture. She was also friends, if not more, with Djuna Barnes and Peggy Guggenheim.

There is no doubt the installation pictured below, Portrait of Marcel Duchamp, is her work.

Hoping for economic improvement, von Freytag-Loringhoven went back to Berlin shortly after World War I, where she lived however in poverty and poor mental health. She was supported by some old friends and lovers and finally moved to Paris, where her situation improved shortly. Alas, she soon died of gas suffocation in her flat because someone had left open the gas pipe.

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Elsa von Freytag-Loringhoven: Portrait of Marcel Duchamp

 

3. Juli 2017

27/2017: Henrietta Swan Leavitt, 4.7.1868

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Henrietta Swan Leavitt

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Henrietta Swan Leavitt war eine der Damen, die als niedrig bezahlte ‚menschliche Rechenmaschine‘ bei Edward Charles Pickering, auch als ‚Pickerings Harem‘  bekannt, am Harvard-College-Observatorium arbeiteten. Sie war dank gehobener Abstammung nicht auf ein Einkommen angewiesen und arbeitete zunächst für Studienpunkte, später für einen Pfenniglohn. Sie war durch eine Erkrankung so gut wie taub, was jedoch keinen Einfluss auf ihre Arbeit zu haben schien; nur ihr weibliches Geschlecht machte es ihr unmöglich, selbst ein Teleskop zu handhaben.

Leavitt war beauftragt, veränderliche Sterne zu beobachten und zu katalogisieren. Dabei maß sie die Helligkeit spezieller veränderlicher Sterne, nämlich der Cepheiden, und machte dabei die Beobachtung, die der Erkenntnis und Berechnung unseres heutigen Wissens über das Weltall zugrunde liegt: Sie stellte fest, dass sich eine Beziehung herstellen ließ zwischen der Leuchtkraft und der periodischen Veränderung der absoluten Helligkeit dieser Sterne. Aus dieser Beziehung lässt sich ihre Distanz zum Beobachtungspunkt berechnen. Mithilfe Leavitts Logarithmus konnte bald darauf belegt werden, dass sich einige der katalogisierten Sterne nicht in der unseren, sondern in Lichtjahren entfernten Galaxien befanden. Die Folgen von Leavitts Erkenntnis rückte – angewandt von Harlow Shapley – nicht nur unser Sonnensystem aus dem Zentrum unserer Galaxie, sondern auch – angewandt von Edwin Hubble – unsere Galaxie aus dem Zentrum des Weltalls.

Sie starb 1921 an Krebs; vier Jahre später erst kam Gösta Mittag-Leffler, ein schwedischer Wissenschaftler, der von ihrem Tod noch nicht erfahren hatte, auf die Idee, sie für den Nobelpreis vorzuschlagen. Dieser wird nicht posthum verliehen, daher konnte Leavitt nicht nominiert werden.

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Wiki english

Henrietta Swan Leavitt was one of the ladies who worked as underpaid ‚human computers‘ for Edward Charles Pickering at Harvard College Observatory, also known as Pickering’s harem. Coming from a wealthy family, she was not reliant on an income and worked for study points at first, later for a few cents per hour. An illness had rendered her almost completely deaf, a fact that had ostensibly no influence on her work; it was only her female sex that made it impossible for her to operate a telescope herself.

Leavitt was assigned with the observation and cataloguing of variable stars. She measured the luminosity of a special kind of variable stars, namely Cepheid variables, and whilst doing so made the observation which underlies the discovery and computation of our current knowledge of the universe: She found a relationship between the luminosity and the periodical change of absolute brightness of these stars. From this relationship their distance from the viewing point can be extrapolated. Based on Leavitt’s logarithm it was soon possible to prove that some of the catalogued stars were not part of our, but other galaxies lightyears away. . The consequences of Leavitt’s finding – applied by Harlow Shapley – moved our sun from the centre of our galaxy and – applied by Edwin Hubble – our galaxy from the centre of the universe.

She died of cancer in 1921; it was only four years later that Gösta Mittag-Leffler, a Swedish scientist who hadn’t heard of her death, thought of proposing her to the Nobel Prize committee. The prize is not awarded posthumously, thus Leavitt could not be nominated.