KW 9/2012: Aileen Wuornos, 29. Februar 1956

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Aileen Wuornos hatte in ihrem Leben keine Sternstunde, das würde sie vermutlich auch selbst gesagt haben. Vom Beginn ihres Lebens an war sie verloren. Wenn ich ihre Geschichte lese – mit meiner eigenen kleinen Tochter vor Augen – möchte ich nur weinen. Mit der Verlassenheit in Kindertagen, sexuellen Übergriffen bereits vor der Pubertät, Hin- und Her- und Ausgestoßen-Sein von der Welt, kann ich sie nicht als Monster sehen. Ich kann nichts weiter sehen als ein Wesen, das die Welt nur als harten, erbarmungslosen, schmerzhaften und erniedrigenden Ort erlebt und eines Tages – durch welchen Auslöser auch immer – erfahren hat, dass es sich verteidigen kann. Dass Aileen Wuornos sich bei der Ermordung von sieben Männern nicht gegen diese, sondern gegen die Missbrauchenden und Misshandelnden ihrer Vergangenheit verteidigte, erscheint mir schlüssig.

Serienmordende Frauen sind sehr, sehr selten. Deshalb und weil das Bild der sorgenden, schwachen, defensiven Frau in fast jeder Gesellschaft der Welt verankert ist, sind Serienmörderinnen meist Ziel ganz besonders großer Abscheu. Doch gerade bei Aileen Wuornos sehe ich die Notwendigkeit für das genaue Gegenteil: Mitgefühl. Mitgefühl bedeutet nicht, ungestraft davon kommen lassen. Verbrechen, die im Vollbesitz der geistigen Kräfte und im Bewusstsein des verbrecherischen und schädlichen Handelns ausgeübt werden, müssen geahndet werden – ob die Todesstrafe dafür geeignet ist, steht wiederum auf einem anderen Blatt.  Doch was mir durch Mark und Bein geht, und Aileen Wuornos ist nur das hier dafür verwendete Beispiel: Kein Mensch kommt als das Wesen auf die Welt, als das er sie verlässt. Niemand, auch nicht Aileen Wuornos, wurde geboren als die abgekämpfte, zerstörte, kranke, kaputte Frau, als die sie schließlich exekutiert wurde. Aileen Wuornos kam auf die Welt als ein Säugling, der physisch und psychisch alle Möglichkeiten hatte für ein ganz normales, liebevolles, erfülltes, schönes und gesundes Leben. Jeder Täter, der ungeheuerliches begeht, kam als Säugling auf die Welt, der abhängig war von der Liebe und Fürsorge seiner Familie.

Ich glaube, es ist typisch für Frauen, sich für Verbrechen und ihre Aufklärung zu interessieren, fiktiv oder real. Ich bin dabei keine Ausnahme. Vielleicht hängt es mit unserem Instinkt zusammen, für das funktionierende Miteinander zu sorgen: Wir sind qua Veranlagung für die Harmonie in der Gruppe verantwortlich, deshalb richten wir unser Augenmerk stark auf diejenigen, die diese Harmonie stören. Ich selbst pflege meine morbide Faszination mit Serienmördern, Psychopathen und dem Entschlüsseln der Psyche dieser Menschen (CRIMINAL MINDS ist derzeit meine Lieblingsserie). Aber Aileen Wuornos: Sie möchte ich einfach nur in den Arm nehmen und ihr Liebe und Geborgenheit geben – ich glaube sie zu verstehen und die Vorstellung, was diesem Mädchen angetan wurde, dass sie zu dieser Frau werden konnte, schmerzt mich körperlich.

Neben der offensichtlichen Empfehlung, MONSTER zu sehen, lohnt es sich vielleicht auch, die beiden Dokumentarfilme über sie, THE SELLING OF A SERIAL KILLER und THE LIFE AND DEATH OF A SERIAL KILLER, zu sehen. Der Regisseur macht auf jeden Fall einen guten Eindruck.

Immer informativ, aber auch reisserisch sind die Texte der ehemaligen Crimelibrary, jetzt trutv. Sie hat einen Eintrag auf der Seite serien-killer.com. Ein Interview mit der Wuornos-Darstellerin Charlize Theron bringt nichts Neues, spiegelt aber einige meiner Gefühle wider.

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