mirror mirror / moonrise kingdom

ein krasseres kontrastprogramm, stilistisch gesehen, für einen kinotag dürfte schwer werden, bei einer gewissen thematischen nähe. (obwohl, theatre bizarre vereint die wiederkehrenden themen frauen und tod innerhalb eines films mit 6 episoden bei noch größerer stilistischer spannbreite. also, with a grain of salt.)

tarsem singh, usa 2012

optisch kommt mirror mirror mit singh’scher grandezza daher, ganz wie erwartet. ein fest für die augen, auf jeden fall.

erzählerisch gesehen kann man durchaus einige schwächen anmerken, auch der humor ist an manchen stellen etwas über das zuträgliche maß albern, was in dem ausgesprochen ästhetischen rahmen umso krasser heraussticht.

schneewittchen ist ja schon im ursprung ein recht weiblich-dominiertes märchen (wenn ich meinen beitrag zu märchen von müttern und töchtern schon geschrieben hätte, könnte ich den jetzt hier verlinken…), in dem das freundliche wesen schneewittchens, von ihrer machtgierigen (stief-)mutter verfolgt, eine bande räuber zum guten bekehrt (ja, im original-märchen sind es keine zwerge, sondern ausgewachsene räuber – dieses detail vor-grimmscher erzählung wird in mirror mirror elegant konsolidiert. in der grimm-variante ist wohl der bedrohliche sexuelle aspekt der erwachsenen männer auf die harmlosen, quasi ungeschlechtlichen „zwerge“ geschrumpft, dem film gelingt auch in dieser hinsicht eine wesentlich modernere sichtweise). es ist an sich schon bemerkenswert, wie stark die verschiedenen charakteristika von frauen in jeder form des märchens im vordergrund stehen, während die männer auf reine instrumente reduziert sind – instrumente der macht, die von den geschickten händen der frauen geführt werden.

die frauen in mirror mirror sind jedenfalls modern, zu meiner zufriedenheit besteht der film auch den bechdel-test (zumindest mit den dialog-zeilen mindestens einer szene). die böse stiefmutter ist zwar, wie in jeder form des märchen, ein zerrbild der gealterten schönheit, der es nicht gelingt, würdevoll in den nächsten lebensabschnitt überzugehen, aber von julia roberts dargestellt kann man in ihr auch das opfer eines allumfassenden schönheitswahnes sehen, der es nur hübschen, jungen, knackigen frauen gestattet, beliebt zu sein. in dieser lesart pinkelt sich der film übrigens gekonnt selbst ans bein, denn wenn er etwas ist, dann schön – und in die glatte, strahlende schönheit eines tarsem-filmes passt keine schloddrige, fleckige haut. anyway, jedenfalls ist die kalte königin auch all das, was männer an starken frauen ablehnen: zielstrebig, ehrgeizig, wortgewandt, politisch geschickt. wenn ich zu lange über die böse königin nachdenke, schreibe ich mich noch in eine negative kritik des films…

schneewittchen wird zwar unpassenderweise beständig „schneechen“ gerufen, aber wenigstens wird es ihr gestattet, nicht nur schön zu sein. sie ist eben auch klug, warmherzig, tapfer und kämpferisch; dabei werden ihr keine unglaubwürdigen körperlichen kräfte angedichtet, sondern, wie es auch die räuberischen zwerge tun, darf sie ihre natürlichen eigenschaften geschickt zu ihrem vorteil nutzen. wenn dazu gehört, mit einem augenaufschlag vom nächsten degenangriff abzulenken, then so be it. man muss eben mit dem arbeiten, was man hat. wenigstens wird ihr als outfit für den aufenthalt im wald eine hose zugestanden.

und man kann wohl über mirror mirror nicht schreiben ohne von augenbrauen zu schreiben. ja, auch ich stutzte, als schneewittchen das erste mal ins bild kam. nichts mit bleistiftdünnen linien. nein, da bleibt tarsem dem schönheitsideal seiner heimat (der heimat seiner vorfahren?) treu: ausdrucksstark wäre das, was mir als erstes einfiele. dass auch mein blick dorthin wanderte und überhaupt dieses detail meine aufmerksamkeit erregte, sagt viel aus über die tiefsitzende prägung des vorherrschenden schönheitsideals: frauen sollten so wenig haare – an anderer stelle als dem kopf – wie nur irgendmöglich haben. im laufe des films normalisiert sich der anblick, und ich kann nur hoffen, er normalisiert sich nicht nur im rahmen des films. denn eins ist sicher: die ausgeprägten augenbrauen tun lily collins schönheit keinen abbruch (und ihrem talent sowieso nicht).

(von meinen ursprünglichen 7, gar 8 von 10 bin doch abgekommen. aber 6 von 10 dürften es schon sein. mir hat der film zumindest in dem rahmen gefallen, dass ich ihn mir gerne mit meiner eines tages 12jährigen tochter noch mal ansehe, wenn sie will.)

wes anderson, USA 2012

über moonrise kingdom will ich eigentlich nicht viele worte verlieren. ich gehöre zu den flammenden anderson-fans, denen lifestyle-vorwürfe und „artifiziell“-gerede gepflegt gestohlen bleiben können. für mich ist das, was anderson macht, ein vorsichtiges, zärtliches herantasten an die schmerzlich-süßen erinnerungen und empfindungen, die auch mir innewohnen; die ausstattung und garderobe seiner filme versetzt ihre erzählung in eine zeit der unschuld, die zurückhaltende schauspielführung lässt mir frei, meine eigenen gefühle zu erkunden – ohne jedoch leere projektionsfläche zu bleiben.

moonrise kingdom ist die warmherzige erzählung über die erste liebe zwischen zwei jugendlichen, die sich in ihrer jeweiligen welt verloren fühlen und halt beieinander finden. das großartige gelingen ist es, dass diesen beiden, obwohl es ein film eher für erwachsene ist, ganz und gar ihre würde gelassen wird, manches vielleicht witzig und rührend, aber nichts niedlich oder lächerlich ist. wer im übrigen bei der kuss-szene den „pädophilen-alarm“ auslösen will, der hat den schuss nicht gehört: eine kurze körperliche begegnung zwischen zwei heranwachsenden gleichen alters, die mit erfrischender normalität und unbefangenheit über sich sprechen und den rahmen ihres interesses ausprobieren, hat aus sich heraus nichts anstößiges, unanständiges oder „erotisches“ – das kann allein der betrachter hinein-sehen. kinder und jugendliche sind auch sexuelle wesen – das ist normal und natürlich, besonders in der beginnenden pubertät. es ist nur der verklemmte, verzerrte oder pervertierte blick der erwachsenen, der das problem ist.

unsere heldin jedenfalls ist ein gerade erblühendes mädchen mit allen unsicherheiten, die diese lebensphase mit sich bringt. sie ist allein zwischen den eltern, deren ehe gemäß ihrer dauer einige fühlbare scharten aufzuweisen hat, und den brüdern, die nur als geschlechts- und alters-homogene gruppe auftauchen und ihre wahrnehmung der erwachsenenwelt naturgemäß nicht teilen können. sie spürt die hilflosigkeit gegenüber der ungerechten, verheißungsvollen und bedrohlichen erwachsenenwelt als unkontrollierbar aufwallende aggression in sich toben, und als scheinbar einziges beispiel für eine gelebte beziehung hat sie nur die ehe ihrer eltern – klar, dass sie es ganz anders machen will und sich nach mehr sehnt, als das trostlose festsitzen ihrer mutter auf einer insel mit einem, der sie nicht versteht. im laufe des films reift sie zu einer starken und schönen jugendlichen heran, die casablancas ingrid bergman in nichts nachsteht.

wem die royal tenenbaums, die tiefseetaucher und darjeeling limited gefallen haben, der wird moonrise kingdom lieben. meine ersten worte nach dem film waren jedenfalls: „10 von 10“. (aber auch dieser film besteht den bechdel-test nur mit gutem willen…)

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