Archive for Juli, 2013

31. Juli 2013

antichrist

lars von trier, deutschland 2009

es ist schon interessant (und meiner meinung nach das merkmal eines wertvollen films), wie unterschiedlich die geschehnisse seiner handlung von unterschiedlichen zuschauern interpretiert werden. antichrist eine abrechnung von triers mit der (katholischen) religion? eine expression freudscher analysemethoden? es gibt schon einige verschiedene ansätze in den IMDb-Reviews.

ich bemühe mich während der sichtung egal welchen films zunächst mal, einfach nur aufzunehmen. schließlich kann alles, was ich im moment sehe, durch spätere noch nicht gesehene ereignisse umgekehrt, beeinflusst, verbessert werden. besonders mit analytischen deutungen halte ich mich gerne bis zum abspann zurück.

so saß ich nach Antichrist erstmal geplättet von sex&gewalt im sessel und musste überlegen, was ich da jetzt eben gesehen hatte. aber relativ schnell klackerten die murmeln an ihre plätze und war für mich glasklar: Antichrist ist ein film über das dilemma von mutter und frau in der menschlichen natur. sie veräußert zunächst ihren kampf und fürchtet die natur, aber tatsächlich ringt sie mit der unvereinbarkeit der mütterlichen fürsorge mit der mächtigen sexualität in der person, die sie vorher war und noch immer ist: eine frau, vollständig auch ohne kind. dabei jedoch erschüttert von der verlustangst, das kind wegen der sexualität und den mann wegen der mütterlichkeit zu verlieren. denn im kern braucht sie für jede ihrer zwei naturen eine bezugsperson.

so gesehen, konnte ich dem film im nachhinein einiges abgewinnen. wie immer, ist diese meine sichtweise hauptsächlich meinem eigenen empfinden und meiner eigenen biografie geschuldet. aber das schöne am film ist: er ist offen für diese interpretation und nicht mal lars von trier kann verhindern, dass ich seinen film so sehe.

übrigens: der titelgebende Antichrist ist auch nicht sie – von wegen der teufel im weibe und so. der Antichrist ist ihr sohn, nämlich von einer frau geboren, die ganz gar nicht unbefleckt ist. es geht nicht um den teufel als gegensatz zu jesus, sondern um die natürliche frau als gegensatz zu der idealen heiligen mutter, die keinerlei dilemma solcher art in sich spürt.

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30. Juli 2013

das wort mächtiger

auf Zeit Online unterhalten sich die rapperin Sookee und der rapper Megaloh über die macht der sprache und die ohnmacht der gesellschaft. tollster satz von Sookee: „ich fände es auch super, keine feministin sein zu müssen.“

erstaunlich dann, dass der mann davon spricht, dass hiphop für ihn emanzipation bedeutete – als schwarzer (seine eigene wortwahl) fand er in der kultur raum, sich gleichberechtigt bewegen zu können. dass dies in vielen, wenn nicht den meisten gesellschaftlichen räumen für frauen nicht der fall ist, dafür fehlt ihm zugegebenermaßen die erfahrung am eigenen leib. seine einschätzung, dass es mehr an filmen und computerspielen liegt, was „mit der jugend heute los ist“, spiegelt ebenfalls ein verkürztes denken – filme und computerspiele sind am ach so schlimmen niedergang der jugend ebenso sehr oder ebenso wenig schuld wie seine oder irgendeine andere musik. inzwischen sollte es doch durchgedrungen sein, dass kein unschuldiges kind auf einen film, ein computerspiel oder einen hiphop-song trifft und danach amok läuft oder zum gangsta wird. jedoch: das perpetuieren von vorgefunden strukturen in den medien, das ist ein problem, weshalb es die verantwortung von medien ist, verantwortungsvoll mit dem vorgefundenen umzugehen. hieße in diesem fall: zu erkennen, was für männlichkeits- und weiblichkeitsbilder bei der jugend vorherrschen und die engen rahmen mit ihren texten aufzubrechen. als vorbilder zu zeigen, dass es eben nicht so sein muss, nicht immer und nicht unter sanktionen. wenn Megaloh dann sagt: „bestimmte verhaltensweisen muss man lernen, wenn man mitspielen will“, frage ich mich, wie man da von emanzipation, egal wovon, sprechen kann. ist echte emanzipation, echte autarkie nicht, solche arbiträren regeln wie die gangsta-bitch/ho-polarität zu unterwandern, zu brechen und dem spiel neue regeln zu geben?!

in Sookees beschreibung ihrer jugend und rollenfindung als frau in einer männlich dominierten welt finde ich mich dann wieder – die ablehnung von „weiblichen“ attributen, das erst allmähliche zurückfinden zur stärke, die im vertrauen auf die eigenen gefühle und auch im äußern der eigenen befindlichkeit liegt. das interessante: dass beide rapper in ihrer vergangenheit bedauern, frauen/mädchen nicht gut behandelt zu haben. da liegt eben das problem, das maskulinisten nicht erkennen: dass es den feminismus gibt, weil egal wer diskriminiert in der männer/frauen-frage, die leidtragenden sind bisher hauptsächlich die frauen gewesen. mädchen sein ist schlechter als junge sein. es geht nicht darum, die lage umzukehren, sondern die unterschiede auszugleichen. und die geschirre, die beiden geschlechtern durch weitergetragene klischees angelegt werden, zu durchtrennen – Sookee bringt es auf den punkt:

Es geht um Einsichten. Ich wünsche mir, dass Männer in den Momenten, in denen sie realisieren, wie anstrengend es ist, ständig ihr Geschlecht zu performen, checken, wie Frauen sich fühlen. Und umgekehrt. Von mir aus soll es auch diese krassen Muskelmännlichkeiten geben, nur nicht in der Ausschließlichkeit. Es geht also nicht darum, Männlichkeit als Ganzes zu verwerfen, sondern die Dominanz einer bestimmten vorherrschenden Form von Männlichkeit ein bisschen aufzubrechen.

im weiteren spricht sie sich für eine frauenquote aus, deren notwendigkeit Megaloh mit einem verzeihlichen fehlschluss in frage stellt: qualität setze sich seiner erfahrung nach durch. wie ich an anderer stelle auch schon mal schrieb, geht es bei einer frauenquote nicht darum, unbefähigte menschen allein wegen ihres geschlechtes zu (be-)fördern. sondern befähigte menschen zu fördern, die aufgrund ihres geschlechtes sonst keine chance bekommen – das ist die krux! die argumentation, wie Megaloh sie führt, geht fälschlicherweise davon aus, dass es keinen unterschied in den chancen für männer und frauen gibt. vielleicht meinen menschen wie er, weil es im gesetzbuch steht, ist es bereits realität. tatsächlich ist die benachteiligung von frauen vielseitiger, subtiler und nachhaltiger, als dass man sie umfassend erklären könnte. man kann nur bei jedem puzzlestück, das einem selbst begegnet, darauf hinweisen.

Sookee kontert seine plattitüde im übrigen effektiv. der rest ist das übliche „die jugend von heute retten“-theorisieren.

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30. Juli 2013

welche rolle spielt ein „nein“?

mit dank an Thomas verlinke ich hier den erfahrungsbericht einer vergewaltigungsüberlebenden. die situations- und zustandsbeschreibungen derjenigen, die eine vergewaltigung erlitten haben, müssen – so scheint es – immer und immer wieder neu erzählt werden, um gegen die nicht enden wollende brandung des victim blaming bestand zu haben.

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29. Juli 2013

support your local horror-regisseur

Buttgereit, Marschall, Kosakowski wollen den neuen deutschen horrorfilm German Angst drehen. sie brauchen weniger als 2.000,-, haben aber nur noch 2 tage zeit, die zusammen zu bringen. das muss zu schaffen sein. go to kickstarter and support.

nachtrag 30.07.2013: es ist vollbracht! der film wird gemacht, und wenn er es auch nicht in die kinos schaffen sollte – was ich nicht hoffe!!! – werden die supporter jedenfalls ihre kopien erhalten und damit ordentlich die werbetrommel rühren. show ‚em, boys!

29. Juli 2013

KW 31/2013: Else Hirsch, 29. Juli 1889

Else Hirsch

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Bevor die aus dem Inneren und zu Vernichtungszwecken organisierten Deportation von Juden in Deutschland begann, hatte das nationalsozialistische Regime bereits jahrelang mit unterschiedlichen Mitteln die Judenfeindlichkeit im Land geschürt und die Entmenschlichung einer ganzen Bevölkerungsgruppe vorbereitet. Da der vollständigen Entfernung der Juden aus dem Deutschen Reich aber lange auch noch ökonomische Interessen entgegenstanden – Juden machten einen guten Teil der deutschen Wirtschaftskraft aus – und die räumlichen und logistischen Gegebenheiten auch erst geschaffen werden mussten, beschränkte sich die Verfolgung zunächst auf das Unerträglich-Machen der Lebensumstände, mit gleichzeitiger Unterstützung der von den Juden selbst gewählten Auswanderung.

Selbstverständlich war auch damals die massenhafte Auswanderung kein Leichtes. In der dunklen Ahnung, die sich nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zu einer unleugbaren Sicherheit verfestigte, begannen in den späten 30er Jahren die Versuche, zumindest die Kinder in Sicherheit zu bringen. Else Hirsch zeichnete hierfür in Bochum besonders verantwortlich. Als jüdische Lehrerin an einer jüdischen Schule war sie zu diesem Zeitpunkt quasi arbeitslos bzw. arbeitsunfähig gemacht worden. In unablässiger Tätigkeit setzte sie Dokumente auf, verhandelete mit den Behörden und organisierte die Reisen von Bochum nach Holland oder über den Hoek van Holland nach England.

Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges konnten so dank der Erleichterung des Dritten Reiches um die „Sorge“ um den jüdischen Nachwuchs zahlreiche Kinder zumindest vor dem Tod in Konzentrationslagern gerettet werden. Dass ihr Schicksal – sowohl durch die traumatische, oftmals endgültige Trennung von den Eltern, dem nicht immer erfolgreichen Einleben in der Fremde wie auch durch die bald in Feindseligkeit umschlagende Stimmung im Empfängerland gegen die Deutschen – kein ungetrübt glückliches war, blieb in der Aufarbeitung der Shoah im Schatten.

Nichtsdestotrotz: Leben wurden gerettet, von Männern und Frauen wie Else Hirsch.

Der Gedanke an diese Kindertransporte berührt mich jedes Mal zutiefst. Als Mutter eines Kleinkindes erschüttert mich die Vorstellung, eine solche Entscheidung treffen zu müssen: Mein geliebtes Kind quasi schutzlos in die Fremde schicken zu müssen, mit der Wahrscheinlichkeit, es nie wieder zu sehen – mit der dünnen Hoffnung, lange genug am Leben zu bleiben, dass in ungewisser Zukunft eine Wiedervereinigung stattfinden könnte. Mein Kind für immer wegzugeben, damit es eine Chance auf Überleben hat, die ich selbst nicht habe. Was für ein Schmerz.

24. Juli 2013

check-list for legitimate rape

Taylor Ferrera helps out confused victims

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22. Juli 2013

fern-östliche sensationen

wie das leben spielt, überschlugen sich just nach dem Forced Entry Beitrag zu The Day of the Woman, den ich mit meinem mann für Hard Sensations verfasst hatte, im RL etwas die ereignisse. doch da das leben weitergehen muss – und im internet tut es das ohne unterlass – möchte ich lieber verspätet als gar nicht auf die nachfolgenden beiden texte von Silvia und Maria hinweisen.

im 10. Beitrag befassen sie sich mit dem japanischen Rape! 13th Hour, der mit struwweliger plüschigkeit und vermischung von erzwungenem und freiwilligem hetero- und homosexuellem verkehr die xenophilie reizt.

im 11.? Beitrag wenden sie ihren blick ebenfalls östlich, zum russischen The Day of Love, welcher wiederum satirisch die resignation der zerbrochenen sowjetunion und die hoffnungslose perspektive auch nach der perestroika ins rape&revenge-genre übersetzt.

wenn aus diesen texten – unvorstellbarerweise – nur eines hängenbleiben sollte, so muss es die unwiderlegbare wahrheit sein, dass die einzig adäquate weise, einen stallone-film zu betrachten, oben ohne ist. dies gilt für männer wie für frauen.

22. Juli 2013

KW 30/2013: Jeanne Baret, 27. Juli 1740

Jeanne Baret

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Geschichten von Frauen, die sich in alten Zeiten als Männer verkleidet haben und so erfolgreich eine Karriere verfolgten, gibt es einige. Sie klingen immer alle irgendwie nach Märchen; heutzutage sind solche Geschichten meist nur Anlass für günstig produzierte Fernsehfilme, alte Witze über die achso typischen männlichen und weiblichen Verhaltensweisen aufzuwärmen, um am Ende doch wieder jeden glücklich in seiner Normrolle zu platzieren.

Jeanne Baret verkleidete sich als Mann, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ging als erste Frau in Männermontur auf Weltreise. Keiner der Mitreisenden – außer ihrem Dienstherren Commerçon, der wohl sowieso ihr Liebhaber war – bemerkte es. Stattdessen brauchte es die „unzivilisierten“ Tahitianer um zu bemerken, dass es sich um eine Frau handelte. Jeanne Baret unterstützte ihren Dienstherren bei seinen Expeditionen und Forschungen und ersetzte ihn später sogar im Krankheitsfall. Sie leistete alle Arbeit, als sei sie der Mann, als der sie sich verkleidete.

Wie üblich beim Matilda-Effekt (über den ich im Artikel über Rosalind Franklin erfuhr) wurde ihr Beitrag zu Geschichte der Naturforschung lange und vollständig unterschlagen. Gottseidank finden sich imme rnoch unbenannte Spezies auf unserem Planeten, sodass 2012 endlich eine Pflanze nach ihr benannt wurde.

17. Juli 2013

neither am i

through theroot.com

15. Juli 2013

grown ups

dennis dugan, USA 2010

ein afro-amerikansicher hausmann, der von seiner frau und schwiegermutter das typisch verächtliche housewife treatment erhält.

ein esoteriker, der eine viel ältere frau liebt, auch und überschwänglich körperlich.

eine mutter, die ihren 4-jährigen sohn noch immer stillt.

geschlechter-rollen und -klischees werden in grown ups in szene gesetzt, und das un-normale thematisiert. werden witze darüber gemacht? ja. kann man diese witze auch geschmacklos finden? wahrscheinlich.

aber werden die abweichler lächerlich gemacht, gedemütigt und in der entwicklung des plot normativ auf linie gebracht? nein.

der hausmann bleibt hausmann, findet aber den respekt und die kommunikation mit seiner beruflich erfolgreichen frau – ohne soziale kastration bleiben die geschlechterrollen auf den kopf gestellt.

die beziehung mit dem ungewöhnlichen altersgefälle stellt sich als die heraus, an der sich die anderen ein beispiel nehmen können: nach dem motto „wenn einer weise ist, sind zwei glücklich“. die „alte“ frau darf nicht nur über ihren intellekt und ihre lebenserfahrung liebenswert sein, die tatsache, dass sie auch erotisch begehrt wird, bleibt ohne den ruch der perversion akzeptierte tatsache – eine der am sinnlichsten gelebten körperlichen beziehungen, die eher neid als ablehnung reizt.

ja, die stillende mutter muss am ende abschied von ihrem 48-monate alten stillkind nehmen. doch mit wenigen details pointiert und liebevoll betrachtet: dass der kleine beim umsteigen auf tütenmilch sagt: „aber ich weiß nicht ob mammi das möchte!“ und sie, die es akzeptiert, aber doch traurig bemerkt, dass sie nun gar nicht wüsste, was sie mit „diesen“ (ihren brüsten) anfangen solle. (allein, dass ihr nicht klar ist, dass ihr mann sich schon darum kümmern wird, ist eher unwahrscheinlich.) auch in den derben milch-spritz-gags ist kein fingerzeigen und lächerlich machen einer perversion. es ist eine mutter, die sich nur schwer davon trennt, gebraucht zu werden, etwas, was viele nachvollziehen können.

hinter den vielleicht auch mal kindischen, körperlichen gags, die man von adam sandler, kevin james, chris rock, david spade und rob schneider kennt und erwartet, steckt nichtsdestotrotz ein humanistischer geist, eine große toleranz für anders-artigkeit und sogar ein bisschen sendungsbewusstsein. man kann sagen: die witze, die hier gemacht werden, über emaskulierte hausmänner, über seniorenliebe und so weiter, sind haut gout. sie thematisieren ohne scheu und ausgesprochen das, was die meisten menschen dazu nur denken und sich noch dafür schämen mögen. sie machen aber nicht die menschen, sondern die praktischen aspekte und gesellschaftlichen erwartungen zur pointe.

der humor mag geschmackssache sein, die „message“ aber ist unzweifelhaft. bis hin zum unamerikanischen finale, in dem der ewige sieger nicht sympathie dafür erhält, dass er noch einmal mehr obsiegt und der verlierer die soziale schmach ertragen muss. stattdessen endlich einmal die erkenntnis: erfolg ist nicht, immer der sieger zu sein. erfolg ist, glücklich zu sein mit dem was man hat und anderen ihre erfolge zu gönnen.

mein mann mochte den film auch sehr und zerpflückt die zahlreichen negativen kritiken aus amerika in der luft.