Post Skriptum

Zwei Kinder wurden geboren, kurz nacheinander. Erst ein Junge, dann ein Mädchen.

Sie wurden gefüttert, gekleidet, gebildet, geprägt.

Sie lernten sich kennen und verliebten sich.

Zu Beginn fanden sie sich unbeschreiblich und waren entzückt von ihren Ähnlichkeiten, liebten das Eigene im Anderen und erkannten sich als ungetrübtes Spiegelbild. Sie waren das, was sie seit langem gesucht hatten.

Bald kamen sie sich näher und sahen sich deutlicher, fanden Unterschiede, die sie erfreuten. Sie ergänzten sich und fanden sich wunderbar.

Sie liebten sich und lebten zusammen, ließen sich ein auf die Andersartigkeiten, schlossen Kompromisse. Sie wollten das Gleiche.

Dann entwickelten sie sich weiter, brauchten Raum für die eigene Persönlichkeit und nahmen Veränderungen am anderen wahr. Sie waren enttäuscht und stritten sich.

Dabei machten sie sich Vorwürfe, verletzten sich und schwiegen. Sie wussten nicht mehr, was sie sagen sollten.

Später waren sie kalt und gefühllos, verhielten sich abweisend und fanden sich unerträglich. Sie waren sich fremd und hielten es nicht mehr miteinander aus.

Schließlich trennten sie sich und weinten, wollten Genugtuung oder wenigstens Erklärung, wollten sich nie wieder sehen und alles vergessen.

Irgendwann vergaben sie sich, fanden andere, die sie lieben konnten, gingen ihrer eigenen Wege und lebten ein besseres Leben ohne einander. Sie waren froh, dass es so gekommen war.

Sie schrieben sich Briefe, in denen sie in Worte zu fassen versuchten, was sie fühlten und dachten, was sie bewegte, was sie wünschten und tun wollten.

Liebesbriefe, am Anfang. Die Zeilen waren voller Begierde, Beschreibungen von Körpern und Akten der Hingabe, die Worte sollten die Sehnsucht, die Wollust beschreiben und die Ewigkeit beschwören.

Streitbriefe, Versöhnungsbriefe später, die erklären sollten, Standpunkte darlegen und Verständnis schaffen. Versuche, sich selbst zu bewahren, Suche nach Nähe und Gemeinsamkeit.

Am Ende Trennungsbriefe, in denen die Worte wie Waffen aufeinander gerichtet wurden, die Beweise führten für Fehlverhalten, Respektlosigkeiten und bewusste Verletzungen. Die Zeilen wehrten die eigene Schuld ab, wiesen sie zurück, dem anderen zu.

Sie lasen die Briefe – auch dann noch, als sie keine mehr schrieben – die alten wie die neuen, immer wieder.

Sie las in seinen Briefen. Las von dem Wunsch, bei ihr zu bleiben, und verstand, dass er davon sprach, nicht immer bei ihr zu sein. Die Worte vom Moment, der sich wie eine Ewigkeit anfühlt, sagten ihr, dass die Ewigkeit im nächsten Moment vorüber sein kann. Die Sehnsucht zu genießen hieß, seine Freiheit zu brauchen; seine Freiheit zu brauchen hieß, sich von ihr entfernen zu wollen.

Er las in ihren Briefen. Das Versprechen, ihn für immer zu lieben, erzählte ihm von dem Versuch, ihn für immer festzuhalten. Ihre gemeinsame Zukunft, die sie beschrieb, bedeutete ihm Erwartungen, die sie an ihn stellte. Seine Schwächen auch zu schätzen hieß, auf sein Lernen zu vertrauen; auf sein Lernen zu vertrauen hieß, ihn anders zu wollen als er war.

Beide starben, Jahre später.

Ihre Briefe endeten verstaut, verstaubt, vergessen. Das Papier, auf dem sie geschrieben waren, wurde gelb und brüchig, die Tinte blich aus.

Was die Worte nicht fassen konnten, verging.

Düsseldorf, 2005

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