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29. März 2017

Geht alles gar nicht… oder vielleicht doch?

Bildschirmfoto 2017-03-24 um 11.23.26

Disclaimer: Dieser Beitrag enthält einen sachlichen und einen emotionalen Teil.


(1)
Sachlicher Teil

Ich war am vergangenen Donnerstag in der glücklichen Lage, am oben beworbenen Event teilnehmen zu dürfen und können. Organisiert von der Competentia NRW, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Krefeld und dem Netzwerk Wirtschaft & Familie der WfG, stand die Veranstaltung allen Interessenten offen. Für Film bin ich bekanntermaßen immer zu haben und von einer Podiumsdiskussion versprach ich mir zumindest eine Ahnung, wo auf der Skala der Hoffnungslosigkeit meine persönliche Lage sich ansiedeln lässt.

*

Der Film Eltern von Robert Thalheim (D 2013) traf wesentlich genauer den Nerv, als ich es erwartet hatte. Das Ehepaar Christine und Konrad steht zwar weniger repräsentativ für die deutsche Durchschnittsfamilie als es möglich gewesen wäre, aber Filme sollen ja auch nicht (immer) die blasse Realität widerspiegeln.

Christine ist Ärztin mit Ambitionen auf die Oberarztstelle, Konrad ist Theaterregisseur, der sich für die Hausmann-Rolle entschieden hat, wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen. Nun sind die Kinder Käte und Emma, etwa 10 und 5 Jahre alt, „aus dem Gröbsten heraus“ und Konrad hat die Chance, sich mit der Inszensierung eines Nibelungenstoffes wieder in seinem Beruf zu etablieren. Der Umstellung, dass nun beide wieder arbeiten, die Kinder aber immer noch versorgt sein müssen, auch in den Ferienzeiten, sehen die beiden mit dem üblichen naiven Optimismus entgegen. „Wir schaffen das schon“ und außerdem haben sie eine Au-Pair gebucht, die recht schnell aus Argentinien eingeflogen kommt. Das junge katholische Mädchen ist allerdings schwanger und somit weniger eine Hilfe als eine weitere physische und psychische Belastung. Als Konrad merkt, dass er die alleinige Versorgerrolle nicht einfach abschütteln kann, zieht er aus. Natürlich kommen für die romantische Zuspitzung auch noch jeweils andere mögliche erotische Interessen hinzu; das Ende bleibt offen, weil sich diese Situationen nicht mit einem überstanden Schrecken und drei Sätzen lösen lassen.

Wie gesagt, kann man sich das tatsächliche deutsche Durchschnittsleben mit Kindern etwas weniger exotisch, turbulent und dramatisch vorstellen, aber die kleinen und großen Krisen sind sehr genau beobachtet und dargestellt. Ob es nur darum geht, dass die Kleine zum unpassendsten Moment Pipi muss und die Große schon erste Anzeichen einer pubertären Dauerablehnung zeigt, oder ob eine Gefühlswelle einen davon zu spülen droht, während man die Aufsichtspflicht hat – die Augenblicke und Sätze, die fallen, trieben mir tatsächlich mehrfach die Tränen in die Augen, weil sie so genau die Not und Verzweiflung einfingen, die ich zeitweise empfinde.

Besonders positiv möchte ich auch noch hervorheben, dass das argentinische Au-Pair sich ohne großes moralisches Händeringen oder tränenreiches Bedauern für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden darf. Direkt bei ihrer Ankunft muss sie an einer Hamsterbeerdingung am Straßenrand teilnehmen, am Ende darf sie mit den beiden Mädchen ein Ultraschallbild mit ähnlicher Zeremonie beerdigen; die Entscheidung und die Ausführung werden angenehm unpathetisch im ganzen Trubel miterzählt. Sie ist mit 18 zu jung, sie kennt den Vater kaum und will in Deutschland studieren, wahrscheinlich um ein besseres Leben zu führen (und ihren späteren Kindern ein besseres Leben bieten zu können) als ihre Mutter, und auch wenn Christine Konrad immer dankbar sein wird, dass er sie zum ersten Kind „überredet“ hat: bei dem Leben, in dass sie bei ihrer Au-Pair-Familie hineingestoßen ist, muss ihr klar werden, dass selbst das bestgemeinte „Wir schaffen das schon“ immer noch viel Kraft und Abstriche kosten wird.

*

In der nachfolgenden Podiumsdiskussion wurde die Frage erörtert, ob Familie und Beruf bzw. beruflicher Erfolg eben gar nicht geht oder vielleicht doch, warum es zu oft derzeit in Deutschland nicht geht und warum es in manchen Unternehmen eben doch so einfach geht. Unter der Moderation von Beate Kowollik besprachen Markus Gawenda (Sonic Sales Support GmbH), Marco Nöchel (HKN GmbH), Jekaterina Rudolph (Projektreferentin Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie„), Heinrich Wefing (Journalist, Autor „Geht alles gar nicht“ 2015) und Eckart Preen (Geschäftsführer WfG Krefeld) als Betroffene und Beteiligte die Möglichkeiten und  Perspektiven, und alles in allem war es tatsächlich ein Gespräch, das mir als Mutter mit Wunsch nach beruflicher Beschäftigung, wenn schon nicht Selbstverwirklichung, ein wenig Hoffnung für die Zukunft gab – zumindest die meiner Kinder.

Thema war unter anderem die Problematik der Betreuungszeiten in Kita und Schule, die selten mit den Arbeitszeiten der Eltern zusammen passen, wie sich die Schwierigkeit lösen lässt, dass kranke Kinder nun mal eben nicht betreut werden und wie sie vielleicht doch betreut werden könnten, wie Arbeitgeber den Eltern unter ihren Angestellten entgegenkommen können, ohne dabei wirtschaftliche Verluste fürchten zu müssen (kleiner Tip: meistens wird das, was nach möglicher Beeinträchtigung aussieht, der wichtigste Faktor in der Produktivitätssteigerung) und natürlich: wer soll und muss das denn nun alles berücksichtigen und umsetzen? Wahrzunehmen, dass sowohl im Publikum wie auf dem Podium Menschen sitzen, die diese Probleme ebenso wie ich nicht nur theoretisch behandeln, sondern ganz praktisch erfahren, und dass aus diesen Erfahrungen neue Bewegung in der Arbeitskultur und der Wahrnehmung von angestellten Eltern und elternden Angestellten entsteht, war wirklich tröstlich und hoffnungsstiftend.

*

(2) Hier beginnt der emotionale Teil. Warnung: Ich beziehe mich auf eine Wortmeldung bei dieser Veranstaltung, aber hier bricht sich einiges Bahn, was mich als Mutter, die arbeiten will, in der Diskussion um das Thema arbeitende Mütter, Kinderbetreuung etc. im Internet und anderswo schon eine Weile bewegt. Vielleicht ist dies ja ein Beitrag zum Feminismus der Mütter, dessen mangelnde Perspektive die Frankfurter Rundschau vor einiger Zeit beklagte.

Umso trauriger – nein: ärgerlicher ist es, gerade bei so einer Gelegenheit, dass einer der letzten Wortbeiträge einer war, der voller Reizworte und Rabenmutter-shaming war. Die Dame, die sich zu Wort meldete, war, so hatte ich aus einem Pausengespräch schließen können, in Begleitung ihres Mannes anwesend, der einen familienfreundlichen Handwerksbetrieb im eigenen Haus führt und daher mit Arbeitgeberinteressen die Veranstaltung besuchte. Sie selbst war glückliche Hausfrau/Mutter, wozu ihr zu gratulieren ist.

Ihr Wortbeitrag bestand aber leider daraus, zum Thema längere Betreuungszeiten/24-Stunden-Kitas zu fragen, wie lange man denn „die Kinder noch in der Betreuung parken (sic!)“ wolle, und gerade wenn ein Kind krank sei, man doch als Mutter nur selbst beim Kind sein wolle, und wenn einer gut genug verdienen würde, dann müsse das doch reichen.

*seufz* Wo anfangen?

Zunächst mal hatte ich im Gespräch mit ihr zuvor zugegeben, dass ja, manchmal ich tatsächlich denke, hätte ich das damals gewusst, was es mich kosten würde, hätte ich eventuell keine Kinder bekommen – aka ich „bereue“ es angesichts meiner derzeitigen Lage manchmal, Mutter geworden zu sein. Das nimmt nichts weg von der Liebe für meine Kinder, es bedeutet nur, dass ich mir auch ein glückliches Leben ohne sie vorstellen könnte. Ich würde das selbst nur als ein Zeichen von Vorstellungskraft und Ambiguitätstoleranz werten, aber manche finden solche Aussagen wohl schockierend.

Heinrich Wefings Erwiderung vom Podium habe ich nicht vollständig mitbekommen, weil ich mich zugegebenermaßen erst einmal herunterfahren musste – in einer Veranstaltung zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf hatte ich ehrlich nicht mit dem sonst aus dem Internet leidlich bekannten Konflikt gerechnet, sich als Frau, die auch Mutter ist, für die vom „traditionellen Modell“ abweichenden Entscheidungen verteidigen zu müssen. Ich erinnere mich nur daran, dass er Bezug nahm darauf, dass „Feministinnen“ dann auch Mütter, die zu Hause blieben, dafür verachteten und das natürlich auch nicht in Ordnung sei. Ich glaube aber, er kam zu dem (richtigen) Schluss, dass dies der Realität vieler arbeitender Eltern leider nicht weiterhelfe, weil die wirtschaftliche Lage eben eher seltener so sei, dass diese Wahl bestünde.

Es war sicherlich für die Dauer und die Atmosphäre der Veranstaltung eine gute Entscheidung der Moderatorin, mich nicht mit einem weiteren Wortbeitrag darauf reagieren zu lassen, da es hier um mögliche Lösungen für das gestellte Problem ging und nicht um eine weitere Schlacht in den mommy wars. Gottseidank ist dies hier meine eigene Plattform und hier kann ich so lang und breit darauf reagieren, wie ich mag.

Also fangen wir zunächst mal mit dem Unwort „parken“ an. Niemand „parkt“ sein Kind irgendwo – alle Eltern, die ich in Betreuungseinrichtungen getroffen habe, haben sich die jeweilige mit viel Mühe und Zeitaufwand angeschaut und ausgesucht, weil es eine Notwendigkeit dafür gab, dass das Kind auch von anderen Menschen als Mama, Papa oder anderen Familienmitgliedern wie den Großeltern betreut wird. Und in noch keiner Betreuungseinrichtung, die ich von innen gesehen habe, machten die Kinder einen „geparkten“ Eindruck, sondern sie waren in immer fachlich ausgebildeter und meistens liebevoller Betreuung. Nur „meistens“, weil nicht jeder Mensch mit jedem Kind immer nur säuseln kann – und das werte ich als einen positiven Aspekt der „Fremdbetreuung“, aber dazu später. „Geparkt“ werden meine Kinder eher von mir zu Hause, vor dem Fernseher oder dem Tablet, wenn ich alleine mit beiden bin und Haushaltsaufgaben erledigen muss, einen Blogpost fertigstellen will oder gar *gasp* einfach mal ein paar Minuten für mich brauche. Can’t pour from an empty cup and all that. Dementsprechend ist Zeit in den Händen ausgebildeter Erzieher für meine Kinder wertvoll, weil sie dort über Stunden hinweg gefordert, gefördert, unterhalten und unterrichtet werden. Was ich als Mutter schlicht nicht leisten kann und meines Erachtens auch nicht können muss. Ich kann dafür meinen Kindern erklären, warum sie nicht alles glauben sollen, was die Werbung ihnen erzählt, was es bedeutet, wenn einer „mit des Seilers Tochter Hochzeit gefeiert“ hat oder warum vor 100 Jahren rosa noch die Jungsfarbe war. Aber zurück zum Unwort. Das Gespräch zwischen arbeitenden und nicht arbeitenden Müttern würde so viel angenehmer verlaufen, wenn solche eindeutig herabsetzenden und verurteilenden Pejorative auf beiden Seiten vermieden würden.

Weiter geht es, wie eine andere Mutter im Publikum dankenswerterweise anmerken durfte, bei längeren Öffnungszeiten und 24-Stunden-Kitas ja nicht nur darum, dass regulär arbeitende Eltern ihre Kinder noch für ein paar Stunden mehr loswerden. Es ginge in meinem Fall früher z.B. darum, ich an vier Tagen der Woche bis 18:00 arbeiten könnte, mit einer Stunde Pendelfahrt, mein Mann auch bis 17:00 arbeiten könnte und nicht jeden Tag die Oma bemüht werden müsste. Sondern an diesen vier Tagen auch bis 17:30 eine Betreuung gegeben wäre. Oder, ganz von meiner Situation gelöst, aber sehr konkret und real, dass Eltern im Schichtdienst oder mit Arbeitszeiten, die nicht dem 9-5 im Büro entsprechen, auch eine Betreuung finden können, ohne familiäre Ressourcen – die schlicht nicht immer vorhanden oder erreichbar sind.

Bei der diskutierten „Betreuung des kranken Kindes“ geht es – nach meiner Realität und Vorstellung – auch nicht darum, ein hoch fieberndes Kind zu einer fremden Person zu transportieren, damit der Chef glücklich ist. Aber es könnte zum Beispiel darum gehen, wie die Situation sich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer erleichtern ließe, wenn das Kind wegen drei gefüllter Windeln an einem Nachmittag zwei Tage lang mopsfidel zu Hause bleiben muss, weil Kindergärten eine völlig berechtigte Quarantäne für Durchfallerkrankte verhängen. Oder die letzten Tage einer Grippe, in der das Fieber verklungen und die Langeweile groß ist, aber eine Schonung der körperlichen Kräfte immer noch angesagt ist. Homeoffice ist da natürlich ein erster wichtiger Schritt – vor allem, wenn man sich wie ich nicht scheut, solche Rekuperationsphasen mit popkultureller Bildung am Bildschirm zu überbrücken. Aber auch das hat seine Grenzen, vor allem im Sitzfleisch der Kinder, weshalb ergebnisorientierte Arbeitszeiteinteilung, wo möglich, der nächste Schritt wäre. Vornehmlich scheint es aber einfach einen Wandel der Kultur, der Haltung gegenüber Eltern zu brauchen – auch dazu später.

Zum letzten Satz schließlich, „wenn einer gut genug verdient“, dann müsse das reichen – erst einmal muss „einer gut genug“ verdienen, das ist schon mal eine Hürde für viele Eltern; und zwar nicht nur heutzutage, das war schon immer so. Aber selbst wenn die genommen ist, wie ich gerade mal so mit einigem Kopfwiegen und Händewackeln sagen könnte, unter dem unglücklichen Bilck meines Mannes, auf dem damit allein die Verantwortung liegt – es geht doch nicht nur um wirtschaftliche Aspekte! Es geht nicht nur um „arbeiten müssen“, es geht auch um „arbeiten wollen“! Und auch das nicht nur wegen wirtschaftlicher Unabhängigkeit oder „sich mehr leisten können“ zu wollen, oder einen Menschen, den man liebt, von dieser Verantwortung zu entlasten.

Ich bin Feministin und ich verachte keine Frau für ihre Entscheidungen. Mein Feminismus ist einer, bei dem es darum geht, allen Menschen die individuelle Wahl für ihr persönliches Glück zu gewähren, so lange sie damit anderen nicht schaden oder sie einschränken. Wenn eine Frau in der Arbeit als Hausfrau voll aufgeht und glücklich ist, will ich sie nicht zur Karriere im Büro bekehren. Ich beglückwünsche sie, wenn sie den/die passende/n Partner/in findet und wünsche ihr alles erdenklich Gute. Sie möge ihre Kinder so lange selbst zu Hause betreuen, wie sie mag, so lange sie ihnen nicht die Bildung vorenthält, auf die Kinder hierzulande ein Recht haben.

ICH hingegen.

Ich musste 23 Jahre alt und einen Schwangerschaftabbruch älter werden, um zu wissen, dass ich in der ferneren Zukunft dann doch wirklich Kinder haben möchte. Bis es neun Jahre später soweit war, hatte ich aber auch schon ein verhältnismäßig glückliches und erfülltes Leben gelebt. Ich habe mich vor den Kindern für Literatur, Filme und Sprache interessiert, hatte Hobbies, Leidenschaften und einen Beruf, war ein vollständiger Mensch mit Bedürfnis nach (erwachsener) Gesellschaft und Rückzugsmöglichkeit. Dieser Mensch ist nicht verschwunden, als mein erstes Kind auf die Welt kam. Die Bedürfnisse der kleinen Menschen, die ich – nach meinem eigenen Wunsch! – auf die Welt gesetzt hatte, und meine eigenen zu vereinbaren, was meistens naturgemäß zu meinen Ungunsten ausfiel, war ein langer, harter und manchmal niederschmetternder Kampf.

Und obwohl es mein gutes Recht ist, meine Ziele zu verfolgen und Bedürfnisse nicht nur des körperlichen Wohlbefindens zu stillen, habe ich den Eindruck, mich ganz besonders gegen Urteile und Vorwürfe wehren zu müssen. Aus staatlicher Sicht verdient mein Mann gerade so viel, dass wir keine Unterstützung brauchen. Und ja, mit von „Doppelverdiener mit einem Kind“ auf „Einzelverdiener mit zwei Kindern“ heruntergeschraubten Ansprüchen befinden wir uns nicht in einer wirtschaftlichen Notlage.

Als Mutter, die nicht arbeiten muss, so scheint es, sollte ich doch einfach froh sein. Und schon gar nicht meine Kinder in Fremdbetreuung geben. Müttern, die müssen, weil sonst kein Geld da ist, verzeiht man, dass sie ihre Kinder von „Fremden“ „betreuen“ lassen. Mir eher nicht – schließlich bin ich die Mutter, habe Zeit und (gerade so genug) Geld. Ich sollte einfach froh sein.

Ich bin aber nicht froh.

Nicht damit, alleinige Beauftragte im Haushalt zu sein – mein Ehrgeiz, eine „gute Hausfrau“ zu sein, ist vernachlässigbar. Nicht damit, wirtschaftlich von meinem Mann abhängig zu sein – einer guten Ehe liegt stets das Gefühl zugrunde, frei zu sein, und wirtschaftliche Abhängigkeit überschattet dieses Gefühl. Und nicht damit, meinen Intellekt und meine zahlreichen Fähigkeiten außerhalb der Mutterrolle brach liegen zu lassen – das bedeutet nämlich, dass große Teile meiner eigenen Persönlichkeit vernachlässigt werden, was zu ganz erheblichen seelischen und mentalen Problemen führt, die sich wiederum auf mein Verhältnis zu den Kindern niederschlagen.

Seit ich die eine Tätigkeit nicht mehr ausüben kann, die mir eine gelungen Work-Life-Balance erlaubte, suche ich nach neuer Arbeit. Das hieß, dass ich trotz Arbeitslosigkeit den Betreuungsplatz beim Tagesvater für meinen nicht ganz Einjährigen in Anspruch nahm. Weil ich, wenn ich neue Arbeit finden sollte, darauf angewiesen gewesen wäre, dass die Betreuung bereits besteht – mit den momentanen Planungs- und Anmeldephasen in der Kinderbetreuung ist man nur auf der sicheren Seite, wenn man einen Platz hat und nicht hergibt. Das hieß auch, dass meine Große weiterhin 45 Stunden pro Woche in den Kindergarten ging – so war sie es gewöhnt, und eine Umgewöhnung und Rück-Umgewöhnung, wenn ich wieder in Arbeit gekommen wäre, hätte mehr Stress für das Kind bedeutet als einfach den bekannten Rhythmus zu behalten.

Dass meine Kinder in ihrer Betreuung waren, hieß auch, dass ich mich in den Stunden zu Hause nicht nur um den Haushalt kümmern konnte. Ich konnte auch meiner bescheidenen Bloggertätigkeit nachgehen, ohne auf Schlaf zu verzichten (ein ausgesprochen wertvoller Gewinn), und mich der Arbeitssuche widmen, wie es die Agentur für Arbeit von mir erwartete.

Aber, und jetzt kommt’s. Aber ich habe die „Fremdbetreuung“ meiner Kinder nie nur als meinen eigenen Vorteil gesehen – um mögliche Arbeitszeiten abzudecken oder Freiraum für meine Persönlichkeit neben dem Mutterdasein zu haben. Ich spreche hier nur als Expertin für meine eigenen Kinder, ich weiß, dass andere Kinder anders sind, andere Mütter anders sind und es ist alles gut. Aber meine Kinder haben davon profitiert, dass andere liebevolle und fachlich ausgebildete Menschen in ihr Leben traten und sich um ihre Entwicklung kümmerten. Und das nicht, weil ich so eine fürchterliche, harte und verbitterte Mutter bin, sondern unter anderem weil die gewonnene Zeit für meine anderen Persönlichkeitsaspekte mir geholfen hat, eben das nicht zu werden. Und weil die Welt meiner Kinder sich geöffnet hat, sie mit anderen Kindern zusammenkamen, für ganze Tage und nicht nur ein paar Stunden; sie hat sich aber auch geöffnet für die Andersartigkeit der Erwachsenen. Wir Eltern sind atheistische Film-Freaks, die mittelmäßig-ausreichend auf gesunde Ernährung mit Fleisch achten, aber schon mal streng auf respektlosen Umgang mit unserem Eigentum reagieren. Die Tagesmutter unserer Tochter war katholische Anthroposophin, die Hausmannskost für die ganze Familie inklusive ihrer Teenager kochte und eine ellenlange Geduld hatte. Der Tagesvater unseres Sohnes war evangelischer Theologe und ausgebildeter Sozialarbeiter, der mit den Kindern vorwiegend vegetarisch kochte und die manchmal rabiaten Abenteuerlichkeiten unseres Sohnes mit Schmunzeln und einem gewissen Maß an Bewunderung betrachtete. Unsere Kinder haben bei den Tageseltern und im Kindergarten gelernt, dass sich die Fürsorge der Erwachsenen nicht immer in lieblicher Freundlichkeit äußert, dass Teilen mit anderen notwendig und sogar schön ist, haben Raum und Möglichkeit gehabt, ihren Körper und ihre Fähigkeiten auszuprobieren, die ich als einzelne Bezugsperson in einer Vierzimmerwohnung einfach nicht anbieten kann.

Heißt das, dass ich nicht alle Entwicklungsschritte meiner Kinder beim „ersten Mal“ mitbekommen habe? Ja. Haben sie darunter gelitten? Nein. Warum? Weil die Kinder diese Entwicklungsschritte nicht für mich und meine Selbstverwirklichung gemacht haben und vor allem „das erste Mal“ nur den Anfang bedeutete, dh. es folgte die Wiederholung und Aneignung neuer Fähigkeiten, die ich alle mitbekommen habe. Mein Leid darüber, nicht bei den allerersten Schritten unseres Sohnes dabeigewesen zu sein, verflog, als er gleich nachmittags zum zweiten und dritten Mal lief.

Fazit: Was ich mir wünsche. Ich wünsche mir von der Gesellschaft ein Loslassen der traditionellen Rollen, das heißt mehr Unterstützung berufstätiger Eltern auch in der Gesprächskultur. Dass Mütter arbeiten dürfen, egal ob sie müssen oder „nur“ wollen. Dass Väter zu Hause bleiben und Fürsorge erbringen dürfen. Ich wünsche mir von Arbeitgebern, dass sie „Familienfreundlichkeit“ nicht nur als Wort im Marketing behandeln und in ihrer Betriebskultur Eltern (auch potenzielle!) keine Belastung sind, sondern als wertvolle Mitarbeiter behandelt werden, die Qualifikationen mitbringen, die nur von Eltern ausgebildet werden können. Ich wünsche mir von allen Frauen, vor allem aber allen Müttern, dass sie sich von der Dichotomie gut/schlecht lösen, was individuelle Entscheidungen des Elterndaseins angeht. Die Hausfrauen/Mütter sind keine Egozentrikerinnen, keine Heimchen oder Übermütter, die ihre Kinder nur als Verlängerung ihrer selbst sehen – sie lieben ihre Kinder und wollen ihnen das Beste geben, was sie zu bieten haben*. Die arbeitenden Mütter sind keine Egozentrikerinnen, keine Karrieretussis oder Rabenmütter, die ihre Kinder nur als Lifestyle-Accessoire bekommen haben – sie lieben ihre Kinder und wollen ihnen das Beste geben, was sie zu bieten haben*. Die Bedürfnisse der Eltern und der Kinder unterscheiden sich so sehr, wie sich Menschen unterscheiden. Das Eine ist nicht richtiger als das Andere, das Andere stellt das Eine nicht in Frage oder negiert es!

Ich wünsche mir, dass es für alle Arbeit, Lebensraum und Betreuungsplätze gibt, um das individuelle Glück zu verfolgen. Amen.

 

*Selbstverständlich sind bedauernswerte Einzelfälle hiervon ausgenommen, aber bitte: viele Anekdoten schaffen keine wissenschaftlichen Fakten.

 

Nachtrag: Die WZ Krefeld hat am 31.03. einen kurzen Beitrag zum Event veröffentlicht und zitiert mich als „Akademikerin und Mutter von zwei Kindern“. 🙂

31. Dezember 2016

going out on a limp – editorial – rückblick-ausblick 2016/2017

in the light of my life’s events in the past year, i have been considering adding English content for a while now. this blog is close to my heart and not only because it has kept me relatively sane in the last five years. the topic is also still valid – we still need female role models, we still need to see more women doing and succeeding in what they want to do, love to do or are compelled to do, and more so outside of the traditional western gender role (i am speaking about the serial killers as well).

English, as much as i might have mastered it, is not my native language. for a long time i felt it was preposterous or pretentious to blog in English, and worse: i felt it was fishing. but this last year i have made more English speaking friends than ever before, specifically: more English speaking female friends, who may be interested in sharing my little passion, who may find it amusing to be informed of the women i find and present. 

also, i have come into a position – by circumstances that are heavily influenced by me being a woman and mother – where greater success of my blog could mean more success in life. the financial part i won’t even dream about, but visibility nowadays is money, so to speak. my numbers aren’t exactly smashing (the patriarchy); this is of course mainly because of bad promotion work on my part, but since this is still as of now my „private entertainment“, i’m allowing myself the easy way to tap into new audiences.

the facts about the calendar: since i worked my way through all the years before 1800 in 2016, i will stick to the chronology for now and look at women in the 1800s up until 1900. the gist of the calendar is one woman per week, determined by her birthday within that week. i choose solely by sympathy and personal tendency. the posts may vary in length, though it’s safe to say that i will have to reduce my output in German to manage both English and German.

stay tuned for the odd movie review or other related posts.

the English part will follow the German part and is easily recognisable by the teal colour. i ask to be excused for spelling and grammar mistakes (correct me anytime though).

für meine deutschen leserinnen. ich gehe nun ins fünfte jahr, und das blog ist inzwischen fester bestandteil meines lebens, maßgeblicher beitrag zu meinem selbstverständnis und retter meiner geistigen gesundheit. das schlägt sich, auch dank geringer promotionstätigkeit meinerseits, nicht sehr in meinen zahlen nieder; aber das ist kalte theorie und marktwirtschaft.

im vergangenen jahr habe ich durch die sozialen medien (was soll der heiße brei: facebook) einige neue, englischsprachige weibliche freunde und bekannte gefunden, die ich gerne an meiner kleinen leidenschaft teilhaben lassen möchte. dass sich dadurch eventuell meine zahlen verbessern, geschenkt.

es wird mit dem kalender, chronologisch naheliegend, dieses jahr ins 19. jahrhundert gehen. die texte werden mit großer wahrscheinlichkeit eher kürzer werden, da ich durch die zweitsprache doppelt soviel schreibarbeit leisten muss (auf google translate ist einfach noch nicht genug verlass). es bleibt beim deutschen text in der basistextfarbe an oberster stelle, der englische teil folgt in dunkeltürkis („teal“) weiter unten.

das leben hat mir in den letzten drei, dreieinhalb jahren ein paar zitronen gereicht. manchmal war es wirklich, wirklich schwer, damit umzugehen. dieses blog hat mir dabei mindestens so sehr geholfen wie meine familie und zuletzt meine punky moms. aber schlußendlich ist das, was bleibt, was uns stark macht und etwas zurücklässt, wenn wir nicht mehr sind: aufstehen, weitermachen. ich bin auf einen punkt zurückgeworfen, an dem das, was sonst risiko gewesen wäre, sich als die größere chance auf erfolg darstellt. gewissermaßen bin ich auf den pott gesetzt und kann jetzt machen…

das bild ist nicht so schön wie das von den zitronen, mit denen man limonade machen soll, also vergesst es besser schnell wieder. alles macht weiter, ich auch.

25. Oktober 2016

leseliste 

22. Juni 2016

maybe the world’s a mess

fuck you

i believe in me, i make my dreams real

27. April 2016

fluxus

that’s a first: ich habe hier heute mal einen erlebnisbericht zu posten. abgesehen von editorials zu diesem blog ist ja mein eigenes leben als „frauenfigur“ nicht thema, aber gestern abend habe ich an einem event teilgenommen, über dessen initiatorinnen und teilnehmerinnen ich unbedingt berichten möchte.

begonnen hat es mit meiner freundin M., die ich seit etwa einem halben jahr kenne und an deren spannenden lebensplänen ich als derzeitige zuschauerin gerne teilnehme. M. war im netz auf FIELFALT gestoßen, die Community für Frauen, die etwas wagen wollen. Es erstaunt und betrübt mich immer wieder, wie solche offensichtlich lang bestehenden foren, die sich mit frauen im beruf und im gesellschaftsleben befassen, in meinem filter nicht auftauchen können. zugegeben bin ich offenbar durch eine amerikanisch orientierte medienperspektive – und vielleicht auch aufgrund der hiesigen, mir nie 100% passenden frauen-magazin-welt – da auf dem deutschen auge blind, aber man sollte meinen, etwas wie FIELFALT würde viel mehr (zumindest meine) aufmerksamkeit erregen.

jedenfalls, jetzt war eine FIELFALT-veranstaltung in meinem FB-stream, und in meinem derzeitigen „gelegenheit beim schopf greifen“-lebensstil habe ich nicht lange gezögert, zugesagt und tickets für M. und mich organisiert.

so fanden wir uns gestern abend um 19:00 bei STARTPLATZ in köln für den workshop ein. geleitet wurde dieser von den beiden tollen frauen von samzer.me (Coaching am Meer), die uns an diesem abend eine technik nahebringen wollten, die „von der idee zur umsetzung“ führt. nach einer einstimmungsmeditation (don’t knock til you tried it) erklärten uns Susanne und Monica die sieben schritte ihres coachings, von denen wir einen im speziellen gestern genauer kennenlernten.

ich will darüber gar nicht ins detail gehen, weil es erstens samzers thema ist und zweitens in meinem fall (noch) nichts spruchreifes ergeben würde. im rahmen des workshops wurde uns allerdings sicherlich allen deutlich, wo die üblichen bremsblöcke und hemmschwellen liegen und wie wir sie aktiv, geplant und zielführend angehen können.

ich hatte schließlich auch noch das glück, in der phase des zwiegesprächs mit Cornelia zusammenzutreffen. Cornelia ist eine faszinierende person, die aus einem völlig fachfremden hintergrund ein webbasierte interviewserie startete, für die sie trotz seitenwind und anfänglicher allgegenwärtiger skepsis eine förderung der filmstiftung nrw erhielt.

ich will ganz ehrlich sein – der erste impuls, als ich hörte „ich habe keine ahnung von film, aber habe das einfach gemacht und die förderung bekommen“, war neid. aber diesem so negativ betrachteten gefühl liegt ja auch etwas zugrunde, das man positiv nutzen kann. was war die wurzel dieses ersten impulses? die bewunderung für den mut und die hartnäckigkeit. neid ist das gefühl „ich will das auch haben“ – also muss ich genau hinsehen, was es ist, das ich will, und was ich tun muss, um es zu erreichen; und von Cornelia kann ich mir eine dicke scheibe dieser chuzpe abschneiden. den impuls aufzufangen und umzuwandeln, ist mir dann gottseidank auch gelungen – denn der neid ist ja auch das bei den stereotypen als hauptproblem weiblicher kooperation erkannte übel. also, statt den neid sich zur missgunst entwickeln zu lassen, habe ich der anerkennung raum gegeben und die parallelen ihres projektes zu meinem unauffälligen kleinen blog gesehen: NeonWhite lässt sieben prominente frauenfiguren zu unterschiedlichen themen des lebens zu wort kommen. unter anderem Nazan Eckes und Rita Süßmuth sprechen mit Cornelia über karriere und finanzen, kinder und job oder körpergefühl und wellness. das projekt ist noch nicht abgeschlossen, aber einige videos sind bereits online. das sollte man im auge behalten.

als fazit des abends nehme ich mit, dass frauen einander brauchen – um sich zu unterstützen, um sich gut zu fühlen und sich besser zu entwickeln. dass es aber vor allem an einer frau liegt, ob sich die dinge, die ich mir wünsche, erfüllen, ob ich das bekomme, was ich verdiene, ob das leben so verläuft, wie ich es mir erträume: an mir selbst.

23. März 2016

Katze und Igel

Ich habe jetzt eine Weile mit mir gehadert, ob diese Selbstpromotion zulässig, angebracht und hilfreich ist, und bin im Zuge meiner Eindrücke von weiblichen Rollenvorbildern zu dem Schluss gekommen…

Quelle: Katze und Igel

28. Dezember 2015

KW 53/2015: Rückblick/Ausblick zwischen den Jahren

Für die 53. Woche nehme ich mir mal die Zeit für einen Rückblick-Ausblick. 2015 war blogtechnisch gesehen nicht üppig (für lange Texte fehlte mir Muße), aber unter den gegebenen Umständen bin ich zufrieden, dass ich geschafft habe, was ich mir vorgenommen hatte.

2016 soll, nein, muss in vielerlei Hinsicht besser werden – wobei ich das Glück, viel Zeit mit den Kindern verbringen zu können, zu schätzen weiß. Wenn aber die Perspektive nicht gesichert ist, hangelt man sich doch nur von gutem Augenblick zu gutem Augenblick, der Sumpf von Zukunftsangst und Selbstwertverlust brodelt darunter und bietet keinen festen Halt, wenn man mal zu kurz greift.

Jedoch, es muss ja weitergehen, und da retten Kinder den Eltern schon mal das Leben. Vielleicht bewegt sich richtig was, vielleicht macht man mal was ganz Neues, Gewagtes.

Zurück zum Blog, hatte ich zuletzt die Idee, mich auf Frauen vor dem 19. Jahrhundert zu konzentrieren. Das setzt der Recherche klare Grenzen und führt mich dennoch in Bereiche, an die ich mich sonst nicht wage. Wie es aussieht, steht das kommende Jahr unter diesem Zeichen – ich nehme das als Chance wahr, wie es so schön in Bewerbungstexten heißt.

Abschließend sage ich natürlich noch Danke – für die Loyalität der Follower, für die Klicks und das Interesse der Leser im Allgemeinen. Ich freue mich auf die kommenden Erkenntnisse, Texte und hoffentlich noch mehr Leser und Follower. Guten Rutsch und ein frohes neues Jahr.

27. Mai 2015

ankündigung für rest 2015

das leben geht merkwürdige, manchmal ärgerliche wege… seit gestern bin ich offiziell nicht mehr in elternzeit, jedoch auch nicht an meinem arbeitsplatz, aus gründen und unter umständen, die ich weder erörtern sollte noch möchte.

in jedem fall geht es hier ab nächster woche wieder los mit dem kalender, in der hoffnung, dass sich in der zweiten hälfte dieses jahres keine weiteren änderungen einstellen, die mir eine weiterführung unmöglich machen.

die kriterien für die frau der woche für den rest dieses jahres nenne ich mal geplanten zufall. ich wähle für die erste woche eine frau aus, die am montag geburtstag hat, für die zweite eine, die am dienstag geburtstag hat, für die dritte am mittwoch etc., you get the gist. das erleichtert mir das leben, da es recherchezeit und qual der wahl reduziert.

an alles weitere gewöhnt man sich stück für stück, wie pepe le moko es damals zu einer wesentlich schlimmeren sachlage ausdrückte. -__-

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11. März 2015

liebster award

vor einiger zeit hat mein mann und meistgelesener filmblogger Oliver von remember it for later mich für den liebster award mit 11 fragen bombadiert, die ich im laufe der zeit beantwortet habe. gestern abend habe ich das ding endlich rundgemacht, hier also alles über mich und film, was ihr nie wissen wolltet.

Was ist dein Anspruch, wenn du Texte über Filme schreibst? Wann sagst du: “Ich bin zufrieden”?
wenn ich für mein blog über filme schreibe, kann der anspruch sehr unterschiedlich sein. manchmal möchte ich meinen leserinnen meine begeisterung für einen film vermitteln, manchmal mir nur schriftlich gedanken machen, manchmal (leider selten) gerate ich in einen analyserausch und muss eine erkenntnis in worte fassen. da ich auf frauenfiguren keine „endgültigen wahrheiten“ postulieren möchte, sondern zum nachdenken anregen, eine perspektive anbieten möchte, sind es oft mehr fragen als antworten, die ich in die sphäre werfe.
wenn ich für Hard Sensations schreibe, mache ich das möglichst nur über filme, die mir am herzen liegen – da möchte ich den lesern vermitteln, warum ich den film mag und warum sie ihn auch mögen könnten. da bin ich anspruchsvoller – und erst zufrieden, wenn das, was ich geschrieben habe, annähernd meine empfindungen ausdrückt. stilistisch probiere ich mich gerne aus, daraus resultiert der größte druck für mich: ich möchte immer den bestmöglichen text herausbekommen. aber wenn ich eine woche später noch mal lese, finde ich sowieso immer noch etwas, was ich hätte besser machen können…

Du könntest deine “Bloggerkarriere” rebooten. Wie würdest du dich neu erfinden? Was würdest du anders machen? Warum?
tatsächlich habe ich das im prinzip ja schon gemacht. als ich zum ersten mal von blogs hörte, war es für mich klar: das muss ich machen. ich wollte und will immer schreiben, und ich will auch gelesen werden. also habe ich damals, 2006 war das glaube ich, ein blog gestartet (zorasworte bei blogspot, ist aber inzwischen ent-öffentlicht). das war ein reines tagebuch. mein leben war nur leider nicht so rasend interessant, dementsprechend waren die texte mal mehr mal weniger blah. das es sinniger ist, bei all den worten da draußen ein thema zu haben, einen roten faden und einen anlass für regelmäßige einträge, habe ich erst wirklich nach fast 3 jahren verstehen wollen. dann kam unser erstes kind und im jahr danach ein job, der mehr raum ließ für mich, und da habe ich meine „bloggerkarriere“ rebootet. die idee kam mir übrigens bei der sichtung von 20,000 leagues below the sea… weil da zwar keine einzige frau mitspielt, aber trotzdem immer von „she/her“ die rede ist, nämich von der nautilus.
in diesem blog mache ich nicht alles anders, aber ein thema habe ich, einen roten faden und einen anlass für regelmäßige einträge. und am allerwichtigsten: ich setze mich nicht mehr unter druck, immer nur den wichtigsten text des tages zu schreiben. manchmal reicht auch nur ein satz.
also, um die frage ganz richtig zu beantworten: gar nicht, nichts, weil ich dieses blog mag und mit dem erfolg, den ich habe, zufrieden bin (ich freue mich über jeden follower und auf die listung bei featurette bin ich immer noch stolz wie bolle…!). so kann’s weitergehen!

Warum schaust du dir Filme an? Was erwartest du von ihnen? Was versprichst du dir für dich davon?
das ist so unterschiedlich wie die filme, die ich schaue. manche schaue ich, weil du (mein lieber gatte), sie anschleppst ;). manche schaue ich zur unterhaltung, manche zur herzens- und hirn-bildung. manche schaue ich immer wieder, weil ich lachen oder weinen, einen rausch fühlen will – manche schaue ich auch nur, weil ich manche männer gerne sehe…
ich bin eine schlechte wissenschaftlerin (mit der tatsache habe ich mich inzwischen angefreundet), denn ich nähere mich filmen zuerst auf der gefühlsebene. ich freue mich, wenn mir technische details auffallen, aber in erster linie lasse ich den film auf mich wirken. meine erwartung ist da eigentlich „nur“, dass der film… vielleicht ist der richtige ausdruck: „mit sich im reinen ist“. ein film, der als unterhaltungsfilm konzipiert ist, sollte mich unterhalten – wenn es ihm gelingt, mir etwas mehr zu geben, ist das super, aber ein mangel an politischer aussage oder lebensweisheit enttäuscht mich nicht. von einem film, der mir eine große, wichtige geschichte, eine wahrheit erzählen will, erwarte ich, dass er mir nicht eine meinung unterjubeln will. ein film, der vor allem dynamisch, körperlich ist, darf eine schlichte story haben. am liebsten sind mir aber doch die filme, die mir vielleicht auch noch dabei helfen, die welt, das leben besser zu nehmen – filme, aus denen ich ein gefühl mitnehme, das ich in meinem leben wiederfinde.

Was muss ein Film leisten, damit er dir gefällt? Gibt es einen Film, der deinen Idealvorstellungen krass widerspricht und den du trotzdem oder gerade deshalb besonders liebst?
wie ich oben schrieb: er sollte nicht versuchen, etwas anderes zu sein, als er ist. vom schreiben her kenne ich das prinzip, dass weniger mehr ist: oft gewinnt ein text durch kürzungen. ich kann also eher auf ausführliche biografien oder humoristische einlagen verzichten, wenn sie dem film die stringenz nehmen.
seit einiger zeit ist für mich tatsächlich auch der bechdel test relevanter geworden. ich werde nicht einen film nicht schauen, weil er diesen test nicht besteht, aber besonders bei neueren filmen lege ich an die frauen-repräsentation höhere maßstäbe an. bei älteren muss man da natürlich kulant sein – früher waren die dinge anders – aber dennoch fällt mir auch dann auf, wie tief die zum teil arbiträre differenz zwischen mann und frau in unserer kultur verwurzelt ist.
in diesem sinn ist ask any girl der film, der mir spontan zu dieser frage einfällt. david niven und shirley maclaine sind wundervoll, diese ganze konstruktion, dass sie aus den „spezialitäten“ vieler frauen zusammengebastelt wird, um den einen mann zu binden – wie frankensteins monster! der film ist wunderbar charmant – aber seine prämisse und viele aussagen sind zutiefst konservativ (klar, schließlich ist er von 1959) und furchtbar restriktiv. besonders gegenüber der weiblichen sexuellen freiheit. als ich den zuletzt gesehen habe, habe ich mich echt ein bisschen geschämt. aber rod taylor!

Was hältst du für das größte Manko des gegenwärtigen Kinos/Films?
ich tue mich mit der frage schwer. aus der arbeit in der werbung weiß ich: es gibt oft eine gute idee, aber die kostet geld – und hat dann am ende möglicherweise nicht den erfolg wie das gute alte prinzip „8s story, 6s benefit, 6s packshot“. also wird dann doch immer wieder der gleiche spot gemacht – weil die, die das geld hinlegen, angst haben.
mein erster impuls wäre zu sagen: es fehlt am mut zum scheitern. nur verliere ich selbst auch nicht gerne geld, bringe da also irgendwie verständnis auf. allerdings geht es eben in der werbung ganz grundsätzlich ums geld-machen. und bei film denke ich ganz idealistisch: es sollte um mehr gehen. ich könnte auch auf das achte sequel oder die nächste verfilmung eines obskuren comics verzichten (obwohl, guardians of the galaxy würde ich gerne sehen…!) und hätte statt jeder woche den neuesten, austauschbaren blockbuster lieber einmal im monat einen film, der für sich steht, den ich von anderen filmen auch später in meiner erinnerung noch unterscheiden kann, der richtig was bringt.
also, vielleicht mangelt es am mut zum scheitern, weil es tatsächlich am verständnis mangelt, das film eine kunstform ist. eine, die auch der unterhaltung dient, aber eben kunst – bei der neue dinge ausprobiert werden müssen, mal was nicht nach den regeln laufen darf, vielleicht auch mal grandioses scheitern erlebt werden muss.

Du darfst Produzent spielen und den Film machen, auf den die Welt bislang vergeblich gewartet hat. Du bist dabei weder finanziell, noch in Zeit und Raum gebunden. Welchen Stoff würdest du verfilmen, wer dürfte Regie führen, Drehbuch schreiben, den Soundtrack komponieren etc. Wer spielte die Hauptrollen? Alles ist möglich!
also, stoff ist einfach: die verfilmung meines lieblingsbuches stein und flöte. regie müsste entweder peter jackson oder guillermo del toro machen – irgendein megalomaniac mit fantasy-hut. drehbuch sollte jemand schreiben, der das buch liebt und versteht und nichts weglässt oder gar besser machen will. der film müsste dem buch 1:1 entsprechen, also vielleicht am besten hans bemmann selber. der soundtrack wäre bei angelo badalamento gut aufgehoben, glaube ich. die hauptrolle des haarigen lauscher könnte ich mir super an seth rogen vorstellen.
eine andere wahnsinns-idee wäre tad williams‘ otherland. totaler wahnwitz wäre dann nicholas winding refn als regisseur. der sucht dann auch die passende musik aus. hauptrollen gibt es einige, tom hardy in irgendeiner davon wäre das sahnehäubchen.

Welche Filme würdest du gern zu ihrer Erstaufführung im Kino sehen? Beschränke dich auf maximal drei.
da bin ich wahrscheinlich ziemlich klassisch. the great train robbery als erste wahrnehmung der erzählerischen möglichkeiten würde mir bestimmt freudiges herzrasen machen.
als zweites fällt mir total langweilig psycho ein – um diesen schock mitzuerleben, dass die vermeintliche protagonistin nach 20 min. (oder wieviel) tot ist…
ein film, den ich dringend sehen muss, und wenn ich könnte, würde ich ihn gerne in seiner eigenen zeit sehen, ist the women – und zwar das original von 1939!

Du darfst dir drei DVD-/Bluray-Veröffentlichungen bislang nicht erhältlicher Filme wünschen. Welche wären es?
ich habe leider keine ahnung, welche filme es nicht auf heim-medien gibt… da ich ein ziemlich vanilliges filminteresse habe und mir die abwegigen juwelen eher von anderen vorbeigetragen werden, kann ich da jetzt wirklich keine antwort drauf geben.

Wie sieht dein ideales Kino aus?
mittelgroß, viel beinfreiheit, großzügige sessel – ich denke da an die tollen drehsessel, die im weilmünsterer kino in den ersten reihen stehen/standen… überhaupt wäre das pastori lichtspielgasthaus in weilmünster, so, wie es in meiner jugend war, wohlmöglich mein ideales kino, die hatten nämlich (neben der raucherlaubnis) auch noch die bar im saal *herzchen*. vor allem aber: nur mit besuchern gefüllt, die film lieben und respektieren und verstehen.

Wenn du in einem Film einziehen könntest, welcher Film wäre es?
das ist beinahe einfach. nach kurzem nachdenken ganz klar: we’re no angels!!!

Nenne einen Film, den du gern mögen würdest, es aber einfach nicht schaffst.
erste assoziation: a bout de souffle. wichtiger film, godard der lieblingsregisseur meiner eltern – mir sagt der film wenig. einmal im fernsehen eingeschaltet und mit schlechtem medienwissenschaftler-gewissen angeschaut, fand ich ihn leider prätentiös und langweilig. ich habe eben einfach keinen geschmack.

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29. September 2014

featuring

ich bin aufgeregt. freudig erregt. geehrt und geschmeichelt.

gerade letzte nacht erfasste mich trübsinn, weil ich ja nun kaum noch blogge – jedenfalls kaum schreibe, nur mal so eben zwischen still-bh öffnen und windel wechseln… die tollen frauen von featurette.de haben das bestimmt gemerkt und es sich anders überlegt, als mich dieses jahr in ihre bloggerin-der-woche-liste zu übernehmen…

gleich mal heute morgen nachgeschaut und – pustekuchen! ich war letzte woche bloggerin der woche und habe es nicht mal gemerkt! sorry sorry sorry und danke danke danke.

wenn ich jetzt noch herausfinde, wie ich den button integrieren kann, bin ich glücklich für’s erste…

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