Archive for ‘Literatur-literature’

18. September 2017

38/2017: Hedwig Dohm, 20.9.1831

170px-hedwig_dohm

Hedwig Dohm

English below

Wiki deutsch

Hedwig Dohm war eine self-made woman. Nachdem sie zunächst nur die für Mädchen dieser Zeit typische geringe Schulausbildung genießen konnte, um mit 15 Jahren gänzlich auf den Haushalt im Elternhaus beschränkt zu werden, besuchte sie drei Jahre später ein Lehrerinnenseminar und heiratete mit 22 Jahren den intellektuellen Satiriker Ernst Dohm.

In der Ehe gebar sie zunächst fünf Kinder und nahm dann, als das jüngste „aus dem Gröbsten heraus“ war, ihre schriftstellerische Tätigkeit auf. In kürzester Zeit machte sie sich mit vier Essays in den frühen 1870ern zu einer bekannten Vertreterin des frühen Feminismus – sie wollte nicht nur im Kleinen die Verhältnisse für einzelne Personengruppen verbessern, sie wollte grundsätzlich die Rolle der Frau in der Gesellschaft verändern. Dazu gehörte, schon 1873 das Frauenwahlrecht zu fordern und das Recht auf die gleiche Bildung und Erwerbstätigkeit wie die Männer, um die Frauen aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit in der Ehe zu lösen.

Nach dem ersten Aufruhr beschränkte sie sich in der Folge auf Lustspiele und, nach dem Tod ihres Mannes, Novellen und Romane. Mit dem Erstarken des Feminismus in den 1880er Jahren wurde auch Hedwig Dohm wieder zu diesem Thema aktiv – sie beteiligte sich rege an der politischen Debatte in der Gesellschaft, forderte das Studienrecht für Frauen und gehörte zu den ersten, die die Begründung der traditionellen Geschlechterrollen in der „Natur“ in Frage stellte. Während des Ersten Weltkrieges bekannte sie sich vollständig zum Pazifismus.

Sie erlebte in ihrem letzten Lebensjahr erlebte sie noch die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland, bevor sie mit 87 Jahren in Berlin starb.

Auf der Seite Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern findet man eine Kostprobe ihres scharfzüngigen Witzes und ihrer fortschrittlichen Denkweise, im Pamphlet „Was die Pastoren von den Frauen denken“ von 1872.

*

Wiki english

Hedwig Dohm was a self-made woman. After she was only allowed the typical restricted education for girl in those days, to be reduced to household chores in her family home at age 15, she visited a teachers‘ seminar three years later and married the intellctual satirist Ernst Dohm at age 22.

In this marriage she started out with giving birth to five children and then, when the youngest was „out of the woods“, picked up writing. In a short time she made herself one of the most notorious icon of early feminism over the first half of the 1870s – she not only wanted to improve the conditions for certain peer groups, she wanted to fundamentally change the role of women in society. That meant demanding the right to vote in 1873 already as well as the same rights to education and employment as men, to free women from economic dependence in marriage.

After the first uproar, she consequently limited herself to plays and, after her husband’s death, short stories and novels. With the rise of feminism in the 1880s, Hedwig Dohm became active on that behalf again – she participated briskly in the political debate in society, demanded the right to university studies for women and was one of the first to question the foundation of the traditional gender roles in „nature“. During the First World War she avowed herself completely to pacifism.

She saw women’s suffrage come into action in Germany during her last year, before dying in Berlin at age 87.

On the website German History in Documents and Images a sample of her sharp wit and progressive thinking can be found, in the pamphlet „What The Pastors Think Of Women“ from 1872.

Advertisements
26. August 2017

werbung

schon 2015 habe ich diesen kleinen text geschrieben, inspiriert von den interaktionen meiner beiden kinder. nach zwei jahren habe ich nun die illustration und den „verlag“ selbst übernommen. es ist sogar ein kleiner trickfilm dabei herausgekommen, weil ich lust darauf hatte.

das buch ist (übrigens auch auf englisch) bei epubli zu bekommen. (auf amazon auch, aber da fällt für mich weniger ab.) (trotzdem toll, wenn’s da gekauft wird.)

natürlich bitte gerne teilen und weitersagen. mein leben hängt nicht davon ab, aber vielleicht mein glaube an die menschheit. 😉

10. Juli 2017

28/2017: Elsa von Freytag-Loringhoven, 12.7.1874

elsa_von_freytag-loringhoven

Elsa von Freytag-Loringhoven

English below

Wiki deutsch

Elsa von Freytag-Loringhoven hatte bereits ein bewegtes romantisches Leben hinter sich, bevor sie die Mutter des Dadaismus wurde. In Swindemünde als Elsa Hildegard Plötz geboren, strebte sie offensichtlich schon immer ein freieres und künstlerisches Leben an als das ihrer einfachen Eltern. Mit 27 Jahren heiratete sie den Architekten August Endell und lebte mit ihm nach Berlin. Die Ehe öffnete sich für eine Beziehung Elsas mit Endells Freund Felix Paul Greve – das Trio lebte in Palermo zusammen, doch die Ehe überstand diese moderne Beziehungsform nicht. Die Endells ließen sich scheiden und Elsa heiratete Greve. Nachdem er in Deutschland einen Selbstmord vorgetäuscht hatte, ging er in die USA, nannte sich Frederick Philip Grove und entkam so seinen Schulden. Elsa folgte ihm und die beiden lebten eine Zeit von der Bewirtschaftung einer Farm. Dann ließ Greve auch sie sitzen und Elsa begann, als Model zu arbeiten.

Mit dieser Tätigkeit arbeitete sie sich aus dem ländlichen Kentucky bis nach New York vor, wo sie – zwar noch nicht geschieden von Grove, aber die Ehe war faktisch nicht mehr existent – schließlich ihren dritten und letzten Mann, Leopold von Freytag-Loringhoven, heiratete.

In New York avancierte sie, während sie sich finanziell mit der Arbeit in einer Zigarettendreherei über Wasser hielt, als Model, Lyrikerin und Künstlerin zur Dadaistin. Lange Zeit von der männlichen Dominanz in der Kunstszene an die Seite gedrängt, stellt sich inzwischen heraus, dass einige wichtige Werke der Ready-made Kunst eigentlich ihr Schaffen sind. Unter anderem „God„, das bisher Morton Livingstone Schamberg zugeschrieben wurde, und der Inbegriff des Ready-made, „Fountain„, von (bisher) Marcel Duchamp – von Freytag-Loringhoven hatte das Urinal mit R. Mutt unterzeichnet und ihm als Skulptur vorgestellt. Sie war in dieser Zeit auch (mindestens) befreundet mit Djuna Barnes und Peggy Guggenheim.

Ohne Zweifel von ihr ist die unten abgebildete Installation Portrait of Marcel Duchamp.

In der Hoffnung auf wirtschaftliche Besserung ging Freytag-Loringhoven kurz nach dem Ersten Weltkrieg zurück nach Berlin, wo sie jedoch in Armut und schlechter geistiger Verfassung lebte. Sie hielt sich einige Zeit mit der Hilfe von Freunden und ehemaligen LiebhaberInnen über Wasser und zog dann nach Paris, wo sich ihre Lage kurzfristig verbesserte. Dann jedoch erstickte sie in ihrer Wohnung, weil jemand die Gasleitung offen gelassen hatte.

*

Wiki english

Elsa von Freytag-Loringhoven had already lived an eventful romantic life before becoming the mother of Dada. Born in Swinemünde as Elsa Hildegard Plötz, early on she obviously strove for a more free and artistic life than the one of her parents. At 27 years she married the architect August Endell and lived in Berlin with him. The marriage opened for an affair Elsa’s with Endell’s friend Felix Paul Greve – the trio lived together in Palermo, but the marriage did not survive this modern approach to relationship. The Endells divorced and Elsa married Greve. After staging his suicide in Germany, he went to the US, called himself Frederick Philip Grove and thus escaped his debts. Elsa followed him there and the two lived off the maintenance of a farm for a while. At last, Greve left her as well and she began working as a model.

In this capacity she worked her way from rural Kentucky to New York, where – not yet divorced, but the marriage had factually ceased to exist – she married her third and final husband, Leopold von Freytag-Loringhoven.

In New York she rose as model, poet and artist, all the while supporting herself financially by working in a cigarette factory, to becoming a dadaist. For the longest time eclipsed by the male dominance in the artistic scene, it turns out that some of the most important pieces of ready-made art were her creation. Among others ‚God‚, which used to be assigned to Morton Livingstone Schamberg, and the epitome of ready-made, ‚Fountain‚ by (hitherto) Marcel Duchamp – von Freitag-Loringhoven had signed the urinal with R. Mutt and send it to him as a sculpture. She was also friends, if not more, with Djuna Barnes and Peggy Guggenheim.

There is no doubt the installation pictured below, Portrait of Marcel Duchamp, is her work.

Hoping for economic improvement, von Freytag-Loringhoven went back to Berlin shortly after World War I, where she lived however in poverty and poor mental health. She was supported by some old friends and lovers and finally moved to Paris, where her situation improved shortly. Alas, she soon died of gas suffocation in her flat because someone had left open the gas pipe.

*

portrait-of-marcel-duchamp-1919

Elsa von Freytag-Loringhoven: Portrait of Marcel Duchamp

 

2. Mai 2017

Tim, I’m only breathing 

These are just thoughts
and these are just feelings
These are just clouds
and I am the sky

But Tim, I’m only breathing

These are my arms
They hold and caress
They carry and lift
They don’t work for me

These are my legs
They walk and they bend
They stand up and run
They don’t work for me

This is my body
It nurtures and gives
It works all the time
But not for me

This is my time
I spend it on life
It’s going to fast
It runs out on me

These are just thoughts
and these are just feelings
These are just clouds
and I am the sky

But Tim, I’m only breathing

6. Februar 2017

06/2017: Anne Spencer, 6.2.1882

display_media-php

Anne Spencer

English below

Wiki deutsch

Anne Spencer war Teil der ersten Generation Afroamerikaner nach der Sklavenbefreiung des Sezessionskrieges; ihr Vater war zwanzig Jahre zuvor noch als Sklave geboren worden. Bis zu ihrem 11. Lebensjahr nicht im Lesen oder anderen Schulfächern unterrichtet, schrieb ihre Mutter sie auf Druck des Vaters in ein theologisches Seminar der Episkopalkirche ein. Nach sechs Jahren schloss sie die Schule als Abschlussrednerin ihres Jahrgangs ab.

Sie heiratete einen Mitschüler, zog nach Lynchburg, gebar drei Kinder und arbeitete als Lehrerin und Bibliothekarin. Sie schrieb bei ihre Gedichte auf jede verfügbare Oberfläche, doch blieb unentdeckt, bis sie 40 Jahre alt war. Als eine Abteilung des NAACP in Lynchburg gegründet werden sollte, wohnte der Repräsentant dieser Organisation James Weldon Johnson für einige Zeit bei ihr und entdeckte ihre Poesie. Er verhalf ihr zu ihrer ersten Veröffentlichung und führte sie in den Kreis der Harlem Renaissance ein, in der sie zu einer wichtigen Beitragenden wurde.

Anne Spencer schrieb bis zu ihrem Tod in hohem Alter ihre Gedichte. Eine Liste mit Seiten, auf denen einige Gedichte zu finden sind, folgt am Ende dieses Beitrags.

*

Wiki english

Anne Spencer was part of the first generation of African Americans after the emancipation following the Civil War; her father twenty years early had still been born a slave. Not educated in reading or any other school activity until she was 11, her mother enrolled her in the Virginia Seminary because of pressure from Anne’s father. Six years later she finished school as the valedictorian of her class.

She married one of her co-students, moved to Lynchburg, gave birth to three children and worked as a teacher and librarian. She wrote her poems on any available surface but remained undiscovered until she was 40 years old. When a chapter of the NAACP was planned to be founded in Lynchburg, James Weldon Johnson, a representative of the organisation, lived at her house for some tme and discovered her poetry. He helped to her first publication and introduced her to the circle of the Harlem Renaissance, to which she became an important contributor.

Anne Spencer wrote poems until her death of old age. A list of pages where some of her poems can be found can be found below.

*

The Harlem Renaissance on U.S. History

Anne Spencer’s Biography and Poems on AfroPoets, poets.org, and on African American Registry

The Anne Spencer House and Garden Museum

9. Januar 2017

02/2017: Marie Duplessis, 15.1.1824

5545_121001446206

Marie Duplessis

English below

Wiki deutsch

Marie Duplessis, in ärmste Verhältnisse geboren als Alphonsine Plessis, stieg vom Bauernmädchen in der Putzmacherei zur Geliebten eines Kaufmannes auf und arbeitete sich mit der dadurch gewonnen finanziellen Unterstützung zur gefragten und verehrten Kurtisane auf. Sie holte die von Haus aus mangelnde Bildung auf eigene Initiative nach, setzte sich selbst das adlige „du“ in den herkömmlichen Nachnamen und bewegte sich schließlich selbstverständlich in den intellektuellen Kreisen von Alexandre Dumas dem Jüngeren und Franz Liszt.

Ihre Schönheit und die ihr entgegengebrachte Verehrung konnten jedoch nicht verhindern, dass sie mit 23 Jahren bereits an Schwindsucht verstarb; kurz vorher hatte sie noch einen jungen Grafen geheiratet und das Leben in vollen Zügen genossen.

Nach ihrem Tod wurde ihr Hausrat rasch zur Tilgung von Schulden versteigert und ein knappes Jahr später hatte ihr Freund Dumas sie in seinem Roman „Die Kameliendame“ verewigt. Vier Jahre später hatte er auch ein Bühnenstück daraus gemacht und basierend darauf schrieb Guiseppe Verdi La Traviata. Dank dieser kulturellen Unsterblichkeit ist ihr Grab auch heute noch stets mit frischen Blumen geschmückt.

Zur Verewigung ihrer Person in Literatur und Kunst gibt es allerdings auch kritische Stimmen. Nicht nur machten die Herren, die basierend auf ihr Kunst schufen, aus traurigen Tatsachen Romantik: Die Duplessis machte durch Prostitution Karriere, und dies kann als Unangepasstheit und Entschlossenheit, empowerment, betrachtet werden, doch ist es auch nicht zu leugnen, dass einem Mädchen aus ihren Verhältnissen kein anderer Weg in einen gehobeneren Lebensstil blieb; die Autonomie dieses Lebensstils blieb also in gewisser Weise begrenzt. Außerdem wurde der Kurtisane, dem gefallenen Mädchen, in Dumas‘ Roman und Bühnenstück und in Verdis Oper noch rasch ein moralisch aufgebessertes Ende verpasst – sie durfte oder musste in ihrem fiktiven Leben noch die wahre, reine Liebe finden und sich gegen ihren vorherigen Lebensstil entscheiden. So spielen Die Kameliendame und La Travaita stark mit der Dichotomie der Hure und der Heiligen. Die reale, wirtschaftliche Not vieler junger Frauen wurde für die männliche Betrachtungsweise romantisiert und gleichzeitig die Gefahr ihrer möglichen Autonomie entschärft, indem sie doch durch einen Mann zumindest moralisch gerettet wird. Dazu schreibt auch Maggie McNeill in ihrem Blog The Honest Courtesan (sie erwähnt in Marie Duplessis Jugend allerdings auch noch eine Entführung durch „Zigeuner“, die ich nach meiner kurzen Recherche nicht bestätigen oder widerlegen kann) und der Musikjournalist Thomas May in seinem Beitrag über La Traviata.

*

Wiki english

Marie Duplessis, born into poverty as Alphonsine Plessis, rose from peasant girl working at a dress shop to lover of a merchant and, with financial backing from that relationship, she worked herself up to a desired courtesan in high demand. She caught up on the education she lacked in her upbringing, added the noble „du“ to her name and finally moved naturally in the intellectual circles of Alexandre Dumas, fils, and Franz Liszt.

Her beauty and the adoration she received could not however prevent her dying from consumption at age 23; shortly before her death she had just married a young count and enjoyed life to the fullest.

After her death, her possession were quickly auctioned off to pay off her debts, and about  a year later her friend Dumas had immortalized her in his novel Camille. Four years later he had made a play out of his novel and based on that play, Guiseppe Verdi wrote La Traviata. Thanks to this cultural immortality, her grave to this day still is adorned with fresh flowers always.

Yet, there are critical voices too when it comes to the perpetuation of her person in literature and art. Not only did the gentlemen who created art based on her life romanticise the sad facts: the Duplessis made a career of prostitution, and this can be seen as maladjustment and determination, as empowerment, but it cannot be denied that there was no other way for a girl from her origin to have a better life; thus the autonomy of this lifestyle was limited in a way. They both also gave the courtesan, the fallen girl, in Dumas‘ novel and play and Verdi’s opera an ending that is morally improved – she was allowed or forced to finding the true, pure love in these fictional lives and turn against her former ways. With this, Camille and La Traviata are playing heavily on the dichotomy of the Madonna and the whore. The real economic hardship of many young women was romanticised for the perception of the male audience and the danger of her possible autonomy was defused by having her saved – morally, at least – by a man. Maggie McNeill writes about this in her blog The Honest Courtesan (she also writes about an abduction by „gypsies“ in Marie Duplessis youth which after my short research I can neither confirm nor refute) and so does music journalist Thomas May in his post on La Traviata.

5. Dezember 2016

KW 49/2016: Sophie von La Roche, 6. Dezember 1730

ilarocs001p1

Sophie von La Roche

Wiki deutsch Wiki englisch

Die Arzttochter Sophie Gutermann erhielt wie im Großbürgertum üblich eine „Mädchenbildung“, d.h. sprachlich, musisch und in häuslichen Pflichten. Bis sie 23 war, hatte sie sich zweimal verlobt – einmal mit dem späteren Dichter Christoph Martin Wieland – beide Verlobungen scheiterten, einmal an der Konfession, einmal, mit Wieland, an der Entfernung.

Mit 23 Jahren heiratete sie den Adoptivsohn eines Staatsministers von Kurmainz, der ihr ihren bleibenden Namen gab. Sie lebte mit ihrem Mann am zunächst in Mainz, später in Biberach und gebar ihm acht Kinder, von denen fünf zu Erwachsenen heranwuchsen, darunter Maximiliane von La Roche, die spätere Mutter von Clemens Brentano und Bettina von Arnim. Sie wirkte bei Hof als Gesellschafterin und schrieb ihren ersten Roman. Als ihr Mann als Geheimrat nach Koblenz ging, richtete sie dort einen literarischen Salon ein. Doch ihr Mann fiel durch seine Gesellschaftskritik in Ungnade und die Familie siedelte um nach Speyer, wo sie erst bei Freunden Unterkunft fand, später kauften sie ein eigenes Haus in Offenbach. Sophie von La Roche pflegte ihren künstlerischen Umgang und war als Autorin aktiv, was ihr zugute kam, als ihr Mann kurz darauf verstarb. Durch die politischen Umstände der Zeit erhielt sie keine Witwenrente und war darauf angewiesen, sich selbstmit ihren Fähigkeiten zu unterhalten, und einige Jahre später auch einige ihrer Enkelkinder, nachdem Maximiliane früh verstorben war.

Sophie von La Roche schrieb Romane und brachte eine Frauenzeitschrift heraus, die sich konkret und ausgesprochen gegen die gängigen, von Männer herausgegebenen Magazine stellte, die sonst für Leserinnen zur Verfügung standen: Pomona für Teutschlands Töchter legte Wert auf Bildung und Information zu unterschiedlichen Themen wie Erziehung, Medizin, Philosophie und Literatur. Aus dem Vorwort der ersten Ausgabe: „Das ‚Magazin für Frauenzimmer‘ und das ‚Jahrbuch für Denkwürdigkeiten für das schöne Geschlecht‘ zeigen meinen Leserinnen, was teutsche Männer uns nützlich und gefällig erachten, ‚Pomona‘ wird Ihnen sagen, was ich als Frau dafür halte.“

Mit ihren Romanen und der Zeitschrift, die sich für zwei Jahre halten konnte und es bis an den Hof der russischen Zarin schaffte, gilt Sophie von La Roche als erste Schriftstellerin, die von ihrem Schreiben leben konnte. Sie starb mit 77 Jahren und wurde in Offenbach beerdigt.

*

Von 128 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 9 (inklusive Sophie von La Roche) Frauen:

10.12.1472 Anne Mowbray
6.12.1502 Anna von Braunschweig-Lüneburg
8.12.1542 Maria Stuart
7.12.1627 Luise Henriette von Oranien
11.12.1728 Christiana Büsching
6.12.1777 Charlotte von Ahlefeldt
7.12.1786 Maria Walewska
5.12.1799 Rosina Regina Ahles

7. November 2016

KW 45/2016: Ninon de Lenclos, 10. November 1620

ninon_de_lenclos_2_flipped

Ninon de Lenclos

Wiki deutsch Wiki englisch

Anne „Ninon“ de Lenclos war ein Rundum-sorglos-Paket, glücklich und bewundernswert in allen Aspekten des Lebens.

Geboren als Tochter eines adligen Komponisten und Lautenspielers, lernte sie selbst das Lautenspiel und wurde ermuntert, sich in allen Bereichen zu bilden. Nachdem ihr Vater jedoch ins Exil gehen musste – Ninon war 12 – und ihre Mutter zehn Jahre später verstarb, ging die junge Frau zunächst in ein Kloster. Dort hielt sie es allerdings gerade ein Jahr aus, dann verließ sie es in Richtung Paris mit dem Vorsatz, sich nie wieder abhängig zu machen und niemals zu heiraten.

In der Hauptstadt anvancierte Ninon zur Salonière und Kurtisane unterschiedlicher einflussreicher Männer. Sie war nicht nur gebildet, witzig und klug, sondern auch schön und selbstbewusst. Sie wählte sich ihre Liebhaber frei, niemals nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten – sie blieb auch stets finanziell unabhängig von ihnen – und neu, so oft ihr der Sinn danach stand. Dabei muss sie mit großer Diplomatie und Liebenswürdigkeit gesegnet gewesen sein, denn ihre Verflossenen äußerten keine Eifersucht oder Rachgedanken. Sie verblieb stets freundschaftlich mit ihren ehemaligen Liebhabern.

Anekdoten aus ihrem Liebesleben: Sie lebte einmal drei Jahre mit einem Marquis außerhalb von von Paris und hatte auch einen Sohn mit ihm. Als sie nach Paris zurückkehrte, verfiel der Marquis in ein Fieber. Um seinen Liebeskummer zu lindern, schnitt sie sich die Haare und sandte ihm die Locken zu; ihre Frisur wurde bekannt als „à la Ninon“. Auch hatte sie wohl mehrere Kinder mit verschiedenen Männern, die sie nach Beendigung der Liebschaft stets bei den Vätern ließ. Einmal, als Ninon bereits 60 jahre alt war, verliebte sich ein unwissender junger Mann in sie und, nachdem sie ihm offenbart hatte, dass sie seine Mutter war, erschoss sich vor ihren Augen.

Ninons Lebensweise und ihre unverhohlene Kritik an der Kirche brachten ihr mit 36 eine Inhaftierung ein, veranlasst von der Königin Mutter Anna von Österreich, Mutter von Ludwig XIV. Im Gefängnis erhielt sie Besuch von Christina, Königin von Schweden, die sie mit ihrer Intelliganz und ihrem Charme so für sich einnahm, dass diese sich bei Kardinal Mazarin für ihre Freilassung einsetzte. Ninon nannte einige einflussreiche und bekannte Persönlichkeiten ihre Freunde: neben Christina von Schweden auch Madame de Maintenon, die zweite Frau von König Ludwig, Madame de Rabutin-Chantal, Marquise de Sévigné, und Jean Racine. Sie selbst förderte und ermutigte in ihren 30ern den jungen Molière und hinterließ bei ihrem Tod dem Sohn ihres Buchhalters eine Summe Geld, damit er sich Bücher kaufen konnte: dem neunjährigen François Marie Arouet, später bekannt als Voltaire.

Nach dem Überschreiten des 40. Lebensjahres konzentrierte sich Ninon auf ihre literarischen Freunde und ließ das Leben einer Kurtisane hinter sich. Geachtet und verehrt verstarb sie im hohen Alter von 85.

*

Von 153 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 14 (inklusive Ninon de Lenclos) Frauen:

11.11.1441 Charlotte von Savoyen
13.11.1533 Agathe (Tübingen)
12.11.1651 Juana Inés de La Cruz
12.11.1657 Anna Dorothea von Sachsen-Weimar
10.11.1704 Auguste von Baden-Baden
8.11.1710 Sarah Fielding
8.11.1715 Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel-Bevern
13.11.1715 Dorothea Christiane Erxleben
9.11.1723 Amalie von Preußen
10.11.1740 Maria Kunigunde von Sachsen
11.11.1744 Abigail Adams
8.11.1755 Dorothea Viehmann
8.11.1777 Désirée Clary

25. Oktober 2016

leseliste 

3. Oktober 2016

KW 40/2016: Marie de Gournay, 6. Oktober 1565

jars-le-gournay

Marie de Gournay

Wiki deutsch Wiki englisch

Als ältestes von sechs Kindern des königlichen Schatzmeisters wurde Marie de Gournay zwar der offizielle Zugang zu Bildung versagt, sie brachte sich selbst jedoch in der Bibliothek ihres Vaters Latein und Griechisch bei, soweit, dass sie später als gebildetste Frau ihrer Zeit galt.

Von Michel de Montaignes Essais begeistert, entwickelte sie erst eine Brieffreundschaft zu ihm, aus der bald ein Besuch bei ihm in Paris zustande kam, was wiederum zu einer alles außer offiziellen Adoption der jungen Frau durch den Philosophen  führte. Sie wurde zur Verwalterin seines literarischen Nachlasses und von seiner Witwe erhielt sie den Auftrag, die dritte Auflage seiner Essays zu veröffentlichen.

De Gournay fand viele Freunde und Befürworter im Adel und in wissenschaftlichen Kreisen: Justus Lipsius stellte sie in ganz Europa als gebildete Frau vor, sie schrieb für die Königinnen von Frankreich Margarete von Valois und Maria de’Medici, sowie für deren beider Mann Heinrich IV und den nachfolgenden König Ludwig XIII. Dennoch oder gerade deswegen sah sie sich auch harscher Kritik ausgesetzt – eher an ihrer Person, doch auch ihrer Arbeit, wobei letzteres auch eher Gründe vornehmlich in ihrem Geschlecht als ihrer tatsächlichen Tätigkeit hatte.

Sie übersetzte Werke mehrerer Philosophen ins Französische und schrieb selbst über Philosophie, Moral, Theologie und zum Thema der Frauenrechte, weshalb sie als eine der Mütter des Feminismus gilt. Am Höhepunkt der Hexenverbrennungen in Europa verwies sie auf die systematische Unterdrückung der Frauen durch die Verweigerung von Bildung: „Frauen sind das Geschlecht, dem man alle Güter versagt […] um ihm als einziges Glück und ausschließliche Tugend die Unwissenheit, den Anschein der Dummheit und das Dienen zu bestimmen.“

Zum Zeitpunkt ihres Todes mit 79 Jahren hatte sie 1.000 Seiten Material geschrieben – als Autodidaktin. Sie gilt heute als erste weibliche Literaturkritikerin und erste Person, die für die Gleichberechtigung von Mann und Frau argumentierte.

*

Von 114 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 7 (inklusive Gertrud von Altenberg) Frauen:

4.10.1585 Anna von Österreich-Tirol
5.10.1640 Françoise-Athénaïs de Rochechouart de Mortemart, marquise de Montespan
5.10.1658 Maria Beatrice d’Este
7.10.1675 Rosalba Carriera
9.10.1772 Mary Tighe
9.10.1791 Amalie Schoppe