Archive for ‘Jazz’

29. Mai 2017

22/2017: Memphis Minnie, 3.6.1897

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Erste weibliche Musikerin, die die E-Gitarre spielte.

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First female musician to play the electric guitar.

 

 

 

27. März 2017

13/2017: Alberta Hunter, 1.4.1895

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12. August 2013

KW 33/2013: Gladys Bentley, 12. August 1907

Gladys Bentley

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Die Wilden 20er haben in mancher Hinsicht einen Geist der unbegrenzten Möglichkeiten vorgelebt, der zum Teil fortschrittlicher war als die Sexuelle Revolution der 60er. Dies gilt nicht nur für die USA, sondern auch für Deutschland und Europa – auch hier war die Emanzipation der Frau als finanziell und sexuell selbstbestimmtes Wesen schon weit gereift. Die wirtschaftliche Lage nach dem Ersten Weltkrieg zwang die Gesellschaften auf beiden Seiten des Atlantik dazu, die verfügbare Bevölkerung mit Privilegien wie beruflicher Tätigkeit  auszustatten – und aus der wirtschaftlichen Eigenständigkeit erwuchs ein Selbstbewusstsein der Frauen, das dazu führte, dass manche straffen moralischen Regeln (die zumeist aus patriarchalisch-christlichen Werten erwachsen waren) über Bord geworfen wurden.

Das heißt nicht, dass alles ohne Schwierigkeiten machbar war – aber es gab einen Rahmen, in dem sich ausprobiert werden konnte. Eine lebendige, aktive Musik- und Künstlerszene, in der auch „Randgruppen“ und anders orientierte Lebensstile akzeptiert waren. Gladys Bentley trat in dieser Szene als drag king, als Frau in Männerkleidung, in Homosexuellen-Bars auf und flirtete während ihrer Auftritte hemmungslos mit dem weiblichen Publikum. Es gabe auch Anfeindungen gegen sie, doch überwog – zu dieser Zeit – offenbar der Spaß und die Akzeptanz innerhalb ihrer peer group. Zu dieser Zeit hatte sie musikalisch und äußerlich mehr gemein mit Louis Armstrong als mit Josephine Baker.

Schnellvorlauf 30 Jahre später: In der McCarthy-Ära gibt Gladys Bentley dem sozialen Druck nach, trägt Frauenkleider und behauptet mit Hilfe der Einnahme von weiblichen Hormonen ihre Homosexualität „besiegt“ zu haben. Ihren Mutterwitz hat sie darüber nicht verloeren.

18. Februar 2013

KW 8/2013: Yoko Ono, 18. Februar 1933

Yoko Ono

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Ich weiß von Yoko Ono viel weniger als ich sollte, um meine Sympathie für sie zu rechtfertigen. Als junge Beatles-Hörerin wurde sie mir selbstverständlich bekannt als „die Frau, die die Beatles kaputtgemacht hat“. Wobei ich nicht einmal in meiner schwärmerischsten, pubertärsten Phase daran geglaubt habe, dass eine Person, wie bösartig sie auch sei, erstens in der Lage noch zweitens willens sein könnte, die Beatles absichtlich zu ruinieren.

Als ich alt genug war, um der Frage „Wer ist Yoko Ono eigentlich?“ nachzugehen, war das Internet noch nicht so weit, mir dies zu beantworten.

Jetzt sind endlich das Internet und ich so gute Freunde, dass ich die Frage gründlich beantworten konnte und mich ab jetzt als Yoko-Fan bezeichnen werde.

Zu dem ganzen Beatles-Thema ist nur folgendes zu sagen:

1. Yoko Ono hatte die Beziehung zu John Lennon nicht nötig, sie war bereits eine vielversprechende Künstlerin und hatte in ihrer Welt – von der die zahlreichen Beatles-Fans bei ihrem Auftauchen höchstwahrsheinlich unbeleckt waren – nicht nur Erfolg, sondern bekannte und geschätzte Kollaboranten. John Lennon konnte sich, so muss man es eigentlich sehen, glücklich schätzen, dass er Yoko begegnete, als er gerade dabei war, sich selbst neu zu (er)finden; tatsächlich bin ich überzeugt, dass ihre Beziehung auf der Ebenbürtigkeit der beiden als Künstler beruhte.

Und 2. Leute, die behaupten, Yoko Ono sei schuld am Zerbrechen der Beatles, sagt etwas sehr sehr Übles über John Lennon, nämlich dass er selbst nicht Rückgrat genug hatte, um seine Beziehung zu seinen Bandkollegen entgegen den Intrigen seiner Geliebten zu retten. Es mag sein, dass John seine Beziehung mit Yoko zum Anlass genommen hat, sich weiter von den Beatles fortzuentwickeln – das ist aber noch immer seine und nicht ihre Verantwortung. Und inzwischen wissen wir ja nun alle, dass es schon vor Yoko Ono bei den Beatles gekriselt hat.

Yoko Ono ist eine Frau mit einer sehr eigenen, faszinierenden Geschichte und einem vielseitigen Portfolio an Werken. Zu manchen davon mag der Zugang schwierig sein, zu anderen leichter – sie ist jedoch in keiner Hinsicht eine selbstpostulierte Künstlerin. Fluxus-Künstler, Jazz-Musiker und Filmemacher haben mit ihr gearbeitet, schon bevor sie mit dem Beatle liiert war. Und dass sie ihre Schaffenskraft auch darauf verwendet, ihre eigenen Erinnerungen und die der Welt an John Lennon zu zelebrieren und seinen Tod zu verarbeiten, kann man ihr meines Erachtens nicht vorwerfen.

Ein paar Beispiele ihrer Kunst mal vorgestellt: Ihr Cut Piece ist Performance Art der ersten Stunde. Mit ihrem Wishtree vereint sie omnikulturelle Vorstellungen von der Kraft, die Wünschen innewohnt, mit einem globalen Happening. Sie kämpft für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, hat Humor und setzt sich generell für die richtigen Dinge ein (Akzeptanz von Homosexualität, den Kampf gegen HIV/AIDS). Dass so viele sie unerträglich finden, liegt vielleicht nur daran, dass es uns schwerfällt, eine Frau zu akzeptieren, die so ohne Zögern und Scheu ihr Ding durchzieht. More power to you, Yoko.

 

PS: Zu ihrem Geburtstag lädt Yoko Ono ihre Fans (auf Facebook und Instagramm) ein, an ihrem weltumgreifenden Projekt smilesfilm mitzuwirken und ihr ein Foto zum Geburtstag zu schicken.

30. Januar 2012

KW 5/2012 – Lil Hardin Armstrong, 3. Februar 1898

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Lil Hardin war die Pianistin in King Oliver’s Creole Jazz Band in Chicago, als 1921 ein junger Kornettist zur Band stieß, der Lil wegen seines ländlichen Aussehens zunächst gar nicht so sehr gefiel. Sowohl musikalische wie auch andere Gründe führten jedoch dazu, dass die Sympathie zwischen ihr und dem Kornettisten wuchs, so sehr, dass die beiden 1924 heirateten. Lil nahm den Blechbläser vom Lande unter ihre städtisch-gewieften Fittiche, verpasste ihm neue Kleidung und eine moderne Frisur und drängte ihn, aus dem Schatten des ersten Kornettisten der Band, King Oliver selbst, in die erste Reihe einer anderen Gruppierung zu treten. Ihr Ehemann folgte ihrem Rat, trat Fletcher Hendersons Band in New York als erster Kornettist bei und wurde werbestrategisch geschickt von Lil bei seiner Rückkehr nach Chicago als „World’s Greatest Trumpet Player“ empfangen. Bald danach erfolgte eine Reihe von Plattenaufnahmen – was zur damaligen Zeit einem Labelvertrag nahekam – der beiden mit 3 weiteren Musikern, die als Hot Five in die Geschichte des Jazz eingingen. 1931 ließen sich Louis Armstrong und Lil Hardin Armstrong scheiden, pflegten jedoch lebenslang eine Freundschaft, so innig, dass Lil die Fertigstellung und Veröffentlichung ihrer Memoiren zurückstellte, um Louis‘ Image nicht zu zerstören. Lil Hardin starb kurz nach einem Auftritt bei einem Gedenkkonzert für ihren verstorbenen Ex-Mann.

Hinter jedem großen Mann steht eine starke Frau, wird ja so manches Mal postuliert. In der emanzipiert klingenden Redewendung steckt jedoch der Gedanke, dass die starke Frau für die Größe des Mannes ihren eigenen Ehrgeiz zurückstellt. Natürlich ist dies heute nicht mehr die Regel und auch Lil Hardin hat ihre eigene Karriere eben nicht für ihren Mann geopfert, wenn sie auch nicht an die Erfolge anknüpfen konnte, die sie in einer Band mit ihm gefeiert hatte. Und sicher wäre ein Talent wie Louis Armstrong auch ohne seine entschlossene Frau auf die Dauer nicht unentdeckt geblieben – aber es war eben sie, die ihn schon früh dazu brachte, nicht nur in den zweiten Reihe zu spielen, die ihn „medientauglich“ machte und auch, nicht zu vergessen, einige der Songs schrieb und arrangierte, mit denen die Hot Five so erfolgreich wurden.

Bei der wirklich bunten Auswahl der Frauen, die diese Woche Geburtstag haben, hat schlicht die Sympathie den Ausschlag gegeben. Lil Hardins Herkunftsgeschichte ebenso wie die Tatsache, dass sie als Entdeckerin, Förderin und Kollegin Louis Amstrongs ziemlich in den Hintergrund getreten ist, die traurig-schöne Liebesgeschichte mit dramatischem Ende, ihre offenkundige Fähigkeit, für sich selbst einzustehen, ohne ihre Gefühle zu verleugnen und die Brücken hinter sich verbrennen zu müssen, machen sie einfach zu einer ansprechenden Persönlichkeit, via Ferndiagnose. Wie viele Scheidungsgeschichten von Stars kennen wir, die so warm und sozusagen glücklich verlaufen? Die Welt hätte es Lil Hardin verziehen, wenn sie bitter und kalt gegenüber ihrem Ex-Mann und der Welt geworden wäre; stattdessen nahm sie den Lauf der Dinge offenbar mit Humor und behielt immer Oberwasser.

Mehrere paraphrasierende Biografien gibt es zu lesen unter redhotjazz.com, about.com’s Women’s History und bei allaboutjazz.com. Aber wer will schon über eine Jazzmusikerin lesen, wenn er sie hören kann: Just for a thrill, Doin‘ the Suzie Q, Lindy Hop, Brown Gal.