Archive for ‘Wissenschaft+Forschung-science+research’

9. Oktober 2017

41/2017: Mary Kingsley, 13.10.1862

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Mary Kingsley

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Mary Kingsley wuchs in eher unglücklichen Verhältnissen auf: Sie war das Ergebnis einer unstandesgemäßen Affäre eines Arztes mit seiner Köchin, die vier Tage vor Marys Geburt mit einer Eheschließung amtlich gemacht wurde. Es folgte ihr noch ein Bruder, doch ihre Mutter und sie wurden von der Familie ihres Vater nicht akzeptiert.

Mary Kingsley lernte autodidaktisch mit der Bibliothek ihres Vaters, der fast nie zu Hause war, und pflegte ihre kranke Mutter; eine weitere Bildung oder soziale Kontakte blieben ihr zunächst fast gänzlich verwehrt. Nur Deutschunterricht erhielt sie, damit sie ihrem Vater bei seinem Hobby, der Ethnologie, unterstützen konnte. Erst mit 26 Jahren trat sie nach einem Umzug von Islington nach Cambridge in der Gesellschaft um ihren Vater in Erscheinung, indem sie die kranke Mutter als Gastgeberin vertrat. Vier Jahre später verlor sie innerhalb kürzester Zeit beide Eltern und war schlagartig wohlhabend und frei von Pflichten, Zwängen und Beschränkungen.

Sofort begann sie, ihr Leben in völlig andere Bahnen zu lenken – sie machte eine Ausbildung zur Krankenpflegerin in Kaiserswerth und reiste dann, inspiriert von ihrer bisherigen Lektüre und eventuell dem Hobby ihres Vaters, nach Westafrika.

In der Folge wurde aus ihr eine erfolgreiche und berühmte Reiseautorin; ihre Rolle in der Geschichte der Kolonialismus und auch des Feminismus ist zwiespältig. Sie sah sich in keiner Weise als Frauenrechtlerin, sondern war von der generellen Überlegenheit „des Mannes“ überzeugt, ebenso von der Überlegenheit der „Weißen“ über die Afrikaner. Dennoch ließ sie sich von der Erwartung an die Frau als solche nicht an ihrer Reisetätigkeit und ihrem kolonialpolitischen Auftritt hindern. Sie wurde eine lautstarke Fürsprecherin für die Einwohner Afrikas, brachte ein wesentlich differenzierteres Bild der „Wilden“ zurück in ihre Heimat als es bisher galt, und verteidigte die „unzivilisierten“ kulturellen Praktiken der afrikanischen Stämme gegen die Missionsarbeit der Kirche. Trotz kontroverser Überzeugungen waren ihre Reiseberichte erfolgreich, dank eines bildreichen und lakonisch selbstironischen Stils, der ihre gewagten Thesen mit Humor vermittelte.

Bei Ausbruch des zweiten Burenkrieges in Südafrika sagte sie eine Reise nach Westafrika ab, reiste nach Kapstadt und arbeitete dort als Krankenschwester. Sie starb ebenda 37jährig an Typhus (Warnung: Bildmaterial).

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Mary Kingsley grew up in rather unhappy circumstances: She was the result of an unbefitting affair of doctor with his cook, which was made official by marriage four days before her birth. A brother followed later in the marriage, but she and her mother were never accepted by her father’s family.

Mary Kingsley taught herself autodidactically with the help of her father’s library, while he was almost never home and she nursed her invalid mother; further education or social interactions were almost completely denied to her. She only received German lessons so she could support her father in his pastime, ethnology. At last at 26 years old, she made an appearance in society surrounding her father after a move from Islington to Cambridge, where she replaced her ill mother as a hostess. Four years later she lost both parents in a very short time and was precipitously wealthy and free of duties and constraints.

At once she began steering her life into an utterly different path – she trained as a nurse in Kaiserswert by Duesseldorf and then, inspired by her former reading and maybe her father’s pastime, travelled to West Africa.

In the following years she became a successful and popular author of travelogues; her role in the history of colonialism and feminism is ambivalent. In no respect did she see herself as a womens‘ rights activist, but was convinced of the general superiority of „man“, much the same the superiority of the „whites“ over Africans. Still, she did not let herself be constricted by the expectations towards women in her travels and her appearance in colonial politics. She turned out a vocal advocate for the African population, brought back home with her a far more differentiated image of the „savages“ as was common and defended the „uncivilised“ cultural practices of the African tribes against the Church’s missionary work. Despite her controversial convictions, her travelogues were successful, thanks to a flowery and laconically self-depricating style which conveyed her daring presumptions with humour.

When the Second Boer War broke out in South Africa, she cancelled a trip to West Africa, went to Capetown and worked as a nurse there. She died of typhus (CW: graphic images) near Capetown at the age of 37.

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2. Oktober 2017

40/2017: Florence B. Seibert, 6.10.1897

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Florence B. Seibert

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Auf Florence B. Seibert geht das noch heute von der Weltgesundheitsorganisation als Standardtest anerkannte Diagnosemittel für Tuberkuloseinfektion zurück.

Das 1890 von Robert Koch gefundene und 1907 von Clemens von Pirquet als Tuberkulose-Haut-Test eingeführte Tuberkulin ließ sich nicht rein heranzüchten und führte daher unverhältnismäßig häufig zu falsch-negativen Ergebnissen. Seibert, als Assistentin von Esmond R. Long an der University of Chicago und der University of Pennsylvania tätig, verbesserte die Qualität des Proteinextraktes mit Ammoniumsulfat und veränderten Filtern über einige Jahre mehrfach, bis sie schließlich 1940 eine Charge des Stoffes herstellte, der unter der Bezeichnung PPD-S heute noch als internationaler Referenzstandard für das Diagnosemittel verwendet wird.

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Florence B. Seibert developed the means of diagnosing tuberculosis that is still today recognised by the WHO as a standardised test.

The form of tuberculin discovered by Robert Koch in 1890 and introduced as a skin test by Clemens von Pirquet in 1907 could not be cultured with pure results and led to a disproportionate number of false negatives. Seibert, working as an assistant to Esmond R. Long at the University of Chicago and the University of Pennsylvania, improved the quality of the purified proteins several times over a few years by use of ammonium sulfate and different filters, until in 1940 she finally generated a batch of the protein isolate which is still the international standard reference for the diagnostic substance.

25. September 2017

39/2017: Charlotte Wolff, 30.9.1897

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Charlotte Wolff

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Charlotte Wolff war eine jüdische Medizinerin, die sich auch mit Psychologie befasste. Schon im Studium lebte sie offen homosexuell und trug bevorzugt Männerkleidung. 1938 wurde sie stellvertretende Direktorin am Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin, ein Jahr später konnte sie diese Position aufgrund der Verfolgung durch die Nazis nicht mehr halten.

Sie lebte zunächst in Frankreich, dann in England und arbeitete als Chirologin, unter anderem für Thomas Mann und Aldous Huxley. Sie legte die deutsche Staatsbürgerschaft ab und nannte sich, nachdem sie Jahre später die britische angenommen hatte, „internationale Jüdin mit britischem Pass“.

In den 1960er Jahren war sie dann die erste, die sich sexualwissenschaftlich mit der Homosexualität der Frau auseinandersetzte. Sie veröffentlichte die Ergebnisse ihrer empirischen Studie zum Lesbianismus 1971 und zur Bisexualität 1977. Es waren diese Forschungen, die dazu führten, dass sie 1978 zum ersten Mal seit seit ihrer Vertreibung deutschen Boden betrat. Ihr letztes und wichtigstes Werk war eine Biografie des Sexualforschers Magnus Hirschfeld.

Sie starb mit 89 Jahren in London.

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Charlotte Wolff was a Jewish doctor who also worked in psychology. Even during her time at university she lived her homosexuality openly and preferred men’s clothing. In 1938 she was appointed deputy director at the Rudolf-Virchow-hospital in Berlin, a year later she already could not hold that position due to prosecution by the Nazis.

She lived in France at first, then in England and worked as a chirologist, for Thomas Mann and Aldous Huxley among others. She gave up her German citizenship and called herself, after taking on the British citizenship, an „international Jew with a British passport“.

During the 1960s she was the first to adress homosexuality of women as a field of sexology. She published the findings of her empirical studes on lesbianism in 1971 and on bisexuality in 1977. It was this research that led to her putting foot on German soil again for the first time after her expulsion in 1978. Her last and most important work was the biography of sexologist Magnus Hirschfeld.

She died in London at the age of 89.

 

21. August 2017

34/2017: Lydia Rabinowitsch-Kempner, 22.8.1871

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Lydia Rabinowitsch-Kempner

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Die im heutigen Litauen geborene jüdische Russin genoss die Bildung wohlhabender Familien, doch für ein Studium musste sie als Frau am Ende des 19. Jahrhunderts noch in die Schweiz gehen.

Sie arbeitete nach dem Abschluss zunächst als unbezahlte Assistentin mit Robert Koch an dessen Königlich Preußischen Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, ging dann nach Amerika und wurde dort Professorin für Bakteriologie – dieser Titel wurde jedoch nur in den USA anerkannt.

Sie lernte Walter Kempner kennen und heiratete ihn, ihre Zusammenarbeit am Robert-Koch-Institut endete jedoch bald. Rabinowitsch arbeitete in den folgenden Jahren im Pathologischen Institut und konnte dort als wissenschaftliche Assistentin noch vor Robert Koch selbst Tuberkelbazillen in Rohmilch nachweisen. Dank dieser Forschung und ihrer zahlreichen Publikationen wurde ihr 1912 endlich auch der Professorentitel verliehen. Damit war sie die erste Frau in Berlin und die zweite in Preußen mit diesem Status. Eine Habilitation sollte allerdings erst nach dem Ersten Weltkrieg möglich werden.

Während des Ersten Weltkrieges übernahm sie die Leitung der Zeitschrift für Tuberkulose und arbeitete für das Militär in der Seuchenvorbeugung. 1920 wurde sie mit 49 Jahren zum ersten Mal in ihrem Leben für eine Tätigkeit so bezahlt, wie es ihrem Bildungsgrad angemessen war, als sie am Städtischen Krankenhaus Moabit die Leitung des Bakteriologischen Instituts übernahm. Sie verlor ihren Mann in diesem Jahr an eine Tuberkuloseform und zwölf Jahre später eines ihrer drei Kinder ebenfalls.

1934 wurde sie zwangspensioniert, ermöglichte ihren Kindern noch die Emigration aus Nazi-Deutschland und starb dann 1935 selbst an ungeklärten Ursachen in Berlin.

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The Jewish Russian, born in the region that is Lithuania today, enjoyed the education common for prosperous families, but to continue studies, as a woman at the end of the 19th century, she had to move to Switzerland.

After her studies, she worked as an unpaid assistant to Robert Koch at his Prussian Institute for Infectuous Deseases at first, then went to America and became a professor of bacteriology – the title alas was only accepted in the US.

She met Walter Kempner and married him, their cooperation at the Robert Koch Institute though ended soon after. Rabinowitsch worked at the Pathological Institute and was able, before Robert Koch himself was, to detect the tuberculosis bacillus in raw milk. Thanks to her research and her numerous publications, she was awarded the title of professor in 1912. She was only the first woman in Berlin and the second in Prussia to reach this status. Habilitation though was made possible only after World War I.

During Wolrd War I she was chief editor of the Journal for Tuberculosis and worked in disease prevention for the military. It was 1920 when at 49 years old she was paid a salary appropriate for her education for the first time, as head of the Bacteriological Institute at the Moabit hospital. She lost her husband to tuberculosis in that year and one of her three children as well, twelve years later.

She was forced to retire in 1934, helped her children to emigrate from Nazi Germany and died 1935 in Berlin under unknown circumstances.

3. Juli 2017

27/2017: Henrietta Swan Leavitt, 4.7.1868

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Henrietta Swan Leavitt

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Henrietta Swan Leavitt war eine der Damen, die als niedrig bezahlte ‚menschliche Rechenmaschine‘ bei Edward Charles Pickering, auch als ‚Pickerings Harem‘  bekannt, am Harvard-College-Observatorium arbeiteten. Sie war dank gehobener Abstammung nicht auf ein Einkommen angewiesen und arbeitete zunächst für Studienpunkte, später für einen Pfenniglohn. Sie war durch eine Erkrankung so gut wie taub, was jedoch keinen Einfluss auf ihre Arbeit zu haben schien; nur ihr weibliches Geschlecht machte es ihr unmöglich, selbst ein Teleskop zu handhaben.

Leavitt war beauftragt, veränderliche Sterne zu beobachten und zu katalogisieren. Dabei maß sie die Helligkeit spezieller veränderlicher Sterne, nämlich der Cepheiden, und machte dabei die Beobachtung, die der Erkenntnis und Berechnung unseres heutigen Wissens über das Weltall zugrunde liegt: Sie stellte fest, dass sich eine Beziehung herstellen ließ zwischen der Leuchtkraft und der periodischen Veränderung der absoluten Helligkeit dieser Sterne. Aus dieser Beziehung lässt sich ihre Distanz zum Beobachtungspunkt berechnen. Mithilfe Leavitts Logarithmus konnte bald darauf belegt werden, dass sich einige der katalogisierten Sterne nicht in der unseren, sondern in Lichtjahren entfernten Galaxien befanden. Die Folgen von Leavitts Erkenntnis rückte – angewandt von Harlow Shapley – nicht nur unser Sonnensystem aus dem Zentrum unserer Galaxie, sondern auch – angewandt von Edwin Hubble – unsere Galaxie aus dem Zentrum des Weltalls.

Sie starb 1921 an Krebs; vier Jahre später erst kam Gösta Mittag-Leffler, ein schwedischer Wissenschaftler, der von ihrem Tod noch nicht erfahren hatte, auf die Idee, sie für den Nobelpreis vorzuschlagen. Dieser wird nicht posthum verliehen, daher konnte Leavitt nicht nominiert werden.

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Henrietta Swan Leavitt was one of the ladies who worked as underpaid ‚human computers‘ for Edward Charles Pickering at Harvard College Observatory, also known as Pickering’s harem. Coming from a wealthy family, she was not reliant on an income and worked for study points at first, later for a few cents per hour. An illness had rendered her almost completely deaf, a fact that had ostensibly no influence on her work; it was only her female sex that made it impossible for her to operate a telescope herself.

Leavitt was assigned with the observation and cataloguing of variable stars. She measured the luminosity of a special kind of variable stars, namely Cepheid variables, and whilst doing so made the observation which underlies the discovery and computation of our current knowledge of the universe: She found a relationship between the luminosity and the periodical change of absolute brightness of these stars. From this relationship their distance from the viewing point can be extrapolated. Based on Leavitt’s logarithm it was soon possible to prove that some of the catalogued stars were not part of our, but other galaxies lightyears away. . The consequences of Leavitt’s finding – applied by Harlow Shapley – moved our sun from the centre of our galaxy and – applied by Edwin Hubble – our galaxy from the centre of the universe.

She died of cancer in 1921; it was only four years later that Gösta Mittag-Leffler, a Swedish scientist who hadn’t heard of her death, thought of proposing her to the Nobel Prize committee. The prize is not awarded posthumously, thus Leavitt could not be nominated.

5. Juni 2017

23/2017: Alicia Boole Stott, 8.6.1860

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Alicia Boole Stott

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Alicia Boole Stott fand, ohne eine ausführliche Ausbildung als Mathematikerin erfahren zu haben, die sechs regulären Polytope in vier Dimensionen. Sie fand erst später heraus, dass sie damit die Theorien eines anderen Mathematikers, Ludwig Schläfli, bestätigt hatte. Der Begriff Polytope geht auf sie zurück, sie schrieb mehrere wissenschaftliche Arbeiten mit dem Mathematiker Pieter Schoute darüber und stellte Modelle aus Pappe dazu her. Wer sich weiter mit Tesserakten, Hyperwürfeln und anderen 4- und 5-Polytopen (s.u.) auseinandersetzt, wird verstehen, was für eine Leistung das ist.

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Alicia Boole Stott, without having had an extensive education as a mathematician, discovered the six regular polytopes in four dimensions. She only found out later, that thus she had confirmed the theories of another mathematician, Ludwig Schläfli. She coined the term polytope, wrote several papers on them with the studied mathematician Pieter Schoute and actually built cardboard models of her geometrical bodies. If you concern yourself a bit more with the tesseract, hypercube and other 4- and 5-polytopes (see below), you will understand what kind of an achievement that is.

22. Mai 2017

21/2017: Lillian Moller Gilbreth, 24.5.1878

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Lillian Moller Gilbreth

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Lillian Gilbreths Biografie macht beim Lesen atemlos. Die deutschstämmige Amerikanerin war selbst zweites von elf Kindern und rauschte zunächst durch ihre Schul- und Hochschulbildung. Mit 22 hatte sie einen Bachelor in Englischer Literatur und ließ zwei Jahre später einen Master folgen; zwischenzeitlich hatte sie Psychologie studiert, musste dies jedoch aus gesundheitlichen Gründen abbrechen.

Mit 24 Jahren traf sie ihren baldigen Ehemann Frank Bunker Gilbreth (Sr.), einen Erfinder und Wirtschaftsingenieur, der ihren Wunsch nach einem Dutzend Kindern teilte. In den folgenden 17 Jahren gebar Gilbreth 13 Kinder, von denen eines tot geboren wurde und eines im Alter von fünf Jahren an Diphterie (Warnung: Bildinhalte) starb. Weil es ihr möglich war, die meiste Zeit eine Vollzeit-Haushaltshilfe zu beschäftigen (und dementsprechend die Kinder betreut zu wissen), konnte sie zwischen den jährlichen Schwangerschaften und Geburten auch noch eine Doktorarbeit in Psychologie schreiben (mit fünf bzw. vier Kindern – die Doktorarbeit, die Geburt und der Tod eines Kindes fielen alle ins Jahr 1911) und schließlich einen Doktortitel erringen (mit sechs Kinder und der Schwangerschaft eines Sternenkindes im Jahr 1915).

Gilbreth arbeitete mit ihrem Mann in dem Wissenschaftsbereich, der später die Ergonomie wurde, und brachte dabei ihre Expertise als Ingenieurin, Psychologin, Haushälterin (was ihr „selbstverständlichster“ Arbeitsbereich als Frau war) und Mutter ein. Sie schrieben gemeinsam zwei Bücher, die jedoch nur unter seinem Namen veröffentlicht wurden – einer weiblichen Autorin wurde keine Authorität  im wissenschaftlichen Bereich zugesprochen, dabei war sie diejenige mit dem Doktortitel.

Nachdem ihr Mann 1924 gestorben war – das älteste Kind war 19, das jüngste gerade zwei Jahre alt – konzentrierte sich Gilbreth vor allem auf die Arbeitsökonomie und -psychologie im Speziellen der Hausfrauen zu. Die gemeinsame Firma für mit ihrem Mann benannte sie in Gilbreth Inc. um, und sie erfand diverse Details, die bis heute den Alltag im Haushalt erleichtern – die Struktur der Kücheneinrichtung, den Mülleimer, der sich mit Fußpedal öffnen lässt, die Fächer auf der Innenseite der Kühlschranktür (inklusive Butterdose und Eierhalter) und Wandlichtschalter gehen alle auf sie zurück. Sie arbeitete auch als in der Marktforschung für Johnson&Johnson und Macy’s.

Nachdem sie schon mehrfach Vorlesungen an der Purdue University gehalten hatte, wurde sie dort 1935 zunächst Gastprofessorin – die erste weibliche Professorin im Fachbereich Ingenieurswissenschaft – und fünf Jahre später voll angestellte Professorin in mehreren Ingenieurs- und Ökonomie-Fachbereichen. Sie las als Gastprofessorin an mehreren anderen Universitäten und hielt noch mit 86 Jahren Vorlesungen am MIT.

Sie starb mit 94 Jahren. Zwei ihrer Kinder verfassten gemeinsam Bücher über das Leben in der Gilbreth-Familie, die auch verfilmt wurden.

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Lillian Gilbreth’s biography leaves you breathless. The American of German heritage was herself second of eleven siblings and first of all rushed through her school and college education. At age 22 she had a bachelor degree in English Literature and followed that up with a Master two years later; she had studied psychology in between but had to quit it due to health issues.

At age 24 she met her soon-to-be husband Frank Bunker Gilbreth (Sr.), an inventor and industrial engineer who shared her wish for a family with a dozen children. In the following 17 years, Gilbreht gave birth to 13 children, one of which was still-born, another one died of diphtheria (warning: graphic images) at age 5. Because she was able to employ full-time help in the house (and knowing her children supervised accordingly), she was able, in between yearly pregnancies and births, to write a dissertation in psychology (with five resp. four children – the dissertation, one birth and the death of a child all fell into the year 1911) and finally earning a Ph.D. (with six children and the pregnancy that ended with a still-born child in 1915).

At first, Gilbreth worked in the field that would later become ergonomics, and brought into the work her expertise as an engineer, psychologist, housekeeper (her most „natural“ field as a woman) and mother. They wrote two books together, which however were published only under his name – a female author wasn’t regarded as an authority in science, even though she was the one with the Ph.D.

After her husband has died in 1924 – the oldest child was already 19, the youngest just two years old –, Gilbreth concentrated on working in domestic management and work psychology especially for housewives. The shared company of her husband’s she renamed as Gilbreth, Inc. and she invented several household details that facilitate housekeeping to this day – the work triangle, the foot pedal trash can, the shelves on the refrigerator door (with butter box and egg holders) and wall-switches for the light are all her doings. She also worked as a market researcher for Johnson&Johnson and Macy’s.

After having given lectures at Purdue University before, she was appointed at first a visiting professor in 1935 – the first female professor in Engineering – and, five years later, was granted full professorship in several engineering and economy departments. She gave lectures as visiting professor at several other universities and at 86 years of age, still, at MIT.

She died at 94 years old. Two of her children wrote books about life in the Gilbreth family together, which were also made into movies.

8. Mai 2017

19/2017: Inge Lehmann, 13.5.1888

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Inge Lehmann

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Inge Lehmann brauchte, wohl aufgrund äußerer und innerer Umstände, eine lange Zeit, um zu ihrer Berufung als Seismologin zu finden. Sie studierte ausgedehnt und von Phasen der beruflichen Tätigkeit unterbrochen Mathematik; die Schwierigkeiten, die einer Frau in einem männlich dominierten Umfeld begegnen, dürften nicht unerheblich zu ihren seelischen Problemen beigetragen haben, die sie vom Studium in die einträgliche und unauffällige Arbeit bei Versicherungsgesellschaften trieben.

Nachdem sie schließlich ihr Studium der Mathematik abgeschlossen hatte, arbeitete sie in der Geodäsie, wohin es sie durch die Arbeit mit dem Geodäten Nørlund verschlagen hatte.

Ihre Erkenntnis, dass der Erdkern nicht vollständig flüssig sei, sondern einen festen inneren Kern haben muss, veröffentlichte sie 1936 mit 48 Jahren in einem Artikel mit der Überschrift P‘ – denn sie war anhand des Studiums der P-Wellen auf Seismogrammen zu dieser Erkenntnis gekommen. Dies wurde recht bald von anderen Wissenschaftlern akzeptiert, fand aber erst weitere Verbreitung, nachdem die These 1971 mithilfe von Computern berechnet und bestätigt werden konnte.

Der Zweite Weltkrieg und einige persönliche Enttäuschungen führten zu einem unruhigen späteren Lebenslauf, immerhin jedoch führte dieser jedoch zur Entdeckung einer weiteren Diskontinuität, die dann auch nach Inge Lehmann benannt wurde.

Lieblingszitat:

Sie sollten wissen, mit wie vielen inkompetenten Männern ich konkurrieren musste – vergeblich.

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Inge Lehmann needed a long time, assumably due to inner and outer circumstances, to find her calling as a seismologist. Her study of math was prolinged and disrupted by times of working a job; the difficulties a woman meets in a male dominated field will  have been a negligible contribution to her mental helath issues, which drove her from her studies into a profitable and inconspicuous job at insurance companies.

After finishing her degreein math she worked in geodesy, to which she was brouht by her work with the geodesist Nørlund.

She published her finding that earth’s core is not completely liquid, but with a solid inner core, in 1936 at age 48 in an article headlined P‘ – because it was was her study of P-waves on seismograms that led her to it. Other scientists accepted it quite quickly, but it only found wider distribution after the theory was calculated and proven with the help of computers in 1971.

World War II and several personal disappointments led to a restless course of life later on, at least though it brought her to the discovery of another discontinuity which sure enough was named after Inge Lehmann.

Favourite quote:

You should know how many incompetent men I had to compete with – in vain.

24. April 2017

17/2017: Hertha Ayrton, 28.4.1854

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Hertha Ayrton

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Die Tochter einfacher polnisch-jüdischer Immigranten wurde nach dem Tod ihres Vaters zu ihrer Tante in Obhut gegeben, die eine Schule in London betrieb. Dort erhielt sie ihre frühe schulische Ausbildung. Mit 16 Jahren arbeitete sie zunächst als Gouvernante, mit 20 begann sie ihr Studium der Mathematik am Girton College, nach ihrem Abschluss sechs Jahre später arbeitete sie dort auch als Lehrerin. Sie entwickelte in dieser Zeit ein Sphygmomanometer (oder auch Blutdruckgerät). Neben vielerlei sozialem Engagement bestand sie auch mit 26 Jahren eine mathematische Prüfung für Studenten der University of Cambridge, aber die vergab zu dieser Zeit keinen akademischen Grad an Frauen, nur Zertifikate. Ein Jahr später erhielt sie jedoch von der Universität London einen Bachelor of Science für eine ähnliche Prüfung.

In London entwickelte sie auch ein Instrument, mit dem man Linien in gleichlange Teile zerlegen kann, das Künstler, Architekten und Ingenieure verwenden können. Die Eintragung des Patentes wurde von den Feministinnen Louise Goldsmid und Barbara Bodichon finanziell unterstützt. Es war das erste von 26 Patenten, die Ayrton im Lauf ihres Lebens eintragen ließ.

Mit ihrem Ehemann, der zuvor ihr Lehrer gewesen war, betrieb sie Studien in der Elektrotechnik, Mathematik und Physik. Sie schrieb mehrere Publikationen unter anderem über die Bogenlampen-Technik und deren Verbesserung. 1899 wurde sie schließlich als erste Frau Mitglied der Institution of Electrical Engineers (IEE), durfte aber dennoch – aufgrund ihres Geschlechts – ihre Schrift nicht selbst bei der Royal Society vortragen, ein männlicher Kollege musste dies für sie tun.

Nach ihrem Vortrag beim International Electrical Congress in Paris 1900 festigte sich ihr Ruf als Kompetenz in der Elektrotechnik. Ihr Beispiel veranlasste die British Science Association dazu, Frauen in Kommittees unterschiedlicher Fachbereiche zuzulassen. Erst 1905 durfte sie als Frau bei der Royal Society vortragen, Mitglied in dieser Vereinigung wurde sie jedoch nie. 1906 erhielt sie die Hughes-Medaille für ihre Arbeit zu Bogenlampen, damit war sie die fünfte Person, die diese Ehrung erhielt; erst 2008 erhielt wieder eine Frau, Michele Dougherty, diesen Preis.

Während des Ersten Weltkrieges entwickete Ayrton ein lebensrettendes Instrument zur Giftgasbeseitigung, den Ayrton Fan.

Die Agnostikerin setzte sich auch für die Frauenrechte ein und benannte ihr erstes Kind nach der Feministin Barbara Bodichon – diese wurde Member of Parliament für die Labour Party und Mutter des Künstlers Michael Ayrton, der den Namen der mütterlichen Linie für seine professionelle Identität wählte. Hertha Ayrton starb mit 69 Jahren an einer Blutvergiftung.

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The daughter of plain Polish and Jewish immigrants, after her father’s death, was committed into the care of her aunt who ran a school in London. She received her early education there. At the age of 16 she worked as a governess, at 20 she began her studies of mathematics at Girton College, after finishing her studies she also worked as a teacher there. During that time she developed a sphygmomanometer. Besides a lot of social engagement she also passed the Mathematical Tripos at the University of Cambridge at 26 years old, but they did not hand certificates only to women, not degrees. She did receive a Bachelor’s degree from the University of London for passing a similar exam.

In London she also invented an instrument to divide lines in equally long parts, which can be used by artists, architects and engineers. The patenting of this invention was supported financially by the feminists Louise Goldsmid and Barbara Bodichon.  It was the first of 26 patents Ayrton would register in her lifetime.

With her husband, who had been her teacher before, she worked on studies in electrical engineering, mathematics and physics. She penned several publications, among others about arc lighting and its improvement. In 1899 she became the first female member of the Institution of Electrical Engineers (IEE), but – because of her gender – was not allowed to read her work at the Royal Society, a male colleague had to read it for her.

After her lecture at the International Electrical Congress in Paris 1900 her reputation as a competence in electrical enginieering was consolidated. Her example prompted the British Science Association to allow women on committees of various topics. It was in 1905 only that she could speak before the Royal Society, but she was never registered as a member. In 1906 she received the Hughes Medal for her work on arc lighting, as the fifth person awarded this honour; only in 2008 this prize was won by a woman, Michele Dougherty, again.

During World War I Ayrton developed an life-saving instrument for the dispelling of poisoned gas, the Ayrton fan.

The agnostic also advocated for women’s rights and named her first child after Barbara Bodichon – she became a Member of Parliament for the Labour Party and mother to artist Michael Ayrton, who took the name of his mother’s family for his professional identity. Hertha Ayrton died of blood poisoning at 69 years of age.

20. Februar 2017

08/2017: Lydia Becker, 24.2.1827

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Lydia Becker

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Die englische Nachfahrin deutscher Einwanderer (ihr Großvater war Thüringer) in pflegte im privaten Unterricht zu Hause ihre Leidenschaft für die Biologie und Astronomie. Sie veröffentlichte mit 37 Jahren ein Buch, „Botanik für Anfänger“, und stand in regem Kontakt mit Charles Darwin. Erste Schritte in die Suffragetten-Bewegung machte sie bereits mit der Gründung einer Ladies‘ Literary Society in Manchester; auch in ihrem besonderen Interesse an zwei- oder wechselgeschlechtlichen Pflanzen lässt sich ihre Haltung zur „natürlichen Rangordnung der Geschlechter“ erkennen.

1866 begann sie sich nach einer Versammlung der National Association for the Advancement of Social Science für die Erringung des Stimmrechts der Frauen zu begeistern. Mit der Gründung des Committees „Manchester National Society for Women’s Suffrage“ war sie eine der ersten, die die politische Frauenbewegung in Gang setzte. Einige Monate später wusste sie einen administrativen Fehler für ihre Ziele zu nutzen: eine verwitwete Ladeninhaberin war fälschlicherweise im Wählerregister eingetragen worden. Becker holte die Dame ab und begleitete sie zur Wahlstation, wo der eingetragenen Wählerin die Stimmabgabe gestattet wurde. Aus diesem Fall wusste Becker ein Exempel zu statuieren, sie begann damit den Kampf um das Frauenwahlrecht, wenn auch zunächst mit einigen Niederlagen.

Becker gründete das Women’s Suffrage Journal mit ihrer Freundin Jessie Boucherett und beeindruckte bei einem Auftritt in Manchester die junge Emmeline Pankhurst. Sie setzte sich für den Rest ihres Lebens für gleichberechtigte, nicht geschlechtsspezifische Bildung und das Frauenwahlrecht ein, bis zu ihrem Tod an Diphterie (TW Bild) 1890. Erst 1928 errangen ihre Mitstreiterinnen und Nachfolgerinnen das allgemeine Frauenwahlrecht in Großbritannien.

Link: Frauenwahlrecht in Deutschland

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The British descendant of German immigrants (her grandfather was a Thuringian) cultivated her passion for biology and astronomy in homeschooling. At 37 years old, she published a book, „Botany for Novices“, and was in brisk correspondence with Charles Darwin. She took her first steps in the direction of the Suffragettes with the founding of a Ladies‘ Literary Society in Manchester; her special interest in bisexual and hermaphroditic plants also reflects her stance on a „natural hierarchy of sexes“.

In 1866, after a meeting of the National Association for the Advancement of Social Science, she became enthusiastic for the voting rights for women. Founding the Manchester Women’s Suffrage Committee, she was one of the first to set in motion the women’s political movement. Some months later she was able to use a slip-up in administration for her goals: a widowed shop owner had been wrongly entered in the voters‘ register. Becker picked the lady up to accompany her to the polling station, where the registered female was granted her vote. Out of this case Becker knew to make a case, she advanced the struggle for women’s voting rights, though with several defeats in the early years.

Becker along with her friend Jessie Boucherett founded the Women’s Suffrage Journal and impressed the young Emmeline Packhurst during an appearance in Manchester. For the rest of her life, she fought for equal opportunity, non-gendered education and women’s right to vote, until her death of diphtheria (TW images) in 1890. In 1928 only her combattantes and followers won the case for general voting rights for women.

Link: Woman Suffrage Memorabilia