Archive for ‘Sprache’

30. Juli 2013

das wort mächtiger

auf Zeit Online unterhalten sich die rapperin Sookee und der rapper Megaloh über die macht der sprache und die ohnmacht der gesellschaft. tollster satz von Sookee: „ich fände es auch super, keine feministin sein zu müssen.“

erstaunlich dann, dass der mann davon spricht, dass hiphop für ihn emanzipation bedeutete – als schwarzer (seine eigene wortwahl) fand er in der kultur raum, sich gleichberechtigt bewegen zu können. dass dies in vielen, wenn nicht den meisten gesellschaftlichen räumen für frauen nicht der fall ist, dafür fehlt ihm zugegebenermaßen die erfahrung am eigenen leib. seine einschätzung, dass es mehr an filmen und computerspielen liegt, was „mit der jugend heute los ist“, spiegelt ebenfalls ein verkürztes denken – filme und computerspiele sind am ach so schlimmen niedergang der jugend ebenso sehr oder ebenso wenig schuld wie seine oder irgendeine andere musik. inzwischen sollte es doch durchgedrungen sein, dass kein unschuldiges kind auf einen film, ein computerspiel oder einen hiphop-song trifft und danach amok läuft oder zum gangsta wird. jedoch: das perpetuieren von vorgefunden strukturen in den medien, das ist ein problem, weshalb es die verantwortung von medien ist, verantwortungsvoll mit dem vorgefundenen umzugehen. hieße in diesem fall: zu erkennen, was für männlichkeits- und weiblichkeitsbilder bei der jugend vorherrschen und die engen rahmen mit ihren texten aufzubrechen. als vorbilder zu zeigen, dass es eben nicht so sein muss, nicht immer und nicht unter sanktionen. wenn Megaloh dann sagt: „bestimmte verhaltensweisen muss man lernen, wenn man mitspielen will“, frage ich mich, wie man da von emanzipation, egal wovon, sprechen kann. ist echte emanzipation, echte autarkie nicht, solche arbiträren regeln wie die gangsta-bitch/ho-polarität zu unterwandern, zu brechen und dem spiel neue regeln zu geben?!

in Sookees beschreibung ihrer jugend und rollenfindung als frau in einer männlich dominierten welt finde ich mich dann wieder – die ablehnung von „weiblichen“ attributen, das erst allmähliche zurückfinden zur stärke, die im vertrauen auf die eigenen gefühle und auch im äußern der eigenen befindlichkeit liegt. das interessante: dass beide rapper in ihrer vergangenheit bedauern, frauen/mädchen nicht gut behandelt zu haben. da liegt eben das problem, das maskulinisten nicht erkennen: dass es den feminismus gibt, weil egal wer diskriminiert in der männer/frauen-frage, die leidtragenden sind bisher hauptsächlich die frauen gewesen. mädchen sein ist schlechter als junge sein. es geht nicht darum, die lage umzukehren, sondern die unterschiede auszugleichen. und die geschirre, die beiden geschlechtern durch weitergetragene klischees angelegt werden, zu durchtrennen – Sookee bringt es auf den punkt:

Es geht um Einsichten. Ich wünsche mir, dass Männer in den Momenten, in denen sie realisieren, wie anstrengend es ist, ständig ihr Geschlecht zu performen, checken, wie Frauen sich fühlen. Und umgekehrt. Von mir aus soll es auch diese krassen Muskelmännlichkeiten geben, nur nicht in der Ausschließlichkeit. Es geht also nicht darum, Männlichkeit als Ganzes zu verwerfen, sondern die Dominanz einer bestimmten vorherrschenden Form von Männlichkeit ein bisschen aufzubrechen.

im weiteren spricht sie sich für eine frauenquote aus, deren notwendigkeit Megaloh mit einem verzeihlichen fehlschluss in frage stellt: qualität setze sich seiner erfahrung nach durch. wie ich an anderer stelle auch schon mal schrieb, geht es bei einer frauenquote nicht darum, unbefähigte menschen allein wegen ihres geschlechtes zu (be-)fördern. sondern befähigte menschen zu fördern, die aufgrund ihres geschlechtes sonst keine chance bekommen – das ist die krux! die argumentation, wie Megaloh sie führt, geht fälschlicherweise davon aus, dass es keinen unterschied in den chancen für männer und frauen gibt. vielleicht meinen menschen wie er, weil es im gesetzbuch steht, ist es bereits realität. tatsächlich ist die benachteiligung von frauen vielseitiger, subtiler und nachhaltiger, als dass man sie umfassend erklären könnte. man kann nur bei jedem puzzlestück, das einem selbst begegnet, darauf hinweisen.

Sookee kontert seine plattitüde im übrigen effektiv. der rest ist das übliche „die jugend von heute retten“-theorisieren.

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13. Mai 2013

KW 20/2013: Marie Smith Jones, 14. Mai 1918

Marie Smith Jones

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Mit Marie Smith Jones starb die Sprache der Eyak aus.

Die Geschichte ihres Stammes und ihrer Sprache ist beispielhaft dafür, wie der Kolonialismus Diversität ausgerottet hat, wofür wir bis zum heutigen Tag die Konsequenzen tragen. Nicht, dass ich nicht dafür bin, dass sich die Völker der Erde über „große“ Sprachen auch miteinander verständigen können. Dass allerdings die Sprachen der Minderheiten, das Urtümliche, als minderwertig oder zurückgeblieben verdrängt und unterdrückt werden, ist keine Notwendigkeit, aber leider noch heute allzu oft der Fall.

Dies steht übrigens nicht im Gegensatz zu meiner Überzeugung, dass Sprache sich verändert und mithin nicht „rein“ gehalten werden kann. Wachsen und sich verändern ist der Sprache eigen – das Ausgerottet werden leider eine Bedrohung für Sprachen, der wir nicht viel entgegenzusetzen haben.

Vom Artikel über die Eyak kommt man zu dem interessanten Ritual des Potlatch, das ich aus Northern Exposure kenne – ein extrem anti-kapitalistisches Geschenkefest, in dem zu besonderen Anlässen hemmungslos und überbordend geschenkt wird. Ursprünglich beruhte die Tradition auf dem festen Vertrauen in die Reziprozität, das heißt Verluste des einen beim Potlatch wurden ausgeglichen durch das Potlatch eines anderen. Erst durch den Einzug kaukasischer Siedler und der christlichen Religion, und mit ihr paradoxerweise der kapitalistische Weltanschauung, wurde das Potlatch zu einer Karikatur seiner selbst: Abgesehen davon, dass mit den Siedlern neue Krankheiten kamen und die Anlässe sich häuften, zu denen ein Potlatch veranstaltet wurde (nämlich unter anderem zum Tode eines Häuptlings), begann die jüngere Generation in der Gier nach weltlichem Ruhm, sich okönomisch zu übernehmen, um mit besonders großartigen Potlatches besonders viel Ehre anzuhäufen. Die Reziprozität ging jedoch dabei verloren und die Eyak wurden zum traurigen Beispiel dafür, dass Schenken arm macht.

Seit den 1950er Jahren gibt es Bemühungen, das bis dahin verbotene Ritual wieder im Geiste der Vorfahren zu etablieren.

27. September 2012

sprachgebiete erobern

ich persönlich habe kein problem mit den weiblichen-geschlechtsteil-vulgärausdrücken der engländer und holländer. ich finde sogar, im sinne einer reappropriation könnte ich mir das als eine form der emanzipation vorstellen – wenn, wie herr gauger dies im interview sagt, das fluchen eine männerdomäne ist, will ich als frau mit „weiblichen“ wörtern fluchen.

klar: die konnotation des weiblichen geschlechtsteils mit negativem kann auch wieder interpretiert werden als männliches pejorativ. aber eine herabsetzung funktioniert ja auch nur zu zweit.

also: cunts und kuts away.

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