Archive for ‘Chemie’

15. Januar 2018

01/2018

1. Januar: Chertek Amyrbitowna Antschimaa-Toka

1912 geboren, war die Tuwinerin 1940 das erste weibliche Staatsoberhaupt einer Republik –  in einem südsibirischen Land, nicht einmal halb so groß wie Deutschland.

Leider war sie als solche, auch durch die Schattenregierung ihres Mannes, nur eine Marionette der Regierung der Sowjetunion, unter der die von Stalin angeordnete Säuberung des Landes von Buddhismus und Schamanismus sowie die Ausrottung der traditionellen nomadischen Lebensweise weiterbetrieben wurde. Das Land trat drei Tage nach der Sowjetunion in den Zweiten Weltkrieg ein und im Oktober 1944 als ‚autonomes Gebiet‘ in die Sowjetunion eingegliedert. Antschimaa-Toka bekleidete bis 1972 nur noch regionale Ämter. Sie verstarb 2008 in der tuwinischen Hauptstadt Kyzyl.

2. Januar: Julia Wsewolodowna Lermontowa

Die 1846 in St. Petersburg geborene Russin wollte ursprünglich Medizin studieren, musste jedoch feststellen, dass sie weder den Anblick von Skeletten noch der Armut ihrer Patienten ertrug. Ihr wissenschaftliches Interesse richtete sich daraufhin auf die Chemie. Als sie trotz beständiger Ermutigung durch ihre Lehrer nicht an der Universität akzeptiert wurde, die als die Beste für Chemie in Russland galt, bemühte sie sich um ein Studium im Ausland. Ihrer Cousine Anna Michailowna Jewreinowa war von der erfolgreichen Mathematikerin Sofja Wassiljewna Kowalewskaja Unterstützung bei einem Studium in Deutschland angeboten worden und mit der älteren, angesehenen Anstandsdame war es beiden jungen Frauen möglich, Russland zu verlassen.

Als 22jährige studierte Lermontowa in Heidelberg Chemie und untersuchte in Robert Bunsens Labor die Eigenschaften von Platinverbindungen. Von dort ging sie nach Berlin und studierte organische Chemie unter August von Hofmann. 1874, mit 25 Jahren, schrieb Lermontowa ihre Dissertation und wurde an der Universität Göttingen die erste Frau mit einem Doktorgrad der Chemie.

Im Anschluss daran kehrte sie nach Russland zurück, arbeitete an der Synthetisierung von Kohlenwasserstoffen und stellte nach ihrem Rückzug aus der Chemie auf ihren geerbten Landsitz einen Käse her, der in ganz Russland verkauft wurde. Als Soja Kowalewskaja 1891 starb, übernahm Lermontowa (teilweise) die Fürsorge für deren nun verwaiste Tochter Fufa, die zu Lermontowas Tod 1919 auch deren gesamten Besitz erbte.

4. Januar: Hamida Barmaki

Die afghanische Menschenrechtsaktivisttin wäre am 4. Januar 48 Jahre alt geworden. Die Juraprofessorin war Expertin für das afghanische Rechtssystem, das durch säkuläre und religiöse Aspekte kompliziert gestaltet ist. Sie setzte sich in ihrem Land für die Frauen- und allgemeinen Menschenrechte, vor allem der Kinder, ein, hatte mehrere öffentliche Ämter inne und arbeitete als Vertreterin des Max-Planck-Instituts für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht. 2009 wurde sie Kommissarin für Kinderrechte bei der AIHRC, der unabhängigen afghanischen Menschenrechtskommission.

Am 28. Januar 2011 wurde sie, mit ihrer gesamten Familie aus Mann und vier Kindern im Alter von 16, 14, 11 und 4 Jahren, Opfer eines Selbstmordanschlages auf einen Supermarkt in Kabul, dessen ursprüngliches Ziel bis heute ungeklärt ist.

6. Januar: Melchora Aquino

„Tadang Sora“, Alte Sora, wie Melchora Aquino im Tagalog liebevoll genannt wird, war bereits 84 Jahre alt, als 1896 der philippinische Unabhängigkeitskampf von der spanischen Kolonialmacht begann. Sie war 1812 als Tochter von Landarbeiter auf dei Welt gekommen, hatte keine Bildung erfahren und nach dem Tod ihres Mannes alleinerziehende Mutter ihrer sechs Kinder gewesen; sie trat manchmal als Sängerin auf oder sang in der Kirche zur Messe.

Ihr Sohn war aktiv im philippinischen Freiheitskampf und sie unterstützte ihn, indem sie in ihrem Haus verwundete Kameraden aufnahm und ihr Haus für die Versammlung der revolutionären Organisation zur Verfügung stellte. So wurde sie die ‚Mutter der Katipunan‚. Sie wurde auch mit 84 Jahren von den Spaniern inhaftiert und auf die Marianen-Inseln deportiert. Zwei Jahre später, als die Vereinigten Staaten die Kontrolle über die Philippinen übernahmen, wurde sie entlassen und kehrte zurück in ihren Heimatort, wo sie erst 11 Jahre später, im hohen Alter von 107 Jahren, starb. Ihre Grabstelle im Hinterhof ihres Hauses ist heute ein öffentlicher Friedhof.

17. Januar: Eri Yoshida

Die 26jährige Japanerin ist die erste Frau, die in ein japanisches Profi-Baseballteam aufgenommen wurde, und nachdem sie von den Chico Outlaws gedraftet wurde, auch die erste, die in zwei Nationen professionell Baseball spielte.

Die Pitcherin spezialisierte sich mit 16 Jahren auf einen speziellen Wurf, den Knuckleball, der wegen des Mangels an Effet besonders instabil fliegt und daher für den Batter unberechenbar ist. Leider konnte sie in ihrer Spielzeit bei den Outlaws keine Erfolge erzielen und wurde daher bereits nach einem Jahr aus dem Kader gestrichen.

24. Januar: Rokia Traoré

Zum Schluss: etwas Musik. Die malische Musikerin singt in ihrer Muttersprache Bambara oder auf Französisch, ihre Musikrichtung bezeichnet sie als „zeitgenössische Musik aus Mali“. Die Klänge bringen etwas äquatoriale Wärme in den Januar.

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26. Dezember 2016

KW 52/2016: Jane Marcet, 1. Januar 1769

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Jane Marcet

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Die in London geborene Tochter eines wohlhabenden Schweizer Kaufmanns wurde im eigenen Haushalt gemeinsam mit ihren Brüdern in Latein, den Wissenschaften und anderen, für Mädchen üblicheren Fächern unterrichtet. Als die Mutter starb, Jane war 15, übernahm sie die Mutter- und Haushaltsvorstandsrolle. Nebenbei allerdings pflegte sie auch noch ihr Talent in der Malerei.

Mit 30 Jahren heiratete sie einen Schweizer Exilanten, Alexander Marcet, der sich in London als Arzt niederließ. Die Ehe brachte vier Kinder hervor und war auch in anderer Hinsicht gelungen. Janes Vater pflegte eine enge Beziehung zu seiner Tochter und seinem Schwiegersohn und hinterließ, als er 1817 starb, ein ansehnliches Erbe, dass es dem Ehepaar Marcet ermöglichte, sich ganz auf die Leidenschaft und das Interesse an den Wissenschaften, vornehmlich der Naturphilosophie, der Chemi und der Wirtschaftswissenschaft, zu konzentrieren. Jane machte es ihrem Mann möglich, sich zur Ruhe zu setzen und zu forschen, er im Gegenzug beteiligte sie an seinen Forschungen und ließ ihr alle Freiheit, sich selbst zu profilieren.

Bereits in den Jahren zuvor waren die Marcets Mitglieder eines intellektuellen Kreises, Alexander selbst unterrichtete und Jane folgte selbst Vorlesungen ihres gemeinsamen Interessengebietes der Chemie. Als sie sich ganz auf ihre Forschungen konzentrieren konnten und Jane die Druckvorlagen eines Buches, das ihr Mann geschrieben hatte, prüfte, kam sie selbst auf den Gedanken, Bücher zu verfassen, die die schwierigen wissenschaftlichten Gebiete einfachen Lesern zugänglich zu machen, vor allem den Frauen, die nicht in den Genuss ausführlicher Bildung gekommen waren.  Das erste ihrer später grundlegenden Bücher, Conversations on Natural Philosophy, schrieb sie bereits mit 36, doch veröffentlicht wurde es erst 14 Jahre später. Das folgende, Conversations on Chemistry, Intended More Especially For The Female Sex, wurde direkt 1805 veröffentlicht, allerdings anonym. Es behandelte das Thema der Chemie ausführlich in der Form eines Gespräches zwischen zwei Schülerinnen, Caroline, ein eher flapsiger Charakter, und Emily, einem ernsthaften Mädchen, und ihrer Lehrerin, Mrs. Bryant, genannt „Mrs. B“.  Jane illustrierte das Buch selbst und legte Wert darauf, Theorie und Praxis in der Chemieforschung ausgewogen zu betonen. Das Buch wurde zur Basis der Ausbildung junger Mädchen im Fach Chemie und inspirierte auch Michael Faraday, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ihren Namen als Autorin sah Jane Marcet darauf erst bei der 12. Ausgabe, 1832.

Nach dem Erscheinen der Conversations zum Thema Naturphilosophie befasste sich Jane Marcet auch mit dem Thema der Wirtschaftspolitik. Es wurde zwar später gerne als vereinfachte Populärwissenschaft abgetan, die Motivation war jedoch, grundsätzlich Frauen zu der Auseinandersetzung mit dem Thema hinzuführen und als Teilnehmer einer Gesellschaft mündig zu werden. Dieses Buch bekräftigte Marcets Freundin Harriet Martineau darin, sich ebenfalls mit Wirtschaftsthemen zu befassen.

Der unerwartete Tod Alexanders 1822 warf einen Schatten über Jane Marcets Leben, und sie verblieb in England, statt wie mit ihm geplant in die Schweiz umzusiedeln. Sie schrieb weitere Conversations und andere Bücher, die Menschen ohne Vorbildung, insbesondere Frauen, und Kinder gerichtet waren. Sie lebte und starb 89jährig bei ihrer Tochter in London.

*

Von 189 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 23 (inklusive Jane Marcet) Frauen:

27.12.1390 Anne de Mortimer
1.1.1442 Margarete von Bayern
31.12.1493 Eleonora Gonzaga della Rovere
31.12.1499 Diana von Poitiers
1.1.1507 Anna von Brandenburg
1.1.1516 Margareta Eriksdottir Leijonhufvud
28.12.1526 Anna Maria von Brandenburg-Ansbach
30.12.1609 Anna Maria von Brandenburg-Bayreuth
26.12.1618 Elisabeth von der Pfalz
1.1.1638 Antoinette Deshoulières
1.1.1685 Theresa Katharina Lubomirska
29.12.1709 Elisabeth (Russland)
29.12.1721 Jeanne-Antoinette Poisson, Madame de Pompadour
1.1.1732 Julie Bondeli
31.12.1741 Isabella von Bourbon-Parma
29.12.1753 Wilhelmine von Lichtenau
1.1.1767 Maria Edgeworth
28.12.1785 Dorothea von Lieven
31.12.1790 Toni Adamberger
1.1.1792 Therese Malfatti
27.12.1797 Manuela Sáenz
1.1.1800 Filipina Brzezińska

2. Dezember 2013

KW 49/2013: Ellen Swallow Richards, 2. Dezember 1842

Ellen Swallow Richards

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Ellen Swallow Richards war die erste Frau, die am MIT studierte; auf ihre Initiative hin wurde das Women’s Laboratory gegründet, an dem Frauen wissenschaftle Studien absolvieren konnten, bevor die Universität im Ganzen sich für das Frauenstudium öffnete.

Außerdem war sie die erste, die mit einer Prüfung der Wasserqualität der Gewässer in Massachusetts beauftragt wurde, und ihre Untersuchungen führten zur Einführung eines Wasserqualitäts-Standards.

Ein etwas extensiverer Beitrag zu ihr ist auf Chemheritage zu finden.

17. Juni 2013

KW 25/2013: Clara Immerwahr, 21. Juni 1870

Clara Immerwahr

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Eine junge Frau macht entgegen dem Zeitgeist und den universitären Traditionen im Jahr 1900 ihren Doktor magna cum laude im Fach Chemie. Dann heiratet sie einen anderen Chemie-Doktoranden, weil sie hofft, in der Ehe mit einem Wissenschaftler den Raum und die Unterstützung zu finden, ihre Forschungen fortzusetzen. Doch stattdessen wird sie in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt, darf nur noch für die Karriere ihres Mannes tätig sein, beginnt, an Depressionen zu leiden. Gleichzeitig macht ihr Mann Karriere, weil er im kriegslüsternen Deutschen Reich als Chemiker am Einsatz von Giftgasen forscht. Die junge Frau sieht nicht nur ihr eigenes Leben verschwendet, sie erkennt auch das Erodieren der Moral in der bedingungslosen Forschung an Vernichtungsmethoden. Sie muss feststellen, dass sie als Ehefrau eines zynischen Wissenschaftlers keine eigene Stimme hat, die ernsthaft gehört würde, und gleichzeitig gegen ihren Willen Unterstützung liefert an der massenhaften Tötung von Menschen. Nachdem dank der Forschung ihres Mannes erstmals 5.000 Menschen den Tod gefunden haben und ihr Mann dafür befördert wird, nimmt sie nach einer Feier zu diesem Anlass seine Dienstwaffe, geht in den Garten hinaus, feuert einen Probeschuss in die Luft und setzt schließlich ihrem eigenen Leben mit einem Herzschuss ein Ende. Ihr politischer Protest bleibt ungehört, ihr Selbstmord wird einer depressiven Hysterie zugeschrieben, ihr Name wird fast völlig vergessen. Ihr Ehemann ist mit seinen Forschungen an Tötung und Verletzung mehrerer Tausend Menschen im ersten Weltkrieg beteiligt. Er erhält 1919 trotz Haftbefehls wegen Kriegsverbrechen und Verstoß gegen die Haager Konvention den Nobelpreis, für seine Erkenntnisse über die Gewinnung von Ammoniak aus der Luft, nutzbar als Düngemittel. Er legt, als jüdischer Forscher, auch den Grundstein für die Entwicklung – und steht zeitweise der Gesellschaft als Leiter vor, die daraus in späteren Jahren ein Geschäft macht – von Zyklon B. Mit welchem bald darauf in KZs Millionen von Juden wie Ungeziefer vergast werden.

Clara Immerwahrs Freitod ist ein starkes Symbol für die intellektuelle Unterdrückung der Frau und die Notwendigkeit moralischer Integrität in der Wissenschaft. Ob sie denselben Tod zum gleichen Zeitpunkt gewählt hätte, wenn einer der beiden Aspekte ihrer Motivation nicht gegeben wäre, wer weiß. So jedenfalls wurde sie Jahrzehnte später als Wissenschaftlerin und Humanistin wiederentdeckt.

Im Archiv von Zeit Online findet man eine Rezension zu Gerit von Leitners Buch „Der Fall Clara Immerwahr – Leben für eine humane Wissenschaft“, in der Immerwahrs leben in blumigen Worten beschrieben wird (während die Formulierung „ohne den Furor feministischer Entrüstung“  dem Text leider ein Geschmäckle gibt). Die IPPNW verleiht (jährlich?) die Clara-Immerwahr-Auszeichnung, mit der Menschen gewürdigt werden, die sich entgegen daraus erwachsener persönlicher Nachteile für den Frieden einsetzen.

27. Mai 2013

KW 22/2013: Rachel Carson, 27. Mai 1907

Rachel Carson

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Rachel Carsons Buch The Silent Spring (Der stumme Frühling) gilt als Anfangspunkt für die (amerikanische) Umweltbewegung, da sie sich als Erste mit den damals noch nur vermuteten Folgen der aggressiven Schädlingsbekämpfung mit DDT auseinandersetzte.

Rachel Carson legte sich dabei mit der Chemie-Branche an, die natürlich großes Interesse am weitreichenden und häufigen Einsatz ihrer Pestizide hatte. Als Frau schlug ihr dabei wie üblich noch viel stärkere Skepsis entgegen als es bei einem Mann der Fall gewesen wäre – Hysterie war dabei der Hauptvorwurf, der zum Teil sogar mit ihrem fehlenden Ehemann begründet wurde. Those were the days.

Am Ende ihres Lebens hatte Rachel Carson zwar die Aufmerksamkeit und Anerkennung erreicht, die ihr und ihrem Thema zukam, doch leider standen die meisten Auszeichnungen und Vorträge bereits im Schatten ihrer Krebserkrankung. Es ist ein Glück, dass sie eine so unermüdliche und souveräne Wissenschaftlerin war, dass es ihr vor ihrem Tode gelang, das öffentliche Bewusstsein dafür zu wecken, dass der unbedachte Einsatz chemischer Mittel in der Natur nicht nur unwiderrufliche Schäden in Flora und Faune hinterlässt, sondern auch den Menschen sterbenskrank macht. Das heutige Umweltbewusstsein wäre noch weniger weit ohne sie.

Selbstverständlich gibt es eine eigene Website über sie. An der Chatham University gibt es ein Rachel Carson Institute, das sich mit den von ihr gestellten Fragen und Aufgaben befasst. Das Silent Spring Institute hingegen fragt, ob Carsons Krebs ebenfalls von den kritisierten Chemikalien ausgelöst worden war und erforscht die Zusammenhänge von Umwelt- bzw. Chemie-Einflüssen auf Brustkrebs im Speziellen.