Posts tagged ‘Astronomie’

3. Juli 2017

27/2017: Henrietta Swan Leavitt, 4.7.1868

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Henrietta Swan Leavitt

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Henrietta Swan Leavitt war eine der Damen, die als niedrig bezahlte ‚menschliche Rechenmaschine‘ bei Edward Charles Pickering, auch als ‚Pickerings Harem‘  bekannt, am Harvard-College-Observatorium arbeiteten. Sie war dank gehobener Abstammung nicht auf ein Einkommen angewiesen und arbeitete zunächst für Studienpunkte, später für einen Pfenniglohn. Sie war durch eine Erkrankung so gut wie taub, was jedoch keinen Einfluss auf ihre Arbeit zu haben schien; nur ihr weibliches Geschlecht machte es ihr unmöglich, selbst ein Teleskop zu handhaben.

Leavitt war beauftragt, veränderliche Sterne zu beobachten und zu katalogisieren. Dabei maß sie die Helligkeit spezieller veränderlicher Sterne, nämlich der Cepheiden, und machte dabei die Beobachtung, die der Erkenntnis und Berechnung unseres heutigen Wissens über das Weltall zugrunde liegt: Sie stellte fest, dass sich eine Beziehung herstellen ließ zwischen der Leuchtkraft und der periodischen Veränderung der absoluten Helligkeit dieser Sterne. Aus dieser Beziehung lässt sich ihre Distanz zum Beobachtungspunkt berechnen. Mithilfe Leavitts Logarithmus konnte bald darauf belegt werden, dass sich einige der katalogisierten Sterne nicht in der unseren, sondern in Lichtjahren entfernten Galaxien befanden. Die Folgen von Leavitts Erkenntnis rückte – angewandt von Harlow Shapley – nicht nur unser Sonnensystem aus dem Zentrum unserer Galaxie, sondern auch – angewandt von Edwin Hubble – unsere Galaxie aus dem Zentrum des Weltalls.

Sie starb 1921 an Krebs; vier Jahre später erst kam Gösta Mittag-Leffler, ein schwedischer Wissenschaftler, der von ihrem Tod noch nicht erfahren hatte, auf die Idee, sie für den Nobelpreis vorzuschlagen. Dieser wird nicht posthum verliehen, daher konnte Leavitt nicht nominiert werden.

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Henrietta Swan Leavitt was one of the ladies who worked as underpaid ‚human computers‘ for Edward Charles Pickering at Harvard College Observatory, also known as Pickering’s harem. Coming from a wealthy family, she was not reliant on an income and worked for study points at first, later for a few cents per hour. An illness had rendered her almost completely deaf, a fact that had ostensibly no influence on her work; it was only her female sex that made it impossible for her to operate a telescope herself.

Leavitt was assigned with the observation and cataloguing of variable stars. She measured the luminosity of a special kind of variable stars, namely Cepheid variables, and whilst doing so made the observation which underlies the discovery and computation of our current knowledge of the universe: She found a relationship between the luminosity and the periodical change of absolute brightness of these stars. From this relationship their distance from the viewing point can be extrapolated. Based on Leavitt’s logarithm it was soon possible to prove that some of the catalogued stars were not part of our, but other galaxies lightyears away. . The consequences of Leavitt’s finding – applied by Harlow Shapley – moved our sun from the centre of our galaxy and – applied by Edwin Hubble – our galaxy from the centre of the universe.

She died of cancer in 1921; it was only four years later that Gösta Mittag-Leffler, a Swedish scientist who hadn’t heard of her death, thought of proposing her to the Nobel Prize committee. The prize is not awarded posthumously, thus Leavitt could not be nominated.

20. Februar 2017

08/2017: Lydia Becker, 24.2.1827

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Lydia Becker

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Die englische Nachfahrin deutscher Einwanderer (ihr Großvater war Thüringer) in pflegte im privaten Unterricht zu Hause ihre Leidenschaft für die Biologie und Astronomie. Sie veröffentlichte mit 37 Jahren ein Buch, „Botanik für Anfänger“, und stand in regem Kontakt mit Charles Darwin. Erste Schritte in die Suffragetten-Bewegung machte sie bereits mit der Gründung einer Ladies‘ Literary Society in Manchester; auch in ihrem besonderen Interesse an zwei- oder wechselgeschlechtlichen Pflanzen lässt sich ihre Haltung zur „natürlichen Rangordnung der Geschlechter“ erkennen.

1866 begann sie sich nach einer Versammlung der National Association for the Advancement of Social Science für die Erringung des Stimmrechts der Frauen zu begeistern. Mit der Gründung des Committees „Manchester National Society for Women’s Suffrage“ war sie eine der ersten, die die politische Frauenbewegung in Gang setzte. Einige Monate später wusste sie einen administrativen Fehler für ihre Ziele zu nutzen: eine verwitwete Ladeninhaberin war fälschlicherweise im Wählerregister eingetragen worden. Becker holte die Dame ab und begleitete sie zur Wahlstation, wo der eingetragenen Wählerin die Stimmabgabe gestattet wurde. Aus diesem Fall wusste Becker ein Exempel zu statuieren, sie begann damit den Kampf um das Frauenwahlrecht, wenn auch zunächst mit einigen Niederlagen.

Becker gründete das Women’s Suffrage Journal mit ihrer Freundin Jessie Boucherett und beeindruckte bei einem Auftritt in Manchester die junge Emmeline Pankhurst. Sie setzte sich für den Rest ihres Lebens für gleichberechtigte, nicht geschlechtsspezifische Bildung und das Frauenwahlrecht ein, bis zu ihrem Tod an Diphterie (TW Bild) 1890. Erst 1928 errangen ihre Mitstreiterinnen und Nachfolgerinnen das allgemeine Frauenwahlrecht in Großbritannien.

Link: Frauenwahlrecht in Deutschland

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The British descendant of German immigrants (her grandfather was a Thuringian) cultivated her passion for biology and astronomy in homeschooling. At 37 years old, she published a book, „Botany for Novices“, and was in brisk correspondence with Charles Darwin. She took her first steps in the direction of the Suffragettes with the founding of a Ladies‘ Literary Society in Manchester; her special interest in bisexual and hermaphroditic plants also reflects her stance on a „natural hierarchy of sexes“.

In 1866, after a meeting of the National Association for the Advancement of Social Science, she became enthusiastic for the voting rights for women. Founding the Manchester Women’s Suffrage Committee, she was one of the first to set in motion the women’s political movement. Some months later she was able to use a slip-up in administration for her goals: a widowed shop owner had been wrongly entered in the voters‘ register. Becker picked the lady up to accompany her to the polling station, where the registered female was granted her vote. Out of this case Becker knew to make a case, she advanced the struggle for women’s voting rights, though with several defeats in the early years.

Becker along with her friend Jessie Boucherett founded the Women’s Suffrage Journal and impressed the young Emmeline Packhurst during an appearance in Manchester. For the rest of her life, she fought for equal opportunity, non-gendered education and women’s right to vote, until her death of diphtheria (TW images) in 1890. In 1928 only her combattantes and followers won the case for general voting rights for women.

Link: Woman Suffrage Memorabilia

 

27. Dezember 2016

R. I. P. Vera Rubin

Die Frau, die die Existenz von Dunkler Materie nachgewiesen hat, ist gestorben. 

14. März 2016

KW 11/2016: Caroline Herschel, 16. März 1750

Portrait of astronomer Caroline Herschel

Caroline Herschel

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Der Lebensweg von Caroline Herschel ist wunderbar gewunden und eng an die Männer in ihrem Leben geknüpft. Die Mutter legte Wert auf ihre Ausbildung im Haushalt, der Vater bot die musikalische Ausbildung und Karriere. Die Musik und Mathematik sowie die Astronomie waren die Bildungsangebote ihres Vaters, auf die sie sich stürzte, um den ungeliebten Handarbeiten und traditionellen weiblichen Aufgaben im Haus zu entkommen. Als ihr Bruder Friedrich Wilhem als Organist und Konzertleiter nach England ging, folgte sie ihm als Haushälterin, um dann zunächst eine Karriere als Sängerin zu beginnen. Sie war sogar so erfolgreich, dass sie sich von ihrem Bruder unabhängig hätte machen können; ihre enge geschwisterliche Beziehung sowie die gemeinsame Leidenschaft Astronomie, der sie beide frönten, ließen sie jedoch Angebote für ein eigenständiges Engagement ablehnen. Wenn sie nicht sang oder den Haushalt führte, stellte Caroline Teleskope her und wartete die bereits betriebenen – bis ihr Bruder eher zufällig den Planeten Uranus entdeckte.

Als Entdecker eines neuen Planeten wurde aus dem Organist und Konzertleiter Friedrich Wilhelm Herschel ein königlicher Astronom, und aus Caroline seine Assistentin. Sie gab das Singen ganz auf und widmete sich unter den Fittichen ihres Bruders ganz der Sternenkunde. Sie unterstütze ihn nicht nur in der Ordnung, Datenaufnahme und -sortierung, der Kartierung und Katalogisierung, sie selbst beobachtete und durchforschte den Nachthimmel und machte dabei einige eigene Entdeckungen. Diese wurden in der Liste ihres Bruders mit ihrem Kürzel (CH) versehen: hier kann man eine ausführliche, kommentierte Liste der von ihr gefundenen Sternenhaufen, Galaxien und Nebel finden.

Nachdem ihr Bruder 1822 gestorben war, kehrte sie in ihre Heimat Hannover zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1848 lebte, forschte und ihrem Neffen John half, die Arbeit seines Vaters fortzusetzen. Sie wurde in ihren späten Jahren als einflussreiche Größe in der Astronomie von ihren Kollegen anerkannt und verehrt, erhielt die Goldmedaillen der Royal Astronomical Society und der Preußischen Akademie der Wissenschaften und wurde zum Mitgleid der Königlichen Irischen Akademie der Wissenschaft ernannt.

Weil sie so schön sind, hier Bilder zweier von ihr entdeckten Galaxien und eines Nebels:

NGC 253

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NGC 253

NGC 7380

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NGC 7380

 

NGC 891

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NGC 891

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Von 178 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 18 (inklusive Caroline Herschel) Frauen:

14.3.1478 Anastasia von Brandenburg
18.3.1496 Mary Tudor (Frankreich)
16.3.1596 Ebba Brahe
18.3.1598 Anna Sophia von Brandenburg
19.3.1647 Anna Elisabeth von Anhalt-Bernburg
18.3.1654/55 Catharina Charlotta De La Gardie
16.3.1687 Sophie Dorothea von Hannover
17.3.1714 Anna Charlotte von Lothringen
16.3.1729 Maria Luise Albertine zu Leiningen-Dagsburg-Falkenburg
15.3.1737 Amarindra
17.3.1754 Madame Roland
15.3.1768 Maria Anna Czartoryska
17.3.1782 Sophie von Kühn
14.3.1788 Lulu von Thürheim
20.3.1791 Marie Ellenrieder
15.3.1792 Virginie Ancelot
16.3.1799 Anna Atkins

10. Dezember 2012

KW 50/2012: Annie Jump Cannon, 11. Dezember 1863

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Nachdem Annie Jump Cannon ein Physikstudium abgeschlossen hatte, während dessen sie auch noch auf beiden Ohren fast taub geworden war (durch eine Scharlacherkrankung), musste sie mit 21 ins Haus der Eltern zurückkehren und ein Leben als „Jungfer“ fristen. Erst 10 Jahre später, als ihre Mutter gestorben war, bewarb sie sich – 31jährig und im Prinzip durch ihre Taubheit „behindert“ – bei einem ihrer früheren Physikprofessoren als Assistentin. Dass dieser sie tatsächlich einstellte, war der Beginn einer Karriere als Astronomin: Sie arbeitete zunächst als Assistentin und half in dieser Funktion bei der Kategorisierung von Sternen. Aufgrund eines Zwistes zweier Kolleginnen über das System, nach welchem Sterne kategorisiert werden sollten, kam es dazu, dass Annie Jump Cannon das System entwickelte, das als Kompromiss und Revolution bis heute Gültigkeit hat.

Zu dem Zeitpunkt, als Annie dieses System entwickelte, verdiente sie als Assistentin mit 25 Cent pro Stunde weniger als die Sekretärinnen der Universität. Ich weiß nicht, warum dieser Punkt mir so besonders wichtig ist… Vielleicht, weil er zeigt, wie wenig schon früher (so wie wohl leider heute noch immer) das Gehalt (von Frauen insbesondere) von Leistung, intellektueller Anforderung und Bedeutung für die Allgemeinheit abhängt – und wieviel mehr von – ja, was eigentlich? Prestige? Öffentlichkeitswirksamkeit? Wer weiß das schon.

In jedem Fall war Annie Jump Cannon nicht nur offensichtlich jemand, die schön, strukturiert und zielführend denken konnte, sondern war sie auch als Person optimistisch und zielstrebig. Von Krankheit, Taubheit und sozialen Konventionen sowie langfristiger Isolation hat sie sich nicht unterkriegen lassen, um dann 40 Jahre weiter zu arbeiten und zu forschen, bis sie schließlich die Ehrendoktorwürde erhielt.

Eine Lobeshymne auf ihr Werk gibt es auf der Seite des San Diego Supercomputer Center. Die an und für sich interessante Seite NNDB widmet ihr einen Eintrag. Ebenso: Biography.com, das Wellesley College, Distinguished Women und Inventions. Außerdem wird jedes Jahr der Annie J. Cannon Award von der American Astronomical Society verliehen.