Posts tagged ‘drittes reich’

3. Juli 2015

die andere seite der waage 

frauenfiguren des bösen.

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24. März 2014

KW 13/2014: Brigitte Horney, 29. März 1911

Brigitte Horney

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Älteste Tochter der Psychoanalytikerin Karen Horney, Wangenknochen zum Messerschärfen; aber wirklich sind es die menschlichen Aspekte, die Brigitte Horney bemerkenswert machten: Sie flog in die Schweiz, um dem Kollegen Joachim Gottschalk ein Engagement dort zu ermöglichen, der sich vom Regime des Dritten Reiches vor die Wahl Arbeit oder (jüdische) Famiilie gestellt sah. Als dieser noch vor ihrer Rückkehr mit Frau und 8jährigem Sohn Selbstmord beging, untersagte Goebbels den Besuch der Beerdigung – Horney, unter anderem, widersetzte sich diesem Verbot und trug ihren geschätzten Kollegen zu Grabe. Dies ist nur ein Beispiel ihrer Integrität. IMDb

Runner-up: Catherine Keener (z.B. aus An American Crime)

11. Februar 2013

KW 7/2013: Beate Klarsfeld, 13. Februar 1939

Beate Klarsfeld

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Ob Beate Klarsfelds Ohrfeige gegen Bundeskanzler Kiesinger objektiv eine Sternstunde ihres Lebens ist oder eher nicht, will ich offenlassen. Jedenfalls ist es der Moment, mit dem sie in ihrer Person und ihren Überzeugungen am prominentesten in der Geschichte vertreten ist.

Ich persönlich jedoch kann diese Aktion durchaus nachvollziehen – ob nun geplant oder nicht, für die Sache, um die es ging, finde ich es eine angemessene Reaktion. Kiesinger war im Dritten Reich nicht nur in der Partei gewesen, er war in einer politischen Funktion, in der er zum Teil im Sinne der Partei Einfluss nehmen konnte und musste. Nach dem Ende des Dritten Reichs konnte er weiter eine politische Karriere verfolgen, die 21 Jahre später ihren Gipfel im Bundeskanzleramt fand. Genau zu einem Zeitpunkt, an dem die Generation der Nachkkriegskinder am Gipfel ihrer Kritik an und Empörung über die Geschichte ihrer Elterngeneration war. Die Vorstellung, dass diejenigen, die aktiv und wissend am Grauen des Holocaust und des Zweiten Weltkrieges mitgewirkt hatten, nicht nur nicht festgesetzt, im Gegenteil, sogar immer noch in politischen Ämtern tätig waren, muss wütend machen – über die Dreistigkeit der anderen und die eigene Ohnmacht. Und wenn jemand in einer Lage ist, in der Dreistigkeit dort und Ohnmacht hier zusammenkommen, mithin die Worte fehlen und die Vernunft aussetzt, dort fällt als natürliche Reaktion schon einmal eine Ohrfeige.

Ja, die Aktion war geplant, damit fällt die Entschuldigung „aus dem Affekt“ aus. Situativ, nein, ist es kein Affekt. Aber im Prinzip befand sich doch die ganze Generation in einem fortgesetzten, aber nicht auslebbaren Affekt: Wissend, aber ohne die Möglichkeit, die Lage zu ändern. Menschen behaupteten, nichts gewusst zu haben oder nichts tun zu können – nach allem, was danach zu wissen war und angesichts derjenigen, die zum Teil ihr Leben riskiert hatten, um Inseln der Menschlichkeit zu bewahren. Nachzuweisen war ihnen nicht immer etwas, aber nicht alle, die das behaupteten, konnten tatsächlich nichts gewusst haben, und diese Leute waren immer noch dabei, das Land zu regieren. Was für eine Wut! Und wohin nur damit! Wenn dann einer in einer so prominenten Position wie dem Bundeskanzleramt ist, von dem man weiß, was zu wissen ist – der bekommt dann stellvertretend für seine Generation, für sein Volk, eine Ohrfeige. Völlig zu Recht.

7. Januar 2013

KW 2/2013: Maria Mandl, 10. Januar 1912

Maria Mandl

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Und hinein ins neue Jahr mit neuem Themengebiet mit einer Frau, vor der ich letztes Jahr zurückgeschreckt bin. Nicht, weil ich nicht über sie schreiben wollen würde: weil ich nicht weiß, wie man über so jemanden schreiben kann, ohne zugleich zu banalisieren und effekthascherisch zu wirken oder gar zu sein.

Aber als Grenzgängerin zählt sie: Sie überschritt moralische und ethische Grenzen, sie überschreitet mit ihrer Lebensgeschichte und -weise auch die Grenzen des Verstehens.

Das ist der Balanceakt:

Einerseits, ja, empfinden wir Gräueltaten, wie die in Konzentrationslagern des Dritten Reichs geschehen, von Frauen ausgeübt als noch unfassbarer als die der Männer. Ich persönlich kann es nicht begreifen, nicht nachvollziehen, nicht nur, wie man auch nur hohles, williges Instrument sein kann, das sich mit den menschenverachtenden Befehlen des Regimes füllen und dafür verwenden lässt – schlimm genug: Nein, wie man sogar diese Instrumentalisierung als Möglichkeit des Auslebens eigener Allmachtsbedürfnisse suchen kann und sie in eigenen Taten individuell interpretieren, damit Respekt bei den Befehlshabern erheischen und immer nur weitere Gelegenheiten schaffen, Gott, Tod und Teufel in Personalunion zu sein.

Andererseits, wie soll ich sagen, sind auch Frauen „nur Menschen“. Sollte ein Mensch weniger zu Bösem fähig sein, weil er doppel-X-Chromosome hat? Das wäre ja schwarzer Feminismus: Wir sind nicht „die bessere Hälfte“, in keiner Weise. Mitgefangen, mitgehangen: Wenn wir Menschen wie alle anderen (= die Männer) sein wollen, dann muss auch wahr sein, dass wir vernichtend aggressiv, pervers, krank und verführt sein können. Warum auch nicht.

Warum auch nicht? Wahrscheinlich, weil wir Mütter sind oder zumindest sein können. Und Mütter lieben, pflegen, sorgen, trösten. Aber da tut sich doch der Schatten einer Ahnung auf: Ja, da kann ich doch vielleicht ein bisschen verstehen, wie jemand in den Umständen einer grässlichen Neu-Ordnung der Welt auf die andere Seite des Menschseins fällt und in der „Normalität“ von systematischer Menschenvernichtung nicht nur sein Auskommen in stumpfer Ignoranz findet. Da kann ich vielleicht doch sogar ein bisschen nachfühlen, wie man in den Rausch geraten kann, Herr über Leben und Tod zu sein. Denn das ist das auch: Mutter-Sein.

Wer mag, der folge mir noch. Es kommt ein winziges Lebewesen aus mir heraus auf die Welt und ist abhängig von mir, von meiner Fürsorge, von meinem Körper. Wenn ich liebe und pflege, dann lebt es (und wenn nicht, dann nicht). Und es bleibt lange, sehr lange, in seinem physischen wie psychischen Wohlbefinden in dieser Abhängigkeit. Stillen ist ein Rausch, rein körperlich gesehen. Aber zu fühlen, wie ein tobendes Geschrei zu leisem Schniefen und schließlich wieder zu Lachen wird, dank meines Streichelns und Schaukelns und Murmelns: das ist MACHT. Und auch diese Macht kann  korrumpiert werden. (Jimmy Kimmels Halloween- und Sommer-Scherze „Behauptet, ihr hättet alle Süßigkeiten gegessen“ oder „Tut so, als seien die Sommerferien schon wieder vorbei“ sind Zeichen dafür: Wie gerne Eltern ihren Kindern auch mal negative Gefühle machen, einfach nur, weil sie es können.) (Ich will damit nicht sagen, dass Jimmy Kimmel einer KZ-Oberaufseherin gleichzusetzen ist. Aber ich habe einfach nie verstanden, wie man als Eltern so fies sein kann, auch nur im Scherz.)

Ich glaube, deshalb empfinden wir Frauen, die solche Verbrechen begehen, als so abartig: Weil die Erinnerung an diese Abhängigkeit und die Sehnsucht nach dem Wohlwollen der Mutter in uns lebendig geblieben ist. In Wirklichkeit aber ist dieses Verhalten vielleicht doch nur die Schattenseite der Mutter, also kein Widerspruch.

Was in keiner Weise entschuldigen kann, dass ein Mensch nicht davor zurückschreckt, solche Taten zu vollbringen.

6. August 2012

KW 32/2012: eine Möbeldesignerin, eine Keramikdesignerin

Eileen Gray, 9. August 1878

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Margerete Heymann-Loebenstein-Marks, 10. August 1899
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Sie interessiert mich nicht nur wegen ihrer umwerfenden schönen, klaren und farbenfrohen Designs, sondern auch, weil die Geschichte um ihre Enteignung im Dritten Reich und die anderen Frauen, die dabei eine Rolle spielten, nämlich Hedwig Bollhagen und Gretel Schulte-Hostedden (die 2 Tage und 3 Jahre später, am 12. August 1902 geboren wurde und also auch ein Geburtstagskind dieser Woche ist), mich fesselt. Die Frage, die mich dabei beschäftigt, ist, wie problematisch ich das sehe, dass die beiden anderen Designerinnen von dieser Enteignung so profitiert haben – auch wenn Gretel Schulte-Hostedden sich ganz klar gegen das Naziregime geäußert hat. Da sind so viele Grauzonen drin, dass ich mit meinen Überlegungen zu keinem Schluss kommen kann.

Übrigens gibt es einen schönen Beitrag über sie bei Margaret Almon, bei dem ich auch die Bilder oben gefunden habe.

29. Mai 2012

idi i smotri

elem klimov, udssr 1985

ich muss aus dem rahmen treten, denn über idi i smotri kann und will ich nichts sagen, was mit solchen kleinlichen begriffen wie geschlecht und gender zu fassen ist. tatsächlich will ich gar nicht viel sagen, denn ich kann es nicht.

bei den IMDB-reviews zu idi i smotri fallen die namen der beiden spielberg-WWII-filme saving private ryan und schindler’s list des öfteren. ich habe beide gesehen und bei beiden geweint – saving private ryan habe ich zugegebenermaßen auch nur zu einem guten drittel wirklich mit offenen augen gesehen. dennoch kann ich eines sicher sagen: diese beiden filme sind nichts im vergleich zu idi i smotri. denn beide beinhalten auf unvergleichlich us-amerikanische weise noch immer den funken hoffnung für die menschheit. saving private ryan mag in den tatsächlichen gefechtsszenen das realistischste sein, das je entstanden ist – doch er verbleibt in diesem technischen raum und seine grausamkeiten bleiben zu großen teilen den uniformierten kriegsteilnehmern zu erleiden. idi i smotri zeigt – mit weniger technischem als atmosphärischem einsatz – den absoluten, sinnlosen und endlosen wahnsinn, den der krieg für die menschen bedeutet. schindler’s list ist schon von der prämisse her  – zumindest im vergleich zu idi i smotri – ein feel-good-movie: schließlich ist die hauptfigur der beweis, dass in den schlechtesten zeiten menschen zu den besten versionen ihrer selbst werden können. idi i smotri hat keine gnade mit den menschen, nur die sicherheit, dass das grauen auch lange nach der tat bestand hat.

ich habe es leider nicht ausgehalten, idi i smotri bis zum ende zu sehen. abgesehen vom stress, der von der tonspur ununterbrochen auf mich einwirkte, fällt es mir weiterhin schwer, mich vom gesehenen zu trennen: alles passiert sozusagen in mir. zu wissen, dass die geschehnisse gefilmt sind, hilft nichts: sie bilden ja eine reale vergangenheit ab. zu wissen, dass es vergangene geschehnisse sind, hilft nichts: ähnliches geschieht immer noch, immer wieder, an anderen orten. mein mann stellte ganz richtig die frage: wie macht man nach einem solchen film weiter?

28. Mai 2012

KW 22/2012: Lotte Reiniger, 2. Juni 1899

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Lotte Reinigers bekanntestes Werk ist „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ (1926), man sollte aber auch nicht übersehen, dass sie zu Beginn ihrer Karriere in Kontakt stand zu Komponisten wie Kurt Weill und Literaten wie Bertolt Brecht – das heißt, Teil einer intellektuellen, künstlerischen Szene war, der der Aufgang des Dritten Reiches und der Zweite Weltkrieg ein abruptes Ende setzte.

Immer wieder, wenn ich die Mode und die Kunst der 1920er Jahre betrachte, schmerzt mich die Vorstellung, wieviel eleganter und schöner alles heute sein könnte, wenn dieser Wahnsinn nicht passiert wäre. (Man lege mir dies bitte nicht als Trivialisierung aus, selbstverständlich hatte der Faschismus wesentlich grässlichere und entscheidendere Konsequenzen als Volksmusik und Veronika Ferres, Ballermann und Birkenstocks!) Mit Sicherheit wäre der deutsche Film – und mit ihm die deutsche Trickfilmsparte – reichhaltiger, interessanter und in positivem Sinne in einer Tradition verwurzelt als es derzeit der Fall ist, wo sich durch alle Lebensbereiche die kulturelle Erschütterung des Holocausts zieht sowie die Konsequenzen der nachfolgenden Notwendigkeit, alles ganz und gar anders zu machen als in den vergangenen 15 Jahren. So sehr ich ein Fan der Ludwigsburger Schule bin, ist es doch nicht zu übersehen, dass der deutsche Trickfilm ebenso wie sein großer Bruder Spielfilm – bis auf wenige, liebens- und lobenswerte Ausnahmen – das ist, was ein ehemaliger Professor der Marburger Medienwissenschaft als „Zweites Kino“  bezeichnete: Kino, das in allem außer der Finanzierungs- und Produktionsstandorte den gleichmacherischen Hollywood-Prinzipien für Inhalt und Form folgt, quasi kolonialisiertes Kino. Dies steht im Gegensatz zu Hollywoods Produktionsmonopol als „Erstem Kino“ sowie zum „Dritten Kino“, das von Grund auf den ursprünglichen Aspekten – Erzählweise, Thema, Stil – der heimischen Kultur verpflichtet ist, wie z.B. ein Film wie „Rocker„. Dass dies in Deutschland der Fall ist, liegt natürlich an dem starken kulturellen Einfluss der amerikanischen Besatzungsmacht. In vielerlei Hinsicht kann man diesen Einfluss als gewinnbringend sehen, doch meines Erachtens funktionieren manche Aspekte einfach nicht oder nur mit dem Gefühl, einer aufgesetzten amerikanischen Leitkultur zu folgen… Selbstverständlich wären manche Details unserer deutschen Kultur auch dann gruselig und furchtbar, wenn es Hitler nicht gegeben hätte, so wie auch nicht alles übel ist, was wir dem kulturellen Einfluss der Besatzungsmächte zu verdanken haben. Aber ich schweife ab.

Ich hätte diese Woche auch über Marilyn Monroe schreiben können, aber Lotte Reiniger war meinem Herzen einfach näher. Schon bevor ich arbeitsbedingt mal das ITFS besuchen durfte, war Animationsfilm ein besonderes Steckenpferd von mir, und so konnte ich natürlich am Geburtstag der Mutter des deutschen Animationsfilmes nicht vorübergehen.

Es gibt eine eigene Lotte Reiniger Website mit unter anderem einer Biographie in Selbstzeugnissen sowie ausführlichen Informationen zu Reinigers Filmen (Entstehungsgeschichten und Aktuelleres wie DVDs und Verleihrechte) sowie Literatur über sie. Das Animation World Network widmet ihr einen Artikel, das Stadtmuseum Tübingen eine Dauerausstellung und natürlich gibt es bei youtube einiges zu sehen (dies nur als Anregung zum Weitersuchen).

23. Mai 2012

il portiere di notte

liliana cavani, italien 1974

was für ein unglaublich guter, spannungsreicher film. wie schon von meinem mann aufschlussreich erörtert, wirft er einen unverhohlenen blick auf den zusammenhang zwischen dem dritten reich und repressiver sexualität; dass die darstellung einer sado-masochistischen beziehung eines ausführenden nazis zu einer internierten von manchem als geschmacklos empfunden werden mag, ist durchaus nachvollziehbar.

wenn man sich jedoch sachlich von der empörung distanzieren kann und als gesetzt annimmt, dass die opfer der naziverfolgung mit sicherheit keinen genuss an ihrer situation empfanden, andererseits aber unmenschliche verhältnisse ihre auswirkungen auf opfer und täter haben, kann man vor allem in der figur der lucia – zumindest im rahmen des einverständlichen machtgefälles einer dominant-submissiven beziehung – einiges über die macht des opfers und das ausgeliefert-sein des täters erkennen.

lucia erscheint uns in den ersten szenen – ganz natürlich – als verschrockenes reh, das ihrem ehemaligen peiniger wieder gegenübersteht, und wir lassen uns von ihrer zerbrechlichkeit und unwilligkeit, wien zu verlassen, dazu verführen zu glauben, sie wolle sich an max rächen. diese erwartung an die missbrauchte frau wird jedoch jäh enttäuscht in der szene, in der max sie auf ihrem zimmer aufsucht und sich die vorherigen begegnungen als verführerisches katz-und-maus-spiel entpuppen.

lucias erwachende sexualität wurde von max auf die wechselbäder der anbetung und degradierung geprägt, auf die verquere und doch schlüssige abfolge der fürsorglichen überhöhung und umso lustvollerer erniedrigung. sie gibt sich nun ohne zwang wieder in diese beziehung und im laufe des films, besonders in ihrer hocherotischen gesangseinlage, wird klar, dass dies nicht nur daran liegt, dass sie es so gelernt hat. sie begibt sich in die rolle des opfers zurück, weil sie sich ebenso wie max an ihrer macht berauscht: an der macht des opfers. ohne sie ist max nur der seine scham im dunkeln versteckende nachportier. mit ihr und nur mit ihr kann er die seiten seiner selbst ausleben, für die er sich schämt, von denen er jedoch auch weiß, dass er sie weder leugnen noch weg-rationalisieren kann.

im weiteren verlauf des films sehen wir lucia als raubkatze, die sich nicht festketten lässt, jedoch bleibt, wenn sie jederzeit gehen kann. als willensstarke liebhaberin, als launische gespielin. vor allem aber als verführerische fetischfigur in männerhosen mit hosenträgern über den nackten brüsten, lederhandschuhen und nazi-insignien, die in bester marlene-manier singt: „wenn ich gar zu glücklich wär‘, hätt‘ ich heimweh nach dem traurigsein“. man spürt, dass die männer im raum wohl ihre phallussymbole beherrschen mögen, lucia jedoch beherrscht die phalli.

es ist das bittersüße der genussvollen hingebung, die die absolute kontrolle über den anderen beinhaltet, die diese frau echt und eine identifikation möglich macht. von der voyeuristischen schalheit der sexploitation weit entfernt, ist es liliana cavani gelungen, opfer und täter in ihren rollen zu beleuchten, zu spiegeln und ihnen dabei ihre würde zu lassen.

unbedingt unvoreingenommen anschauen! die zärtlich-tragischen letzten minuten allein sind es wert.

9. Januar 2012

KW 2/2012: Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg, 9. Januar 1903

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Melitta Schenks Sternstunde auf einen Moment ihres Lebens zu begrenzen, fällt schwer. Aus offizieller Sicht kann man die Jahre 1943 und 1944 wohl als ihre erfolgreichsten betrachten: Sie erhielt das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Flugzeugführer- und Beobachterabzeichen in Gold mit Brillanten für ihre Arbeit bei der Deutschen Luftwaffe, ein Jahr später promovierte sie. Und das nicht nur als Frau in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, sondern auch als Person jüdischer Herkunft im Dritten Reich.

Vorher hatte sie bereits ein Diplom in Mathematik, Physik und Flugmechanik mit Auszeichnung erhalten, war bei der Luftwaffe, bis sie 1936 wegen ihrer jüdischen Abstammung entlassen wurde, hatte an der Entwicklung von Steuerungs- und Navigationssystemen bei Askania gearbeitet und war als zweite Frau in Deutschland zur Flugkapitänin ernannt worden.

Die Betrachtung ihrer Vita löst bei mir in vielerlei Hinsicht Erstaunen aus. Ihr Beispiel steht vor allem für die Durchsichtigkeit des Systems, nach dem im Dritten Reich Juden und politisch Verfolgte begnadigt wurden, für die Beugungsfreiheit, die sich die Faschisten mit ihren eigenen Rassengesetzen erlaubten. Selbst wenn „nur“ ihr Großvater jüdischen Glaubens war und ihr Vater zum Protestantismus konvertiert hatte – für die Logik der Rassenlehre spielte das ja eigentlich keine Rolle. Sehr wohl aber, wieviel eine Jüdin zum Bestehen des Dritten Reiches und zum Vorteil in der Kriegsführung beitragen konnte. Melitta Schenk war so gut in ihrer Tätigkeit, dass sie nicht nur über die Vorurteile gegen das weibliche Geschlecht erhaben war, sondern auch so nützlich für die Interessen ihrer Nation, dass ihr offiziell die Gleichstellung mit arischen Personen erteilt wurde.

Und gerade dieses Überspannen so gegensätzlicher Pole in ihrem Leben fasziniert mich an Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg. Mal das Klischee von Frauen und Technik beiseite – das sowieso als solches außer Acht gelassen werden sollte: Mit ihrer Forschung trug sie zum Erhalt eines Staates bei, der ihr und ihrer Familie nach dem Leben trachtete – umso mehr, nachdem ihr Schwager das Attentat auf Hitler auszuüben versucht hatte. Sie war jedoch entgegen der politischen Verfolgung eine Patriotin, und das erscheint nicht einmal paradox: Deutschland war ihre Heimatnation, sie kannte und liebte keine andere – und sie stellte sie über das herrschende System. Ebenso standen ihr die Piloten, die im Krieg flogen, als Kollegen und Landsleute nah, sodass es in ihrem Berufsinteresse lag, mit ihrer Forschung die bestmöglichen Bedingungen für diese herauszuholen, ungeachtet der Motivation des Krieges.

Ich will nicht sagen, dass ich sie für für ihre Errungenschaften in der Kriegstechnik ehre – am erfoglreicheren Vernichten menschlichen Lebens zu arbeiten ist mir doch zu fern meiner eigenen Überzeugung – aber ich bewundere ihre Integrität. Wie es scheint, gab es für sie kein Dilemma in ihrer Arbeit für das Hilterregime; vielleicht sah sie über die von kleinlichen Menschen geschaffenen Rahmenbedingungen hinweg den größeren Zusammenhang. Der Erhalt der Heimat und das Leben ihrer Landsleute waren ihr wichtiger als Recht oder Unrecht des Krieges, die Forschung war ihr wichtiger als das Widersetzen gegen ein arbiträres, doch nur zeitlich begrenztes System (wenn sie das so absehen konnte). Und dennoch war sie nicht unpolitisch: sie hatte sich bereit erklärt, ihren Schwager beim Attentat auf Hitler zu unterstützen, kam jedoch aufgrund technischer Details nicht zum Zuge.

Melitta Schenk Gräfin von Stauffenberg wäre möglicherweise eine von den drei historischen Persönlichkeiten, denen ich gerne einmal begegnen würde (auf die anderen beiden werde ich mich nicht festnageln lassen). War ihre klare Linie durch die Wirren der Zeit hindurch festen moralischen Standards geschuldet, die sich nicht von politischen Lagern vereinnahmen ließen, oder war sie eine Opportunistin für die eigene Forschung? Wie konnte sie mit der Diskrepanz ihrer Interessen umgehen, ohne sich selbst handlungsunfähig zu machen?

Von einem „ungeheuren Gewissenskonflikt“ ist in ihrere Biografie auf der Seite Biografien-News zu lesen, doch darüber zu erfahren gibt es wenig. Dafür eine detaillierte Auflistung wichtiger biografischer Punkte inklusive ihrer aberwitzigen Sturzflug-Experimente – 2.000 in den Jahren zwischen 1939 und 1944 – auf der Seite von Lautlingen, auf der sie als Verbündete und Verwandte der Grafen von Stauffenberg gelistet ist. Außerdem gibt es eine kleine Sammlung an Texten und Links zu ihr auf der Seite der australischen CTIE – wie es aussieht, ein Teil des Technischen Instituts der Monash University.