Posts tagged ‘feminismus’

9. Oktober 2017

41/2017: Mary Kingsley, 13.10.1862

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Mary Kingsley

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Mary Kingsley wuchs in eher unglücklichen Verhältnissen auf: Sie war das Ergebnis einer unstandesgemäßen Affäre eines Arztes mit seiner Köchin, die vier Tage vor Marys Geburt mit einer Eheschließung amtlich gemacht wurde. Es folgte ihr noch ein Bruder, doch ihre Mutter und sie wurden von der Familie ihres Vater nicht akzeptiert.

Mary Kingsley lernte autodidaktisch mit der Bibliothek ihres Vaters, der fast nie zu Hause war, und pflegte ihre kranke Mutter; eine weitere Bildung oder soziale Kontakte blieben ihr zunächst fast gänzlich verwehrt. Nur Deutschunterricht erhielt sie, damit sie ihrem Vater bei seinem Hobby, der Ethnologie, unterstützen konnte. Erst mit 26 Jahren trat sie nach einem Umzug von Islington nach Cambridge in der Gesellschaft um ihren Vater in Erscheinung, indem sie die kranke Mutter als Gastgeberin vertrat. Vier Jahre später verlor sie innerhalb kürzester Zeit beide Eltern und war schlagartig wohlhabend und frei von Pflichten, Zwängen und Beschränkungen.

Sofort begann sie, ihr Leben in völlig andere Bahnen zu lenken – sie machte eine Ausbildung zur Krankenpflegerin in Kaiserswerth und reiste dann, inspiriert von ihrer bisherigen Lektüre und eventuell dem Hobby ihres Vaters, nach Westafrika.

In der Folge wurde aus ihr eine erfolgreiche und berühmte Reiseautorin; ihre Rolle in der Geschichte der Kolonialismus und auch des Feminismus ist zwiespältig. Sie sah sich in keiner Weise als Frauenrechtlerin, sondern war von der generellen Überlegenheit „des Mannes“ überzeugt, ebenso von der Überlegenheit der „Weißen“ über die Afrikaner. Dennoch ließ sie sich von der Erwartung an die Frau als solche nicht an ihrer Reisetätigkeit und ihrem kolonialpolitischen Auftritt hindern. Sie wurde eine lautstarke Fürsprecherin für die Einwohner Afrikas, brachte ein wesentlich differenzierteres Bild der „Wilden“ zurück in ihre Heimat als es bisher galt, und verteidigte die „unzivilisierten“ kulturellen Praktiken der afrikanischen Stämme gegen die Missionsarbeit der Kirche. Trotz kontroverser Überzeugungen waren ihre Reiseberichte erfolgreich, dank eines bildreichen und lakonisch selbstironischen Stils, der ihre gewagten Thesen mit Humor vermittelte.

Bei Ausbruch des zweiten Burenkrieges in Südafrika sagte sie eine Reise nach Westafrika ab, reiste nach Kapstadt und arbeitete dort als Krankenschwester. Sie starb ebenda 37jährig an Typhus (Warnung: Bildmaterial).

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Mary Kingsley grew up in rather unhappy circumstances: She was the result of an unbefitting affair of doctor with his cook, which was made official by marriage four days before her birth. A brother followed later in the marriage, but she and her mother were never accepted by her father’s family.

Mary Kingsley taught herself autodidactically with the help of her father’s library, while he was almost never home and she nursed her invalid mother; further education or social interactions were almost completely denied to her. She only received German lessons so she could support her father in his pastime, ethnology. At last at 26 years old, she made an appearance in society surrounding her father after a move from Islington to Cambridge, where she replaced her ill mother as a hostess. Four years later she lost both parents in a very short time and was precipitously wealthy and free of duties and constraints.

At once she began steering her life into an utterly different path – she trained as a nurse in Kaiserswert by Duesseldorf and then, inspired by her former reading and maybe her father’s pastime, travelled to West Africa.

In the following years she became a successful and popular author of travelogues; her role in the history of colonialism and feminism is ambivalent. In no respect did she see herself as a womens‘ rights activist, but was convinced of the general superiority of „man“, much the same the superiority of the „whites“ over Africans. Still, she did not let herself be constricted by the expectations towards women in her travels and her appearance in colonial politics. She turned out a vocal advocate for the African population, brought back home with her a far more differentiated image of the „savages“ as was common and defended the „uncivilised“ cultural practices of the African tribes against the Church’s missionary work. Despite her controversial convictions, her travelogues were successful, thanks to a flowery and laconically self-depricating style which conveyed her daring presumptions with humour.

When the Second Boer War broke out in South Africa, she cancelled a trip to West Africa, went to Capetown and worked as a nurse there. She died of typhus (CW: graphic images) near Capetown at the age of 37.

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18. September 2017

38/2017: Hedwig Dohm, 20.9.1831

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Hedwig Dohm

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Hedwig Dohm war eine self-made woman. Nachdem sie zunächst nur die für Mädchen dieser Zeit typische geringe Schulausbildung genießen konnte, um mit 15 Jahren gänzlich auf den Haushalt im Elternhaus beschränkt zu werden, besuchte sie drei Jahre später ein Lehrerinnenseminar und heiratete mit 22 Jahren den intellektuellen Satiriker Ernst Dohm.

In der Ehe gebar sie zunächst fünf Kinder und nahm dann, als das jüngste „aus dem Gröbsten heraus“ war, ihre schriftstellerische Tätigkeit auf. In kürzester Zeit machte sie sich mit vier Essays in den frühen 1870ern zu einer bekannten Vertreterin des frühen Feminismus – sie wollte nicht nur im Kleinen die Verhältnisse für einzelne Personengruppen verbessern, sie wollte grundsätzlich die Rolle der Frau in der Gesellschaft verändern. Dazu gehörte, schon 1873 das Frauenwahlrecht zu fordern und das Recht auf die gleiche Bildung und Erwerbstätigkeit wie die Männer, um die Frauen aus der wirtschaftlichen Abhängigkeit in der Ehe zu lösen.

Nach dem ersten Aufruhr beschränkte sie sich in der Folge auf Lustspiele und, nach dem Tod ihres Mannes, Novellen und Romane. Mit dem Erstarken des Feminismus in den 1880er Jahren wurde auch Hedwig Dohm wieder zu diesem Thema aktiv – sie beteiligte sich rege an der politischen Debatte in der Gesellschaft, forderte das Studienrecht für Frauen und gehörte zu den ersten, die die Begründung der traditionellen Geschlechterrollen in der „Natur“ in Frage stellte. Während des Ersten Weltkrieges bekannte sie sich vollständig zum Pazifismus.

Sie erlebte in ihrem letzten Lebensjahr erlebte sie noch die Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland, bevor sie mit 87 Jahren in Berlin starb.

Auf der Seite Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern findet man eine Kostprobe ihres scharfzüngigen Witzes und ihrer fortschrittlichen Denkweise, im Pamphlet „Was die Pastoren von den Frauen denken“ von 1872.

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Hedwig Dohm was a self-made woman. After she was only allowed the typical restricted education for girl in those days, to be reduced to household chores in her family home at age 15, she visited a teachers‘ seminar three years later and married the intellctual satirist Ernst Dohm at age 22.

In this marriage she started out with giving birth to five children and then, when the youngest was „out of the woods“, picked up writing. In a short time she made herself one of the most notorious icon of early feminism over the first half of the 1870s – she not only wanted to improve the conditions for certain peer groups, she wanted to fundamentally change the role of women in society. That meant demanding the right to vote in 1873 already as well as the same rights to education and employment as men, to free women from economic dependence in marriage.

After the first uproar, she consequently limited herself to plays and, after her husband’s death, short stories and novels. With the rise of feminism in the 1880s, Hedwig Dohm became active on that behalf again – she participated briskly in the political debate in society, demanded the right to university studies for women and was one of the first to question the foundation of the traditional gender roles in „nature“. During the First World War she avowed herself completely to pacifism.

She saw women’s suffrage come into action in Germany during her last year, before dying in Berlin at age 87.

On the website German History in Documents and Images a sample of her sharp wit and progressive thinking can be found, in the pamphlet „What The Pastors Think Of Women“ from 1872.

3. April 2017

14/2017: Flora Tristan, 7.4.1803

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Flora Tristan

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Die Tochter eines peruanischen Adligen und einer Französin, in Paris geboren, kam nur in den ersten vier Jahren ihres Lebens in den Genuss eines aristokratischen Lebensstiles. Nachdem ihr Vater starb, verblieb sie mit der Mutter in einfachsten Verhältnissen und musste mit 15 Jahren in einer Graveurwerkstatt arbeiten. Drei Jahre später heiratete sie aus „Vernunftgründen“, also aus wirtschaftlicher Not, ihren Arbeitgeber, André Chazal. Dieser entpuppte sich als brutaler und skrupelloser Gewalttäter; als sie ihn vier Jahre später verließ, hatte sie allerdings unter dem napoleonischen Code civil kein Recht auf eine Scheidung, und so war sie es, die sich in den folgenden Jahren mit ihren drei Kindern vor dem rachedurstigen Ehemann und der Justiz verborgen halten musste. Ihre zwei Söhne starben in dieser Zeit, die Tochter Aline (die später Mutter von Paul Gauguin werden sollte) konnte sie mit einer Tätigkeit als Reisebegleiterin ernähren.

Zu ihrem 30. Geburtstag schließlich nahm Tristan mit ihrer Tochter die Reise nach Peru auf, wo sie in Arequipa, der Geburtsstadt ihres Vaters, auf eine Vereinigung mit dieser Seite ihrer Familie hoffte. In dem von der frisch erlangten Unabhängigkeit bewegten Land lebte sie in der aristokratischen Welt ihrer Familie, strebte jedoch aufgrund ihrer eigenen Lebensgeschichte immer wieder nach den Begegnungen mit dem Gegensatz, mit den Sklaven, den Armen und Arbeitern. Wenn sie jemals eine Chance auf ihr Erbe gehabt hatte, verspielte sie es sich mit ihrer Solidarität mit den Unterdrückten endgültig. So musste sie zwar unverrichteter Dinge nach Frankreich zurückkehren, doch aus ihren Erfahrungen entstand ihr erstes Buch „Pérégrinations d’une paria“, in etwa „Wanderungen einer Ausgestoßenen„.

Bevor Tristan sich jedoch ganz ihrer schriftstellerischen und politischen Ambition widmen konnte, musste sie zunächst noch eine familiäre Tragödie überstehen: Ihr Mann begann wiederum, sie zu verfolgen. Er entführte die gemeinsame Tochter und bekam zunächst auch das Sorgerecht zugesprochen – Aline schrieb ihrer Mutter jedoch heimlich und erzählte von inzestuösen Übergriffen. Tristan verklagte ihren Mann und erhielt selbst das Sorgerecht, doch gewalttätige Ehemänner nehmen Kontrollverlust nicht einfach hin. In diesem Fall griff  der Mann zur Waffe und schoss auf die Mutter seiner Kinder – sie überlebte den Anschlag, doch litt zeitlebens an den Folgen einer Schussverletzung in der Schulter. Immerhin war der Sadist enttarnt und wurde zu Deportation und 20 Jahren Zwangsarbeit verurteilt; Tristan wurde endlich rechtskräftig geschieden.

In den letzten sechs Jahren ihres Lebens schrieb Tristan weitere vier Bücher und mehrere Reiseberichte und Reportagen. Sie führte die Gedanken anderer utopischer Sozialisten wie Charles Fourier (mit dem sie persönlich bekannt war) und Henri de Saint-Simon zusammen mit der Idee, dass die Befreiung der Arbeiterklassen nicht ohne die Gleichberechtigung der Frau zu erreichen sei. Sie führte die Idee einer Arbeiterunion ein, in der die Arbeiter sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam Interessen verfolgen; dabei betonte sie immer die Notwendigkeit, die Frauen den Männer gleichwertig zu betrachten. Ihr Glaube, dass die Emanzipation der Frau den Klassenkampf erleichtern und beschleunigen würde, legte unter anderem die Basis für die Bewegung des Feminismus. 40 Jahre vor Friedrich Engels verglich sie die Beziehung zwischen Frau und Familie mit der zwischen Bourgeoisie und Proletariat: „Selbst der unterdrückteste Mann findet noch jemand, den er unterdrücken kann, seine Frau: sie ist das Proletariat des Proletariats.“ Doch angesichts der Veränderungen, die die französische Revolution im vergangenen Jahrhundert mit sich gebracht hatte, sah sie der Zukunft hoffnungsvoll entgegen: „Was mit dem Proletariat geschehen ist, darüber muss man sich einig sein, ist ein gutes Omen für Frauen, wenn ihr ‚1789‚ ausgeläutet wird.“

Ihre politische Arbeit wurde von der konservativen Presse mit Hohn verfolgt, bei ihren Vortragsreisen durch Frankreich, um die Arbeiter zu organisieren, wurde sie bespitzelt und gegängelt. Mit 41 Jahren starb sie an Typhus (TW Bild).

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The daughter of a Peruvian aristocrat and a Frenchwoman, born in Paris, the had the pleasure of an aristocratic lifesyle for the first four years of her life only. After her father died, she remained in narrow circumstances with her mother and had to take up work in an engraver’s shop at 15 years old. Three years later she married her employer, André Chazal, out of convenience, meaning economic necessecity. Her husband turned out to be a brutal and ruthless thug; when she left him four years later, under the Napoleonic Code she nonetheless was not entitled to a divorce, and so it was her who with her three kids had to stay in hiding from the revengeful husband and the law in the following years. Her two sons died during that time, the daughter Aline (who later gave birth to Paul Gauguin) was fed through Tristan’s work as a travel companion.

For her 30th birthday at last, Tristan along with her daughter took upon herself the journey to Peru , where she hoped to be reunited with her paternal family in Arequipa, her father’s birthtown. In the country that was moved by its recently achieved independence, she lived in the aristocratic world of her family, but because of her own history, she frequently sought out the encounter with the opposite, the slaves, the poor and the workers. If she had ever had any chance on her inheritance, she gambled it away with her solidarity with the oppressed. Thus she had to return to France without having achieved her goal, but from her experiences she wrote her first book, „Peregrinations of a paria“.

Before Tristan could fully devote herself to her literary and political work, she had to weather one more familial tragedy: Her husband took it up yet again to haunt her. He abducted their daughter and was granted custody to begin with – yet, Aline secretly corresponded with her mother and told of incestuous assaults. Tristan sued her husband and was granted custody in turn, but abusive husband don’t take kindly to loss of control. In this case, her husband went for the gun and shot at the mother of his children – she survived the attack, but suffered from the consequences of a gunshot to her shoulder for the rest of her life. For all that, the sadist was exposed and sentenced to deportation and 20 years of hard labour; Tristan was after all lawfully divorced.

In the last six years o her life, Tristan wrote four more books and several travelougues and commentaries. She combined the thoughts of other Utopian Socialists such as Charles Fourier (with whom she was personally acquainted) and Henri de Saint-Simon with the idea that the liberation of the working classes was not achievable without equality for women. She introduced the idea of a workers‘ union, in which the workers would support each other and prosecuted shared interests; meanwhile stressing the necessity of viewing women as equals to men. Her belief that the emancipation of women would facilitate and expedite the class struggle laid the basics of feminism. 40 years earlier than Friedrich Engels, she compared the relationship between woman and family with the one between bourgeoisie and proletariat: „The most oppressed man finds a being to oppress, his wife: she is the proletarian of the proletarian.“ Still, in view of the changes that the French Revolution had brought upon, she looked forward with hope: „What happened to the proletariat, it must be agreed, is a good omen for women when their ‚1789‚ rings out.“

Her political work was mocked by the conservative press, during her lectures given throughout France to move the workers to unionise she was spied on and harassed. She died of typhus (TW graphic images) with 41 years of age.

29. März 2017

Geht alles gar nicht… oder vielleicht doch?

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Disclaimer: Dieser Beitrag enthält einen sachlichen und einen emotionalen Teil.


(1)
Sachlicher Teil

Ich war am vergangenen Donnerstag in der glücklichen Lage, am oben beworbenen Event teilnehmen zu dürfen und können. Organisiert von der Competentia NRW, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft Krefeld und dem Netzwerk Wirtschaft & Familie der WfG, stand die Veranstaltung allen Interessenten offen. Für Film bin ich bekanntermaßen immer zu haben und von einer Podiumsdiskussion versprach ich mir zumindest eine Ahnung, wo auf der Skala der Hoffnungslosigkeit meine persönliche Lage sich ansiedeln lässt.

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Der Film Eltern von Robert Thalheim (D 2013) traf wesentlich genauer den Nerv, als ich es erwartet hatte. Das Ehepaar Christine und Konrad steht zwar weniger repräsentativ für die deutsche Durchschnittsfamilie als es möglich gewesen wäre, aber Filme sollen ja auch nicht (immer) die blasse Realität widerspiegeln.

Christine ist Ärztin mit Ambitionen auf die Oberarztstelle, Konrad ist Theaterregisseur, der sich für die Hausmann-Rolle entschieden hat, wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen. Nun sind die Kinder Käte und Emma, etwa 10 und 5 Jahre alt, „aus dem Gröbsten heraus“ und Konrad hat die Chance, sich mit der Inszensierung eines Nibelungenstoffes wieder in seinem Beruf zu etablieren. Der Umstellung, dass nun beide wieder arbeiten, die Kinder aber immer noch versorgt sein müssen, auch in den Ferienzeiten, sehen die beiden mit dem üblichen naiven Optimismus entgegen. „Wir schaffen das schon“ und außerdem haben sie eine Au-Pair gebucht, die recht schnell aus Argentinien eingeflogen kommt. Das junge katholische Mädchen ist allerdings schwanger und somit weniger eine Hilfe als eine weitere physische und psychische Belastung. Als Konrad merkt, dass er die alleinige Versorgerrolle nicht einfach abschütteln kann, zieht er aus. Natürlich kommen für die romantische Zuspitzung auch noch jeweils andere mögliche erotische Interessen hinzu; das Ende bleibt offen, weil sich diese Situationen nicht mit einem überstanden Schrecken und drei Sätzen lösen lassen.

Wie gesagt, kann man sich das tatsächliche deutsche Durchschnittsleben mit Kindern etwas weniger exotisch, turbulent und dramatisch vorstellen, aber die kleinen und großen Krisen sind sehr genau beobachtet und dargestellt. Ob es nur darum geht, dass die Kleine zum unpassendsten Moment Pipi muss und die Große schon erste Anzeichen einer pubertären Dauerablehnung zeigt, oder ob eine Gefühlswelle einen davon zu spülen droht, während man die Aufsichtspflicht hat – die Augenblicke und Sätze, die fallen, trieben mir tatsächlich mehrfach die Tränen in die Augen, weil sie so genau die Not und Verzweiflung einfingen, die ich zeitweise empfinde.

Besonders positiv möchte ich auch noch hervorheben, dass das argentinische Au-Pair sich ohne großes moralisches Händeringen oder tränenreiches Bedauern für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden darf. Direkt bei ihrer Ankunft muss sie an einer Hamsterbeerdingung am Straßenrand teilnehmen, am Ende darf sie mit den beiden Mädchen ein Ultraschallbild mit ähnlicher Zeremonie beerdigen; die Entscheidung und die Ausführung werden angenehm unpathetisch im ganzen Trubel miterzählt. Sie ist mit 18 zu jung, sie kennt den Vater kaum und will in Deutschland studieren, wahrscheinlich um ein besseres Leben zu führen (und ihren späteren Kindern ein besseres Leben bieten zu können) als ihre Mutter, und auch wenn Christine Konrad immer dankbar sein wird, dass er sie zum ersten Kind „überredet“ hat: bei dem Leben, in dass sie bei ihrer Au-Pair-Familie hineingestoßen ist, muss ihr klar werden, dass selbst das bestgemeinte „Wir schaffen das schon“ immer noch viel Kraft und Abstriche kosten wird.

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In der nachfolgenden Podiumsdiskussion wurde die Frage erörtert, ob Familie und Beruf bzw. beruflicher Erfolg eben gar nicht geht oder vielleicht doch, warum es zu oft derzeit in Deutschland nicht geht und warum es in manchen Unternehmen eben doch so einfach geht. Unter der Moderation von Beate Kowollik besprachen Markus Gawenda (Sonic Sales Support GmbH), Marco Nöchel (HKN GmbH), Jekaterina Rudolph (Projektreferentin Netzwerkbüro „Erfolgsfaktor Familie„), Heinrich Wefing (Journalist, Autor „Geht alles gar nicht“ 2015) und Eckart Preen (Geschäftsführer WfG Krefeld) als Betroffene und Beteiligte die Möglichkeiten und  Perspektiven, und alles in allem war es tatsächlich ein Gespräch, das mir als Mutter mit Wunsch nach beruflicher Beschäftigung, wenn schon nicht Selbstverwirklichung, ein wenig Hoffnung für die Zukunft gab – zumindest die meiner Kinder.

Thema war unter anderem die Problematik der Betreuungszeiten in Kita und Schule, die selten mit den Arbeitszeiten der Eltern zusammen passen, wie sich die Schwierigkeit lösen lässt, dass kranke Kinder nun mal eben nicht betreut werden und wie sie vielleicht doch betreut werden könnten, wie Arbeitgeber den Eltern unter ihren Angestellten entgegenkommen können, ohne dabei wirtschaftliche Verluste fürchten zu müssen (kleiner Tip: meistens wird das, was nach möglicher Beeinträchtigung aussieht, der wichtigste Faktor in der Produktivitätssteigerung) und natürlich: wer soll und muss das denn nun alles berücksichtigen und umsetzen? Wahrzunehmen, dass sowohl im Publikum wie auf dem Podium Menschen sitzen, die diese Probleme ebenso wie ich nicht nur theoretisch behandeln, sondern ganz praktisch erfahren, und dass aus diesen Erfahrungen neue Bewegung in der Arbeitskultur und der Wahrnehmung von angestellten Eltern und elternden Angestellten entsteht, war wirklich tröstlich und hoffnungsstiftend.

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(2) Hier beginnt der emotionale Teil. Warnung: Ich beziehe mich auf eine Wortmeldung bei dieser Veranstaltung, aber hier bricht sich einiges Bahn, was mich als Mutter, die arbeiten will, in der Diskussion um das Thema arbeitende Mütter, Kinderbetreuung etc. im Internet und anderswo schon eine Weile bewegt. Vielleicht ist dies ja ein Beitrag zum Feminismus der Mütter, dessen mangelnde Perspektive die Frankfurter Rundschau vor einiger Zeit beklagte.

Umso trauriger – nein: ärgerlicher ist es, gerade bei so einer Gelegenheit, dass einer der letzten Wortbeiträge einer war, der voller Reizworte und Rabenmutter-shaming war. Die Dame, die sich zu Wort meldete, war, so hatte ich aus einem Pausengespräch schließen können, in Begleitung ihres Mannes anwesend, der einen familienfreundlichen Handwerksbetrieb im eigenen Haus führt und daher mit Arbeitgeberinteressen die Veranstaltung besuchte. Sie selbst war glückliche Hausfrau/Mutter, wozu ihr zu gratulieren ist.

Ihr Wortbeitrag bestand aber leider daraus, zum Thema längere Betreuungszeiten/24-Stunden-Kitas zu fragen, wie lange man denn „die Kinder noch in der Betreuung parken (sic!)“ wolle, und gerade wenn ein Kind krank sei, man doch als Mutter nur selbst beim Kind sein wolle, und wenn einer gut genug verdienen würde, dann müsse das doch reichen.

*seufz* Wo anfangen?

Zunächst mal hatte ich im Gespräch mit ihr zuvor zugegeben, dass ja, manchmal ich tatsächlich denke, hätte ich das damals gewusst, was es mich kosten würde, hätte ich eventuell keine Kinder bekommen – aka ich „bereue“ es angesichts meiner derzeitigen Lage manchmal, Mutter geworden zu sein. Das nimmt nichts weg von der Liebe für meine Kinder, es bedeutet nur, dass ich mir auch ein glückliches Leben ohne sie vorstellen könnte. Ich würde das selbst nur als ein Zeichen von Vorstellungskraft und Ambiguitätstoleranz werten, aber manche finden solche Aussagen wohl schockierend.

Heinrich Wefings Erwiderung vom Podium habe ich nicht vollständig mitbekommen, weil ich mich zugegebenermaßen erst einmal herunterfahren musste – in einer Veranstaltung zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf hatte ich ehrlich nicht mit dem sonst aus dem Internet leidlich bekannten Konflikt gerechnet, sich als Frau, die auch Mutter ist, für die vom „traditionellen Modell“ abweichenden Entscheidungen verteidigen zu müssen. Ich erinnere mich nur daran, dass er Bezug nahm darauf, dass „Feministinnen“ dann auch Mütter, die zu Hause blieben, dafür verachteten und das natürlich auch nicht in Ordnung sei. Ich glaube aber, er kam zu dem (richtigen) Schluss, dass dies der Realität vieler arbeitender Eltern leider nicht weiterhelfe, weil die wirtschaftliche Lage eben eher seltener so sei, dass diese Wahl bestünde.

Es war sicherlich für die Dauer und die Atmosphäre der Veranstaltung eine gute Entscheidung der Moderatorin, mich nicht mit einem weiteren Wortbeitrag darauf reagieren zu lassen, da es hier um mögliche Lösungen für das gestellte Problem ging und nicht um eine weitere Schlacht in den mommy wars. Gottseidank ist dies hier meine eigene Plattform und hier kann ich so lang und breit darauf reagieren, wie ich mag.

Also fangen wir zunächst mal mit dem Unwort „parken“ an. Niemand „parkt“ sein Kind irgendwo – alle Eltern, die ich in Betreuungseinrichtungen getroffen habe, haben sich die jeweilige mit viel Mühe und Zeitaufwand angeschaut und ausgesucht, weil es eine Notwendigkeit dafür gab, dass das Kind auch von anderen Menschen als Mama, Papa oder anderen Familienmitgliedern wie den Großeltern betreut wird. Und in noch keiner Betreuungseinrichtung, die ich von innen gesehen habe, machten die Kinder einen „geparkten“ Eindruck, sondern sie waren in immer fachlich ausgebildeter und meistens liebevoller Betreuung. Nur „meistens“, weil nicht jeder Mensch mit jedem Kind immer nur säuseln kann – und das werte ich als einen positiven Aspekt der „Fremdbetreuung“, aber dazu später. „Geparkt“ werden meine Kinder eher von mir zu Hause, vor dem Fernseher oder dem Tablet, wenn ich alleine mit beiden bin und Haushaltsaufgaben erledigen muss, einen Blogpost fertigstellen will oder gar *gasp* einfach mal ein paar Minuten für mich brauche. Can’t pour from an empty cup and all that. Dementsprechend ist Zeit in den Händen ausgebildeter Erzieher für meine Kinder wertvoll, weil sie dort über Stunden hinweg gefordert, gefördert, unterhalten und unterrichtet werden. Was ich als Mutter schlicht nicht leisten kann und meines Erachtens auch nicht können muss. Ich kann dafür meinen Kindern erklären, warum sie nicht alles glauben sollen, was die Werbung ihnen erzählt, was es bedeutet, wenn einer „mit des Seilers Tochter Hochzeit gefeiert“ hat oder warum vor 100 Jahren rosa noch die Jungsfarbe war. Aber zurück zum Unwort. Das Gespräch zwischen arbeitenden und nicht arbeitenden Müttern würde so viel angenehmer verlaufen, wenn solche eindeutig herabsetzenden und verurteilenden Pejorative auf beiden Seiten vermieden würden.

Weiter geht es, wie eine andere Mutter im Publikum dankenswerterweise anmerken durfte, bei längeren Öffnungszeiten und 24-Stunden-Kitas ja nicht nur darum, dass regulär arbeitende Eltern ihre Kinder noch für ein paar Stunden mehr loswerden. Es ginge in meinem Fall früher z.B. darum, ich an vier Tagen der Woche bis 18:00 arbeiten könnte, mit einer Stunde Pendelfahrt, mein Mann auch bis 17:00 arbeiten könnte und nicht jeden Tag die Oma bemüht werden müsste. Sondern an diesen vier Tagen auch bis 17:30 eine Betreuung gegeben wäre. Oder, ganz von meiner Situation gelöst, aber sehr konkret und real, dass Eltern im Schichtdienst oder mit Arbeitszeiten, die nicht dem 9-5 im Büro entsprechen, auch eine Betreuung finden können, ohne familiäre Ressourcen – die schlicht nicht immer vorhanden oder erreichbar sind.

Bei der diskutierten „Betreuung des kranken Kindes“ geht es – nach meiner Realität und Vorstellung – auch nicht darum, ein hoch fieberndes Kind zu einer fremden Person zu transportieren, damit der Chef glücklich ist. Aber es könnte zum Beispiel darum gehen, wie die Situation sich für Arbeitgeber und Arbeitnehmer erleichtern ließe, wenn das Kind wegen drei gefüllter Windeln an einem Nachmittag zwei Tage lang mopsfidel zu Hause bleiben muss, weil Kindergärten eine völlig berechtigte Quarantäne für Durchfallerkrankte verhängen. Oder die letzten Tage einer Grippe, in der das Fieber verklungen und die Langeweile groß ist, aber eine Schonung der körperlichen Kräfte immer noch angesagt ist. Homeoffice ist da natürlich ein erster wichtiger Schritt – vor allem, wenn man sich wie ich nicht scheut, solche Rekuperationsphasen mit popkultureller Bildung am Bildschirm zu überbrücken. Aber auch das hat seine Grenzen, vor allem im Sitzfleisch der Kinder, weshalb ergebnisorientierte Arbeitszeiteinteilung, wo möglich, der nächste Schritt wäre. Vornehmlich scheint es aber einfach einen Wandel der Kultur, der Haltung gegenüber Eltern zu brauchen – auch dazu später.

Zum letzten Satz schließlich, „wenn einer gut genug verdient“, dann müsse das reichen – erst einmal muss „einer gut genug“ verdienen, das ist schon mal eine Hürde für viele Eltern; und zwar nicht nur heutzutage, das war schon immer so. Aber selbst wenn die genommen ist, wie ich gerade mal so mit einigem Kopfwiegen und Händewackeln sagen könnte, unter dem unglücklichen Bilck meines Mannes, auf dem damit allein die Verantwortung liegt – es geht doch nicht nur um wirtschaftliche Aspekte! Es geht nicht nur um „arbeiten müssen“, es geht auch um „arbeiten wollen“! Und auch das nicht nur wegen wirtschaftlicher Unabhängigkeit oder „sich mehr leisten können“ zu wollen, oder einen Menschen, den man liebt, von dieser Verantwortung zu entlasten.

Ich bin Feministin und ich verachte keine Frau für ihre Entscheidungen. Mein Feminismus ist einer, bei dem es darum geht, allen Menschen die individuelle Wahl für ihr persönliches Glück zu gewähren, so lange sie damit anderen nicht schaden oder sie einschränken. Wenn eine Frau in der Arbeit als Hausfrau voll aufgeht und glücklich ist, will ich sie nicht zur Karriere im Büro bekehren. Ich beglückwünsche sie, wenn sie den/die passende/n Partner/in findet und wünsche ihr alles erdenklich Gute. Sie möge ihre Kinder so lange selbst zu Hause betreuen, wie sie mag, so lange sie ihnen nicht die Bildung vorenthält, auf die Kinder hierzulande ein Recht haben.

ICH hingegen.

Ich musste 23 Jahre alt und einen Schwangerschaftabbruch älter werden, um zu wissen, dass ich in der ferneren Zukunft dann doch wirklich Kinder haben möchte. Bis es neun Jahre später soweit war, hatte ich aber auch schon ein verhältnismäßig glückliches und erfülltes Leben gelebt. Ich habe mich vor den Kindern für Literatur, Filme und Sprache interessiert, hatte Hobbies, Leidenschaften und einen Beruf, war ein vollständiger Mensch mit Bedürfnis nach (erwachsener) Gesellschaft und Rückzugsmöglichkeit. Dieser Mensch ist nicht verschwunden, als mein erstes Kind auf die Welt kam. Die Bedürfnisse der kleinen Menschen, die ich – nach meinem eigenen Wunsch! – auf die Welt gesetzt hatte, und meine eigenen zu vereinbaren, was meistens naturgemäß zu meinen Ungunsten ausfiel, war ein langer, harter und manchmal niederschmetternder Kampf.

Und obwohl es mein gutes Recht ist, meine Ziele zu verfolgen und Bedürfnisse nicht nur des körperlichen Wohlbefindens zu stillen, habe ich den Eindruck, mich ganz besonders gegen Urteile und Vorwürfe wehren zu müssen. Aus staatlicher Sicht verdient mein Mann gerade so viel, dass wir keine Unterstützung brauchen. Und ja, mit von „Doppelverdiener mit einem Kind“ auf „Einzelverdiener mit zwei Kindern“ heruntergeschraubten Ansprüchen befinden wir uns nicht in einer wirtschaftlichen Notlage.

Als Mutter, die nicht arbeiten muss, so scheint es, sollte ich doch einfach froh sein. Und schon gar nicht meine Kinder in Fremdbetreuung geben. Müttern, die müssen, weil sonst kein Geld da ist, verzeiht man, dass sie ihre Kinder von „Fremden“ „betreuen“ lassen. Mir eher nicht – schließlich bin ich die Mutter, habe Zeit und (gerade so genug) Geld. Ich sollte einfach froh sein.

Ich bin aber nicht froh.

Nicht damit, alleinige Beauftragte im Haushalt zu sein – mein Ehrgeiz, eine „gute Hausfrau“ zu sein, ist vernachlässigbar. Nicht damit, wirtschaftlich von meinem Mann abhängig zu sein – einer guten Ehe liegt stets das Gefühl zugrunde, frei zu sein, und wirtschaftliche Abhängigkeit überschattet dieses Gefühl. Und nicht damit, meinen Intellekt und meine zahlreichen Fähigkeiten außerhalb der Mutterrolle brach liegen zu lassen – das bedeutet nämlich, dass große Teile meiner eigenen Persönlichkeit vernachlässigt werden, was zu ganz erheblichen seelischen und mentalen Problemen führt, die sich wiederum auf mein Verhältnis zu den Kindern niederschlagen.

Seit ich die eine Tätigkeit nicht mehr ausüben kann, die mir eine gelungen Work-Life-Balance erlaubte, suche ich nach neuer Arbeit. Das hieß, dass ich trotz Arbeitslosigkeit den Betreuungsplatz beim Tagesvater für meinen nicht ganz Einjährigen in Anspruch nahm. Weil ich, wenn ich neue Arbeit finden sollte, darauf angewiesen gewesen wäre, dass die Betreuung bereits besteht – mit den momentanen Planungs- und Anmeldephasen in der Kinderbetreuung ist man nur auf der sicheren Seite, wenn man einen Platz hat und nicht hergibt. Das hieß auch, dass meine Große weiterhin 45 Stunden pro Woche in den Kindergarten ging – so war sie es gewöhnt, und eine Umgewöhnung und Rück-Umgewöhnung, wenn ich wieder in Arbeit gekommen wäre, hätte mehr Stress für das Kind bedeutet als einfach den bekannten Rhythmus zu behalten.

Dass meine Kinder in ihrer Betreuung waren, hieß auch, dass ich mich in den Stunden zu Hause nicht nur um den Haushalt kümmern konnte. Ich konnte auch meiner bescheidenen Bloggertätigkeit nachgehen, ohne auf Schlaf zu verzichten (ein ausgesprochen wertvoller Gewinn), und mich der Arbeitssuche widmen, wie es die Agentur für Arbeit von mir erwartete.

Aber, und jetzt kommt’s. Aber ich habe die „Fremdbetreuung“ meiner Kinder nie nur als meinen eigenen Vorteil gesehen – um mögliche Arbeitszeiten abzudecken oder Freiraum für meine Persönlichkeit neben dem Mutterdasein zu haben. Ich spreche hier nur als Expertin für meine eigenen Kinder, ich weiß, dass andere Kinder anders sind, andere Mütter anders sind und es ist alles gut. Aber meine Kinder haben davon profitiert, dass andere liebevolle und fachlich ausgebildete Menschen in ihr Leben traten und sich um ihre Entwicklung kümmerten. Und das nicht, weil ich so eine fürchterliche, harte und verbitterte Mutter bin, sondern unter anderem weil die gewonnene Zeit für meine anderen Persönlichkeitsaspekte mir geholfen hat, eben das nicht zu werden. Und weil die Welt meiner Kinder sich geöffnet hat, sie mit anderen Kindern zusammenkamen, für ganze Tage und nicht nur ein paar Stunden; sie hat sich aber auch geöffnet für die Andersartigkeit der Erwachsenen. Wir Eltern sind atheistische Film-Freaks, die mittelmäßig-ausreichend auf gesunde Ernährung mit Fleisch achten, aber schon mal streng auf respektlosen Umgang mit unserem Eigentum reagieren. Die Tagesmutter unserer Tochter war katholische Anthroposophin, die Hausmannskost für die ganze Familie inklusive ihrer Teenager kochte und eine ellenlange Geduld hatte. Der Tagesvater unseres Sohnes war evangelischer Theologe und ausgebildeter Sozialarbeiter, der mit den Kindern vorwiegend vegetarisch kochte und die manchmal rabiaten Abenteuerlichkeiten unseres Sohnes mit Schmunzeln und einem gewissen Maß an Bewunderung betrachtete. Unsere Kinder haben bei den Tageseltern und im Kindergarten gelernt, dass sich die Fürsorge der Erwachsenen nicht immer in lieblicher Freundlichkeit äußert, dass Teilen mit anderen notwendig und sogar schön ist, haben Raum und Möglichkeit gehabt, ihren Körper und ihre Fähigkeiten auszuprobieren, die ich als einzelne Bezugsperson in einer Vierzimmerwohnung einfach nicht anbieten kann.

Heißt das, dass ich nicht alle Entwicklungsschritte meiner Kinder beim „ersten Mal“ mitbekommen habe? Ja. Haben sie darunter gelitten? Nein. Warum? Weil die Kinder diese Entwicklungsschritte nicht für mich und meine Selbstverwirklichung gemacht haben und vor allem „das erste Mal“ nur den Anfang bedeutete, dh. es folgte die Wiederholung und Aneignung neuer Fähigkeiten, die ich alle mitbekommen habe. Mein Leid darüber, nicht bei den allerersten Schritten unseres Sohnes dabeigewesen zu sein, verflog, als er gleich nachmittags zum zweiten und dritten Mal lief.

Fazit: Was ich mir wünsche. Ich wünsche mir von der Gesellschaft ein Loslassen der traditionellen Rollen, das heißt mehr Unterstützung berufstätiger Eltern auch in der Gesprächskultur. Dass Mütter arbeiten dürfen, egal ob sie müssen oder „nur“ wollen. Dass Väter zu Hause bleiben und Fürsorge erbringen dürfen. Ich wünsche mir von Arbeitgebern, dass sie „Familienfreundlichkeit“ nicht nur als Wort im Marketing behandeln und in ihrer Betriebskultur Eltern (auch potenzielle!) keine Belastung sind, sondern als wertvolle Mitarbeiter behandelt werden, die Qualifikationen mitbringen, die nur von Eltern ausgebildet werden können. Ich wünsche mir von allen Frauen, vor allem aber allen Müttern, dass sie sich von der Dichotomie gut/schlecht lösen, was individuelle Entscheidungen des Elterndaseins angeht. Die Hausfrauen/Mütter sind keine Egozentrikerinnen, keine Heimchen oder Übermütter, die ihre Kinder nur als Verlängerung ihrer selbst sehen – sie lieben ihre Kinder und wollen ihnen das Beste geben, was sie zu bieten haben*. Die arbeitenden Mütter sind keine Egozentrikerinnen, keine Karrieretussis oder Rabenmütter, die ihre Kinder nur als Lifestyle-Accessoire bekommen haben – sie lieben ihre Kinder und wollen ihnen das Beste geben, was sie zu bieten haben*. Die Bedürfnisse der Eltern und der Kinder unterscheiden sich so sehr, wie sich Menschen unterscheiden. Das Eine ist nicht richtiger als das Andere, das Andere stellt das Eine nicht in Frage oder negiert es!

Ich wünsche mir, dass es für alle Arbeit, Lebensraum und Betreuungsplätze gibt, um das individuelle Glück zu verfolgen. Amen.

 

*Selbstverständlich sind bedauernswerte Einzelfälle hiervon ausgenommen, aber bitte: viele Anekdoten schaffen keine wissenschaftlichen Fakten.

 

Nachtrag: Die WZ Krefeld hat am 31.03. einen kurzen Beitrag zum Event veröffentlicht und zitiert mich als „Akademikerin und Mutter von zwei Kindern“. 🙂

2. Januar 2017

01/2017: Fanny Bullock Workman, 8.1.1859

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Fanny Bullock Workman

English below

Wiki deutsch

Fanny Bullock wurde in priviligierte Umstände geboren und genoss eine tiefgreifende Ausbildung in den Vereinigten Staaten (New York), Frankreich (Paris) und Deutschland (Dresden). Schon in ihrer Schulzeit war sie von Abenteuerlust und Fernweh getrieben.

Mit 22 Jahren heiratete sie Hunter Workman, der ihre Expeditionsfreude teilte und ihre Begeisterung für das Bergsteigen weckte. Es war dabei ihr Vorteil, dass amerikanische Bergsteiger-Clubs, anders als die europäischen, für Frauen offen waren. Fannys feministische Überzeugung wurde von dieser Tatsache geprägt; das Thema der Möglichkeiten und Rechte der Frau blieb für sie Zeit ihres Lebens mit dem des Bergsteigens verbunden.

Die Ehe brachte auch zwei Kinder hervor. Die Tochter Rachel, 1884 in Worcester, Mass. geboren, jedoch in Internaten und von Kindermädchen großgezogen wurde und der Sohn Siegfried, 1889 in Dresden geboren, mit etwa 4 Jahren an Lungenentzündung starb. Fanny sah sich selbst als eine Neue Frau, die sich in einer von Männern dominierten Welt nicht mit den traditionellen Rollen und Verhaltensmustern der Frauen zufriedengab. Dementsprechend hatte sie keinen Ehrgeiz für häusliche Pflichten und Kindererziehung. Ihrer Tochter schadete dieses Vorbild keineswegs.

Die Workmans verlegten nach dem Tod ihrer beider Eltern, der sie wirtschaftlich auf Lebzeiten absicherte, ihren Wohnsitz nach Deutschland und begannen von dort aus zunächst, die umgebenden Länder mit dem Fahrrad zu erkunden und darüber Reiseberichte zu schreiben. Ihre ersten Fahrradtouren führten in die Niederlande, Frankreich, Italien und die Schweiz; sie unternahmen eine einjährige Fahrradexpedition nach Spanien und Marokko und brachten dabei 4.500km unter die Reifen. Weiterhin durchquerten sie Palästina, Syrien und die Türkei und legten dabei in 10 Jahren 22.500km mit dem Rad zurück. Von dort aus wendeten sie sich schließlich dem Orient zu und bereisten, auf Fannys Initiative hin, Indien und den Himalaya.

In den folgenden 14 Jahren erkundete und erkletterte Fanny mit ihrem Mann große Teile des Himalaya und fügte ihren bisherigen Rekorden weitere hinzu. In den europäischen Jahren hatte sie als eine der ersten Frauen bereits den Mont Blanc, die Jungfrau und das Matterhorn bestiegen. Im Himalaya bestieg sie als erste Frau den Pinnacle Peak und stellte damit den Höhenrekord für Frauen auf, bei 6.930m. Sie bestieg als erste Frau den Koser Gunge und als erste Frau aus dem Westen den Siachengletscher, den sie mit ihrem Mann auch kartografierte.

Fanny Bullock Workman gründete 1902 den American Alpine Club mit, war die zweite Frau, die Mitglied der Royal Geographical Society werden durfte, und nachdem sie und ihr Mann ihre Expeditionstätigkeit hauptsächlich wegen des Ersten Weltkrieges aufgeben mussten, war sie die erste Frau, die an der Sorbonne in Paris Vorlesungen halten durfte – dies tat sie je nach Publikum auf Englisch, Deutsch oder Französisch.

Insgesamt veröffentlichte sie mit ihrem Mann acht Bücher über ihre Reisen, von denen sieben als Online-Lesematerial zu finden sind. Trotz oder gerade wegen ihrer eigenen priviligierten Herkunft und Situation hatte sie stets einen Blick für die Schwierigkeiten der Frauen in den Ländern, die sie bereiste, und setzte sich für Gleichberechtigung, bessere Bildungschancen für Mädchen und gemäß ihrer anderen Leidenschaft für frauengerechte, praktische Bergsteigerbekleidung. Sie selbst absolvierte ihre Expeditionen und Höhenrekorde in Röcken.

1925 starb sie in Cannes.

*

Wiki english

Fanny Bullock was born into privilege and received a profound education in the US (New York) France (Paris) and Germany (Dresden). Already during her school years she was driven by a zest for adventure and wanderlust.

When she was 22, she married Hunter Workman, who shared her joy in expeditioning and aroused her enhusiasm for mountaineering. It was to her advantage that the American climbing clubs allowed women, as the European did not. Fanny’s feminist conviction was shaped by this fact; the topic of possibilities for and rights of women were for her connected to the topic of climbing throughout her life. 

The marriage produced two children as well. The daughter Rachel, born 1884 in Worcester, Mass. , was raised in private schools and by nannies, and the son Siegfried, born 1889 in Dresden, died of pneumonia at about 4 years old. Fanny saw herself as one of the New Women, who weren’t satisfied with traditional roles and behaviour patterns of a male dominated world. Correspondingly she had no ambition in chores or parenting. It doesn’t seem that her daughter took harm from her example.

After both their parents had died, financially securing them for the rest of their lives, the Workmans changed their place of residence to Germany and started at first to eyplore the neighbouring countries be bike and writing travel books about it. Their first bike tours took them to the Netherlands, France, Italy, and Switzerland; they ventured on a year-long bike expedition to Spain and Marocco, cycling a good 2,800m. Furthermore they crossed the Palestine, Syria and Turkey and by that covered a distance of approx. 14.000miles in ten years. From there they turned to the rient and traveled to Indiy and the Himalaya region, mainly on Fanny’s initiative.

In the following 14 years, Fanny and her husband explored and climbed wide parts of the Himalayas, adding more to her previous records. During the European years, she had climbed the summit of the Mont Blanc, the Jungfrau and the Matterhorn as the first woman to do so. In the Himalayas, she was the first woman to climb Pinnacle Peak, setting the altitude record for women at the time at 22,735feet. She was the first woman to climb the Koser Gunge and the first Western woman on the Siachen glacier, which she mapped with her husband.

In 1902, Fanny Bullock Workman co-founded the American Alpine Club, was the second woman to be allowed a member of the Royal Geographical Society, and after she and her husband had to abandoned their expeditioning, mainly due to the First World War, she was the first woman to lecture at the Sorbonne in Paris – she did this in English, German or French, depending on the audience.

She and her husband published eight books about their travels, seven of which can be found and read online. Despite or maybe because of her own privileged origin and situation, she always had an eye for the struggles of women in the countries she visited, and promoted equality, better education for girls and, in accordance with her other passion, practical and suitable climbing attire for women. She herself got through her expeditions and altitude records in skirts.

She died in Cannes in 1925.

25. Oktober 2016

leseliste 

14. Oktober 2015

funny but true

encounter any of these, stop discussing 

6. Juli 2015

KW 28/2015: Daphne Marlatt, 11. Juli 1942

Daphne Marlatt

Wiki deutsch Wiki englisch

Mal wieder was für die Leseliste: eine proklamierte feministische Autorin von Gedichten und Romanen. Vor allem Rings, ein Gedichtband über „Schwangerschaft, Geburt und frühe Elternschaft“ klingt für mich natrlich gerade sehr interessant.

Sonst hat Daphne Marlatt auch schon eine beachtliche Liste an Veröffentlichungen, die ich mir, wenn ich mich zu ihr durchgearbeitet habe (in 85 Jahren) dann bei Gefallen auch vornehme. *seufz*

15. Juni 2015

KW 25/2015: Lalla Aicha von Marokko, 17. Juni 1930

Lalla Aicha von Marokko

Wiki deutsch Wiki englisch

In Zeiten von Pegida und muslimischen Hasspredigern finde ich es besonders wichtig, im Rahmen meiner Möglichkeiten darauf hinzuweisen, dass nicht Kultur und Religion per se das Problem in Humanitarismus und Feminismus sind – es sind die starren Struktuen, orthodoxen Lesarten und vor allem das von Angst geprägte Denken, die jede Kultur und jede Religion – ebenso wie den Atheismus – zu aggressiven und schädlichen Ideologien verzerren können.

Die Prinzessin Lalla Aicha von Marokko trat schon früh für den Feminismus ein – eine Tatsache, die auch dadurch möglich war, dass offenbar ihre Familie ebenso von der Gleichwertigkeit und den Möglichkeiten der Frauen in der Welt überzeugt war.

Es gibt diese Frauen, es gibt den friedlichen und fortschrittlichen Islam, so wie es das friedliche und fortschrittliche Christentum und Judentum gibt. Was jemand glaubt, bestimmt nicht notwendigerweise, ob und wen er hasst, ablehnt oder unterdrücken will.

27. Mai 2015

mad max: fury road

george miller, australien/usa 2015

seht diesen film. fragt nicht, geht einfach ins kino und seht ihn.

die gründe dafür können vielfältig sein. ist MM:FR der neue maßstab für actionfilme, visuell wie inhaltlich? ja. der film geht nach vorne ohne jemals zu bremsen, er flemmst euch die stoppeln vom sehnerv, bläst das kondenswasser aus den ventrikeln, brennt sein markenzeichen in die schaulust. er legt eine post-apokalyptische welt dar, die aus pop-kultur-wahnwitz und phallozentrischer technik-verehrung gebastelt wurde, lässt den erklärbär aber wunderbar gelassen im winterschlaf.

ist MM:FR auch die „feministische propaganda“, die in manchen finsteren winkeln des internets gewittert wurde? die meinungen gehen auseinander, ich aber sage laut und mit strahlendem lächeln: ja. wobei man heute eben ruhig von „feministischer propaganda“ sprechen darf, wenn männer und frauen schlicht mengenmäßig und in ihren handlungsmöglichkeiten gleichberechtigt eingesetzt werden. wenn der bechdeltest ohne die geringste schwäche bestanden wird. wenn ein actionfilm eine frau und einen mann als hauptpersonen einsetzt und diese beiden keine liebesbeziehung eingehen. wenn männer und frauen kooperieren, um ein system zu stürzen, das beide geschlechter in enge, erniedrigende und tödliche korsette zwängt.

mein neuer absoluter lieblingsfilm – er hat natürlich wieder tom hardy und er hat vor allem charlize theron. geht, seht, liebt.

The Mary Sue: MM:FR is a lovely orgasm for your eyes

We All Agree that Mad Max: Fury Road is Great. Here’s Why It’s Also Important.

7 ways ‘Mad Max: Fury Road’ sublimely subverts movie sexism

hey girl feminist mad max tumblr