Posts tagged ‘film’

6. Dezember 2017

Wonder Woman

Patty Jenkins, USA 2017

12 Jahre nach dem letzten Superheldinnen-Film Elektra bekam in diesem Jahr die ikonische Wonder Woman ihr Debüt auf der Kinoleinwand. 1940 erfunden, ist die Amazone Diana mit ihrem blau-rot-goldenen Outfit die älteste und wohl auch bekannteste weibliche Superheldin, und schon in ihrer Entstehungsgeschichte als Gegenmittel zu männlicher Dominanz angelegt. Insofern konnte es kaum ein besseres Jahr für die Film-Premiere dieser weiblichen Identifikationsfigur geben als dieses. Auch die lange und schwierige Entstehungsgeschichte spricht Bände darüber, wie schwer es Hollywood fällt, Frauen als Heldinnen zu inszenieren, und zwar nicht in den typischen „Frauenfilmen“, in denen es um Beziehungen und soziale Themen geht, sondern als physisch und psychisch dominante und ausgeprägte Persönlichkeiten in einem „männlichen“ Genre; gleichzeitig aber auch in einem Actionfilm die Protagonistin nicht wiederum für den Blick des per default männlichen jugendlichen Zuschauer zum reinen Objekt der Begierde zu machen.

Vor diesem Hintergrund tue ich mich mit einer Rezension dieses Films bemerkenswert schwer. Da ich die Comics überhaupt nicht kenne, kann ich mich mit dem Film – vielleicht: dankenswerterweise – nur als solchem auseinandersetzen; die Nähe zur Vorlage oder deren Mangel spielt in meiner Wahrnehmung keine Rolle. Alle Kritik, die ich habe, richtet sich nur an den Film. Der wurde ja durchaus als Sinnbild eines Paradigmenwechsels für den Geschlechterausgleich verkauft, z. B. mit den Kinovorstellungen nur für Frauen, die jede Menge Emaskulationsphobiker auf den Plan riefen.

Ich brauchte einige Zeit, um meine Gedanken zu Wonder Woman zu sortieren. Das mag zunächst mal daran liegen, dass er mir als Film, vor allem als Teil des derzeit nicht abreißenden Stroms von Superhelden-Comic-Adaptionen, überdurchschnittlich gut gefällt. Statt nur Szenen mit erklärenden Dialogen aneinanderzureihen, die die Motivation der Protagonisten von einer brüllenden Actionszene zur nächsten deklarieren, tragen hier alle Szenen gleichermaßen zu einer tatsächlich fließenden Narration bei. Die Figuren sind sympathisch und glaubwürdig, Gal Gadot überzeugt ebenso in ihrer Fragilität wie in ihrer Aggressivität.

Der Film macht auch vieles richtig, was man so an gängigen feministischen Kriterien anlegen kann. Den Bechdel-Test* zugrunde legend, ja, gibt es mehrere Frauen, die mit Namen benannt werden, enge Beziehungen zueinander haben und sich über andere Dinge als Männer miteinander unterhalten. Gal Gadot wird nicht *nur* auf die Merkmale ihres attraktiven Körpers hin in Szene gesetzt, sie hat eine wahrnehmbare Persönlichkeit und der kriegerische Einsatz ihres Körpers (der aller Amazonen) steht männlich dominierten Kampfszenen in Dynamik und Martialität nichts nach.

Meine Desorientierung bei Wonder Woman liegt also sicher auch mit daran, dass ich mich eindeutig nicht (sehr**) geärgert habe. Und da liegt der Hund begraben: Reicht mir das schon? Muss ich mich damit zufriedengeben, in der feministischen Filmkritik, dass ich mich *nicht ärgere*? Wenn ich mir diese Frage angesichts Wonder Woman stelle, fange ich doch an, mich zu ärgern. Denn dann fühle ich mich mit meinem eigenen niedrigen Anspruch an der Nase herumgeführt. Ja, am Anfang des Films gibt es viele starke, namentlich benannte Frauen, die miteinander über etwas anderes als Männer sprechen – in einer Welt, in der Männer nicht existieren! Kaum hat ein Mann Dianas Leben betreten und verläßt sie diese paradiesische Welt, wird sie zur Schlumpfine, zur zugegebenermaßen prominenten Quotenfrau in einem Team aus Männern. Ja, sie trifft auf ihre spätere Sekretärin und beste Freundin Etta, doch die ist Randfigur in diesem Film und gerade gut genug, um ein paar Witze über bekannte Tropen zu liefern, wie etwa dass Diana mit einer Brille auf einmal nicht mehr atemberaubend schön sei. Nun könne man sagen: „Der Film spielt während des Ersten Weltkriegs, da waren Frauen eben nicht so am politischen Leben beteiligt“ (Etta macht sogar eine Bemerkung über ihre Beteiligung an der Sufragettenbewegung) – aber der Film behauptet auch für seine Welt, Ares, der griechische Gott des Krieges, sei die eigentliche Ursache des Ersten Weltkrieges, und es gäbe eine Insel, auf der Amazonen leben wie in einem partiell modernisierten klassischen Thermiskyra. Könnte man sich mit all dieser Fantasie nicht mehr als eine handelnde Frau pro Seite ausdenken?

Meine Unzufriedenheit mit Wonder Woman rührt also daher, dass der Film sich für das, was er sein könnte, viel zu sehr in sicheren Gefilden bewegt. Als würden die immanentesten Punkte abgehakt, damit die in der heutigen Zeit rasend gewordenen Feministinnen keinen Anlass für Beschwerden haben, aber über ein paar zahme Witze über die Herrschaft der ignoranten Männer hat man sich dann doch nicht hinausgewagt. Davon abgesehen, geht der Film seinen wie erwähnt angenehmen, aber doch nicht so revolutionären Gang.

„Was wollt ihr denn noch?“, fragen die genervten Guten Männer. Tja, was? Einen Film, in dem nicht nur die eine übermenschliche Frau einen gleichberechtigten Platz und maßgebliche Dialogzeilen hat, wäre ein Anfang (wenn wir so tun wollen, als hätte es das Ghostbusters Reboot und andere Feig-McCarthy-Koopertationen nicht gegeben). Sonst kommen wir doch wieder nur in eine Hure-und-Heilige-Dichotomie, auch wenn sie sich heute nicht mehr an sexueller Aktivität bemisst (jedenfalls nicht mehr so sehr, aber auch Wonder Woman muss natürlich lieben, um Sex zu haben) – entweder bist du Superheldin oder immer noch egal. Es klingt auch Gatekeeping an: Wenn du nicht so gut sein kannst wie Wonder Woman, hast du immer noch keinen Platz in der Welt.

So wird Wonder Woman für mich zu einem sehr ambivalenten Film. Unterhaltsamer als viele seiner Superhelden-Kollegen. Endlich, ein Film über eine Superheldin, eine weibliche Protagonistin und Titelfigur in einem Actionfilm. Und doch: Zeugnis so vieler Unzulänglichkeiten der Filmlandschaft. Da hat Wonder Woman noch einige Arbeit vor sich.

* Ich empfehle diese Seite und vor allem die immer vielstimmigen, aber oft (meist?) mit guten Argumenten geführten Diskussionen über Filme im Hinblick auf den Bechdel Test. Darin lassen sich die Minimalanforderungen, die eine Frau an einen gendergerechten Film haben kann, in ihrem wirklich bescheidenen Ausmaß sehr gut erkennen – aber auch, wie leicht es ist, diese zu erfüllen und trotzdem etwas zu wünschen übrig zu lassen. Andere schöne Tests, mit denen man die feministischen Qualitäten eines Films messen kann, rangieren von intersektionell bis zum schlichten „Regen sich Männer darüber auf?“

** Einmal habe ich mich doch geärgert, nämlich als ich feststellte, dass die Amazonen dann doch alle auf Keilabsätzen kämpfen. Laut Regisseurin sollte Wonder Woman lange Beine haben, und die sehen nun mal länger aus in hohen Absätzen. Und ich weiß, viele Frauen fühlen sich durch ihre Meisterschaft, auf hohen Absätzen gehen zu können, empowered. Das streite ich nicht ab. Dennoch kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass eine Kultur, die alleine von Frauen geprägt ist und aus einer Zeit stammt, die vor der Einführung hoher Absätze liegt, doch eher zu praktischen und bequemen, nicht erotisierenden Schuhformen neigen würde. Von den faschistoid vollkommenen Körper der Superhelden generell will ich gar nicht anfangen. Die sehe ich ja in ihrer gängigen männlichen Ausführung durchaus auch gerne an.

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30. Oktober 2017

44/2017: Ruth Gordon, 30.10.1896

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Ruth Gordon

English below

Wiki deutsch

Ruth Gordon war nicht nur bereits in ihrer Jugend eine erfolgreiche Broadway-Schauspielerin, und nicht nur in höherem Alter unter anderem Oscar-nominierte Film-Schauspielerin – in Rosemaries Baby oder unvergessen in Harold und Maude. Sie war auch in den zwanzig Jahren zwischen diesen Schauspieler-Karrieren erfolgreiche Drehbuchautorin. Was ich immer wieder vergaß und nun nie wieder vergessen will: Sie schrieb (mit ihrem 16 Jahre jüngeren Ehemann) das Drehbuch zu Pat and Mike, meinem Lieblingsfilm mit Katherine Hepburn und Spencer Tracy. Dieser ist ein Plädoyer dafür, dass sich ehrgeizige Frauen nur an den Mann binden sollten, der erträgt, dass sie erfolgreich sind.

*

Wiki english

Ruth Gordon was not only a successful Broadway actress in her youth, and not only a successful, Academy Award nominated movie actress in her later years – in Rosemary’s Baby and unforgettable in Harold and Maude. She was also, in the twenty years between those actor’s careers, a successful screen writer. I always forgot and don’t want to forget ever again: She wrote the script (with her husband, 16 years her junior) to Pat and Mike, my favourite movie with Katherine Hepburn and Spencer Tracy. It is a plea for ambitious women to only attach themselves to men who can bear them to be successful.

26. Juni 2017

26/2017: Alice Guy-Blaché, 1.7.1873

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Alice Guy-Blaché

English below

Wiki deutsch

Alice Guy-Blaché war die erste Regisseurin narrativer Filme. Zunächst fähige Sekretärin von Léon Gaumont in einem Fotografiestudio, begleitete sie ihn zur Vorführung der ersten Bewegtbild-Projektion der Gebrüder Lumière. Als der gemeinsame Arbeitgeber bankrott ging, unterstützte sie Gaumont in der Gründung seines eigenen Studios. Welches Mischverhältnis ihrer eigenen Naivität und seiner Ahnungslosigkeit, oder ihrer Vision und seines Vertrauens darin es auch immer war, Guy-Blaché drehte bald die ersten erzählenden One-Reelers und war damit als einzige Frau neben Meliès und den Lumière-Brüdern die Erfinderin der Kunstform des Unterhaltungsfilms.

Sie experimentierte mit Farbfilm, Doppelbelichtung, Maskierung und synchronisierten Tonaufnahmen (Gaumonts Chronophone) und produzierte in ihren zehn Jahren bei Gaumont über 700 Filme, deren Stil auch nach ihrem Weggang die Gaumont-Produktionen prägte. Ihr größter Wurf in dieser Zeit war der lange Spielfilm „La vie du Christ“ mit 300 Statisten – eine Vorahnung späterer Monumentalwerke mit biblischem Thema.

Nachdem sie geheiratet hatte, machte sie drei Jahre Arbeitspause. Dann jedoch, ihr Mann hatte inzwischen die Leitung des Gaumont Studios in Flushing, Queens,übernommen und die beiden waren in die USA übersiedelt, gründeten die beiden ihre eigene Produktion, The Solax Company. Sie übernahm die künstlerische Leiterung, ihr Mann die geschäftliche; in den folgenden Jahren überwachte noch einmal die Produktion von mehr als 300 Filmen, auch Regie führte sie bei etwa 40 davon.

Sowohl das wirtschaftliche Scheitern der Solax, später Blaché Company durch den Oligopoldruck durch Edisons MPPC, aufgrund dessen die Blachés zunächst noch gemeinsam in Hollywood arbeiteten, wie auch seine Untreue führte zum Scheitern ihrer Ehe. Guy-Blaché kehrte nach Frankreich zurück und zog sich aus dem aktiven Filmgeschäft zurück; sie schrieb allerdings weiterhin Drehbücher und hielt Vorlesungen. Gegen Ende ihres Lebens folgte sie einer ihrer Töchter wieder in die USA und starb dort 95jährig.

Weitere biografische Details können den Links unten entnommen werden. Dort ist auch die Seite des Dokumentarfilms „Be Natural“ zu finden – „Be Natural“ war Guy-Blachés Motto für die Arbeiten im Studio – der durch Crowdfunding realisiert werden konnte und sich laut IMDb derzeit in der Postproduktion befindet.

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Wiki english

Alice Guy-Blaché was the first female director of narrative movies. At first a proficient secretary to Léon Gaumont in a still photography company, she accompanied him to the showing of the Lumière brothers‚ first moving picture. When their epmloyer went bankrupt, she supported Gaumont in founding his own studio. Which ever mixture of her own naivety and his cluelessness, or her vision and his trust it may have been, Guy-Blaché soon shot the first narrative one reelers and thusly was the only woman, along Meliès and the brothers Lumière, to invent the art of movie entertainment.

She experimented with colour tinting, double exposure, matte painting and synchronised sound (Gaumont’s chronophone), and produced more than 700 movies in her ten years at Gaumont, with a stlye that influenced Gaumont productions even after she had left. Her largest project was the long playing „La vie du Christ“ with 300 extras – a premonotion of later monumental productions with biblical themes.

After marrying, she took a three year break from work. Subsequently however, her husband meanwhile had taken over management of the Gaumont Studios in Flushing, Queens, and the two had moved to the United States, the Blachés established their own production, The Solax Company. She was in charge of the artistic side, her husband managed business; in the following years she oversaw the production of another more than 300 movies, directing about 40 them herself.

The economic failure of the Solax, later Blaché Company, under the pressure of the oligopoly of Edison’s MPPC, because of which the Blachés firstly continued to work together in Hollywood, as well as his infidelity broke up their marriage. Guy-Blaché returned to France and withdrew from active film-making; she however continued to wrtie scripts and gave lectures. At the end of her life, she followed one of her daughters back to the US and died there at the age of 95.

Further biographical details are found following the links below. Also below the website of the documentary „Be Natural“ – „Be Natural“ being Guy-Blachés motto for working in the studio – which has been made possible by crowndfunding and is in post-production according to IMDb.

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Women Film Pioneers Project

Amy Poehler’s Smart Girls

Be Natural The Movie

15. Mai 2017

20/2017: Arletty, 15.5.1898

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Arletty

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Wiki deutsch

Französische Schauspielerin, besonders bekannt für ihre Rolle der Garance in Kinder des Olymp (siehe unten). Sie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg wegen ihrer Beziehung zu einem deutschen Offizier angefeindet und einige Jahre nicht engagiert.

Lieblingszitat:

Wenn mein Herz auch französisch ist, mein Arsch, der ist international.

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Wiki english

French actress, best known for her role in Children of Paradise (see below). After World War II she was bashed for her affair with a German army officer and received no roles for several years.

Favourite quote:

Even if my heart is french, my ass is international.

11. Januar 2017

auf nichts ist verlass / nothing is certain

weil die daten bei wikipedia nicht ordentlich geführt/verlinkt sind, habe ich einen ganzen beitrag geschrieben, links und alles, und dann festgestellt, dass die dame in diese woche gehört und nicht in die nächste. -_- deshalb gibt’s den clip jetzt einfach so, weil er so schön ist.

since the dates aren’t correctly sorted/linked on wikipedia, i wrote a whole post, links and all, only to find that this lady belongs in this week, not in the next. -_- so here’s the clip just so, because it’s so beautiful.

 

12. April 2016

spy

paul feig, usa 2015

wie auch bereits bridesmaids und the heat gewinnt auch dieser film bei mir schon a priori sympathien mit der geschlechterbalance der charaktere. so muss filme-kucken für männer immer gewesen sein: ein oder mehrere hauptcharaktere des eigenen geschlechts, die als reflektionsfläche dienen können, und einige augenschmeichler (und lachmuskel-trainer) des anderen als garnitur – so ließe ich mir auch viel mehr gefallen.

melissa mccarthy ist nicht nur lustig „für eine frau“, sie ist schlicht lustig, und das nicht nur selbstironisch. die spitzen gegen vorurteile gegen dicke frauen fehlen nicht, aber auch die situationskomik sowie der dick-pic-gag der extended version treffen den nerv. es ist auch deutlich zu spüren, dass die vier weiblichen (haupt-)darsteller melissa mccarthy, rose byrne, miranda hart und allison janney es genießen, sich entfalten zu können und echte figuren, nicht nur tropen geben zu dürfen. das vergnügen, nebenbei auch die vorurteile, denen frauen ihrer art begegnen, und die stereotypien des klassischen actionfilms auf die schippe zu nehmen, spürt man ebenfalls unleugbar. die männlichen darsteller – allesamt vom typ „echter kerl“ – werfen sich anstandslos und mit ebenso sichtlichem vergnügen in die parodie ihrer stereotypen, in den fluss eines films, der die arroganz und gatekeeper-mentalität, kurz den sexismus ihres geschlechts aufs korn nimmt. besonders jason statham scheint eher urlaub zu machen als es als arbeit zu betrachten, wenn er die angeberei und rüpelei seines charakters ins komische übertreibt.

der film mag wie andere parodien auch ein wenig daran kranken, dass er gleichzeitig komödie und actionfilm ist; da jedoch der witz schon in der prämisse der bürostute, die plötzlich im feld ihre frau stehen muss, besteht, und jedes klischee des spionage-actionfilms angriffsfläche für witz bietet, bleibt es kurzweilig.

ich freue mich jetzt schon auf the boss und ghostbusters.

18. März 2016

fröhliches miteinander ohne kleidung

die filmlöwin stellt einen dokumentarisch mit laiendarstellern gedrehten deutschen porno vor, der ausgesprochen sympathisch klingt. 

26. Januar 2016

sedmikrásky

vera chytilová, tschechoslowakei (damals noch) 1966

ungezogene junge leute in traumhaft strahlenden farben. die beiden maries stellen fest, dass die welt verdorben ist und beschließen, ebenfalls verdorben zu sein. „macht das was?“ „macht gar nichts!“

sie lassen sich von älteren herren zum essen, trinken und rauchen einladen und schaffen sie dann, bevor diese ihren tribut fordern können, rasch zum zug. das wird langweilig, andere ungezogenheiten müssen her. junge männer, die sich stürmisch verlieben, stammeln poesie in den telefonhörer, während die angesprochenen würste, croissants und bananen mit der schere zerteilen und lustvoll zerbeissen. große enttäuschung herrscht bei den mädchen, als der landwirt, der doch sonst nichts zu sehen bekommt als erde und pflanzen, kein bisschen interesse zeigt. gibt’s sie überhaupt noch? „uns gibt’s! uns gibt’s!“ trällern die mädchen fröhlich, weil es doch nicht die anerkennung der männer braucht. sie stürmen das aufgebaute buffet, während die oberschicht noch dem klassischen konzert lauscht, und fressen, saufen, mampfen, stampfen durch delikatessen und dekandenzen. schlimm muss es ja mit ihnen enden. wenn man ihnen eine zweite chance gäbe, würden sie sich sicher reuig zeigen…

ein wunderschöner film, bunt und anarchisch, voll von erotischem witz und verweigerung des male gaze. zu viel schönheit und anarchie für die kommunisten: nach dem prager frühling wurde der film verboten. auf der bluray von Bildstörung gibt es noch extras, die die entstehungsgeschichte und den kulturellen kontext beleuchten. ein echtes überraschungsbonbon für mich.

14. Dezember 2015

bridesmaids & the heat

paul feig, USA 2011/2013

mein mann, mit und dank dem ich die beiden filme sah, hat die hoffnung geäußert, ich möge etwas dazu schreiben, wie ich geplant hatte. das ist tatsächlich leichter gesagt als getan. denn es geht dabei für mich nicht darum, die filme als unterhaltungswerke an sich zu besprechen, sondern um nichts weniger als ihre bedeutung für mich als feministin.

ich will eine erläuterung voranstellen. ich führe des öfteren diskussionen um frauen- und männerrollen in filmen. ein punkt der uneinigkeit dabei ist, was diese bedeuten für das publikum bzw. die kultur, in der der film entstanden ist und in die er wiederum als unterhaltungswerk verkauft wird. ein argument der gegenseite ist, dass hinter dem teils klar erkennbaren, teils subtileren sexismus keine „agenda“ steht; dass keine politik in dem sinne mit filmen betrieben wird. (eine gelegenheit, mich als gute zuhörerin zu prüfen: ich gebe hier mein verständnis der äußerungen anderer wider.) dass also eine diskriminierung und unterdrückung der (komplexen, realistischen) frau im film nicht mit absicht geschieht und mit dem plan, frauen in allen bereichen des lebens auszunutzen und profite aus ihrer „unterwerfung“ zu ziehen; dass sexismus mithin nicht „systematisch“ sei (im gegensatz zb. zum US-amerikanischen rassismus, dessen ausformungen heute folgen sind einer systematischen wirtschaftlichen ausnutzung menschlicher ressourcen).

ich kann dem nicht zustimmen. um das oben gesattelte pferd von hinten aufzuzäumen: 1) der vergleich des sexismus mit dem rassismus mag insoweit unpassend sein, dass es nicht diesen einen punkt in der nachvollziehbaren geschichte gab, an dem frauen aufgrund ihres frau-seins in massen eingefangen, verschleppt und „verwertet“ wurden wie die vorfahren der heute noch diskriminierten afro-amerikaner der USA. in meinem kulturkreis der westeuropäischen welt gab es jedoch auch einmal zeiten – wie man dank archäologischer funde immer wieder voller erstaunen feststellt – zu denen die engen geschlechterrollen noch nicht so galten wie heute. und es gibt eine relativ klare zeitliche begrenzung, wann es mit der gleichstellung der frau ein ende nahm: nämlich mit dem einzug der christlichen religion (und das sage ich nicht nur als atheistin). ich bin keine historikerin und keine religionsgelehrte, aber mein gefährliches halbwissen reicht soweit: die kirche schränkte den zugang auf bildung ein, verfolgte unter anderem aus wirtschaftlichen und politischen interessen gebildete und/oder reiche frauen, inkorporierte weibliche gottesbilder in form der madonnenverehrung und machte alles in allem „die frau dem manne untertan“. dies alles geschah „nur“ mit der geschwindigkeit, mit der immer mehr völker und regenten sich zum christlichen glauben missionieren ließen, und „nur“ mit der systematik der kirchlichen mission, den eigenen glauben – dem jedoch die diskriminierung der frau immanent war – als einzigen wahren glauben zu verbreiten. eine systematische unterdrückung der frauen, vergleichbar der versklavung der afrikaner für die profite weißer amerikaner, ist heute nicht mehr ersichtlich, weil die diskriminierung der frau bzw. die fortschreibung der schädlichen geschlechtervorschriften für beide geschlechter inzwischen systemimmanent ist. und es lässt sich auch nicht leugnen, dass mit diesen jede menge geld gemacht wird, weshalb es auch durchaus im interesse vieler ist, dass diese rollenschablonen beibehalten und perpetuiert werden.
2) „es ist nur ein film“ ist das andere argument, und ich verstehe natürlich, was gemeint ist: die marvel-filme wollen vor allem ihr merchandise verkaufen und nicht per se sexismus unterstützen und frauen diskriminieren. ihr wirtschaftliches interesse liegt nicht in der diskriminierung der frau; ihre strategien sind „nur“ aufgrund des bestehenden sexismus der potentiellen konsumenten sexistisch. und die geschlechterrollen in filmen sind eben, wenn es nicht ausdrücklich zb. feministisch bewegte filme sind, eine abbildung dessen, was in ihrer ursprungskultur der fall ist, und nicht jede figur in jedem film kann, muss und soll eine politische umwälzung erwirken. soweit kann ich zustimmen; gleichzeitig sind aber filme eben nicht nur produkte ihrer kultur sondern auch bausteine derselben. bedeutet, aus filmen wird vom publikum auch das wieder entnommen, was sie zeigen, und wenn filme unter dieser prämisse eben eingrenzende, diskriminierende geschlechterrollen immer weiterschreiben, werden die in der kultur bestehenden beständig perpetuiert. dabei kostet es weder mehr zeit noch mehr geld, statt der restriktiven gendervorschriften menschen unterschiedlichen geschlechts mit unterschiedlichen charaktere statt der müden alten klischeeschablonen zu zeigen.

was mich zum eigentlichen anlass dieses postings bringt, nämlich den wundern der komödien von paul feig. bei beiden filmen – bridesmaids von 2011 und the heat von 2013 – handelt es sich um eigentlich gängige genres: eine komödie, im weitesten sinn vielleicht eine rom-com, am ehesten ähnelt der film aber den nasties à la old school oder verschiedenen adam-sandler-filmen; und eine polizei-komödie um zwei unterschiedliche charaktere, die sich für den kampf gegen das verbrechen zusammenraufen und ihre differenzen nicht nur überwinden, sondern sich auch gegenseitig bereichern. diese filme sind gleichzeitig so alltäglich wie revolutionär, denn sie konzentrieren sich in ihrer klaren genrezugehörigkeit auf frauen in rollen, die sonst männer vorbehalten sind. sie zeichnen ihre weiblichen hauptfiguren mit soviel komplexität wie möglich ist im rahmen ihres genres – welche jedoch schon eine komplexität ist, die sonst den weiblichen nebenrollen nicht vergönnt ist.

der effekt, den das auf mich als zuschauerin hat, ist nicht zu unterschätzen – und, mann möge es mir verzeihen, nicht zu erklären für jemanden, der zeit seines lebens seine eigene peer group weiß/männlich(cis)/hetero als die maßgebliche zielgruppe kennt, an die alle mediale kommunikation gerichtet ist. in diesen filmen muss ich mich bei der identifikation mit den hauptfiguren nicht in ein anderes gender hineindenken, muss mich selbst nicht maskieren, bleibe nicht als zuschauerin außen vor, sondern finde mich in einer lebenswelt, einem erfahrungshorizont wieder, in dem die identifikation mühelos und ohne umkehrung der vorzeichen funktioniert. was das für meine eigenwahrnehmung bedeutet, ist schwer zu erklären; frauen in filmen als handelnde personen mit authentischen, differenzierten persönlichkeiten zu sehen gibt mir als frau das gefühl einer erhöhten akzeptanz meiner selbst. die eingeschränkten rollenbilder in vielen filme bieten mir als reflektionsfläche ein entsprechend eingeschränktes bild, die themen, um die sich die auseinandersetzung mit diesen rollen dreht, sind leider meist noch immer: attraktivität, sexuelle verwertbarkeit, beziehungsverhalten. die frauen in bridesmaids und the heat mit ihren ausdifferenzierten charakteren, mit ihren vorzügen und makeln, bieten mir in der reflektion die möglichkeit, mich selbst als person – statt „nur“ als frau (und das auch nur im männlichen blick) – wahrzunehmen, mehr: zu akzeptieren. statt mich einzuschränken und jede individuelle abweichung vom traditionellen frauenideal als mangel meinerseits annehmen zu müssen, sind diese weiblichen hauptfiguren der schlüssel zu einer welt der möglichkeiten, wie eine frau, also auch ich, sein kann.

und dabei zähle ich als weiße, cis-hetero-frau noch nicht einmal zu den kleinsten randgruppen. was es bedeutet, handelnde figuren im fokus zu sehen, die merkmale seiner selbst spiegeln, kann man auch an den beispielen home und mad max: fury road sehen.

paul feigs filme zeigen, dass es möglich ist, filme zu machen, die die restriktiven geschlechterrollen aufbrechen, ohne dies zum eigentlichen inhalt und thema des films zu machen. dass es möglich ist, filme für ein breites publikum zu machen, die frauen zu den hauptakteuren machen; im ausgleich zu den vielen filmen, die für das massenpublikum gemacht werden, in denen wieder und wieder männer als hauptakteure eingesetzt werden. sie zeigen, dass männern nichts genommen wird, wenn frauen mehr raum gegeben wird, eher das gegenteil ist der fall; dass frauen nicht nur für frauen witzig sind; dass frauen vor allem menschen sind, die unterschiedliche geschichten, charakterzüge und handlungsmöglichkeiten haben. die feministische umwälzung in den medien ist möglich, ohne verluste. es ist noch ein langer weg, aber er liegt vor uns.

ich werde paul feigs ghostbusters mit sicherheit im kino sehen.

7. Oktober 2015

Die Frau am Schneidetisch 

5 women who broke the Hollywood system

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