Posts tagged ‘frau als mann’

7. März 2016

KW 10/2016: Eleonore Prochaska, 11. März 1785

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Eleonore Prochaska

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Wieder so ein Fall „knapp drin gildet noch“. Aber auch hier kann ich nicht widerstehen, endlich über dieses Phänomen zu sprechen: Frauen, die als Männer verkleidet Soldaten werden.

Eleonore Prochaska trat 1813 als „August Lenz“ in den Militärdienst ein und kämpfte in den Befreiungskriegen gegen Napoleon an der Niederelbe. Erst als sie in der Schlacht an der Göhrde schwer verletzt wurde, entdeckte ein Vorgesetzter bei der Wundversorgung ihr wahres Geschlecht und ließ sie von der Front entfernen. Drei Wochen später erlag sie ihren Verletzungen.

In der Folgezeit wurde sie als „Potsdamer Jean d’Arc“ idealisiert und inspirierte verschiedene künstlerische Werke.

Besonderen Augenmerk möchte ich auf den Abschnitt über die Neu-Interpretation Prochaskas in der Genderforschung lenken.

*

Von 170 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 15 (inklusive Eleonore Prochaska) Frauen:

13.3.1271 Guta von Habsburg
7.3.1419 Mechthild von der Pfalz
7.3.1437 Anna von Sachsen
8.3.1518 Sidonie von Sachsen
12.3.1573 Agnes Hedwig von Anhalt
12.3.1637 Anne Hyde
11.3.1683 Caroline von Brandenburg-Ansbach
9.3.1697 Friederike Caroline Neuber
13.3.1716 Philippine Charlotte von Preußen
9.3.1721 Karoline von Pfalz-Zweibrücken
10.3.1776 Luise von Mecklenburg-Strelitz
12.3.1776 Hester Stanhope
12.3.1781 Friederike von Baden
10.3.1794 Henriette d’Angeville

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12. August 2013

KW 33/2013: Gladys Bentley, 12. August 1907

Gladys Bentley

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Die Wilden 20er haben in mancher Hinsicht einen Geist der unbegrenzten Möglichkeiten vorgelebt, der zum Teil fortschrittlicher war als die Sexuelle Revolution der 60er. Dies gilt nicht nur für die USA, sondern auch für Deutschland und Europa – auch hier war die Emanzipation der Frau als finanziell und sexuell selbstbestimmtes Wesen schon weit gereift. Die wirtschaftliche Lage nach dem Ersten Weltkrieg zwang die Gesellschaften auf beiden Seiten des Atlantik dazu, die verfügbare Bevölkerung mit Privilegien wie beruflicher Tätigkeit  auszustatten – und aus der wirtschaftlichen Eigenständigkeit erwuchs ein Selbstbewusstsein der Frauen, das dazu führte, dass manche straffen moralischen Regeln (die zumeist aus patriarchalisch-christlichen Werten erwachsen waren) über Bord geworfen wurden.

Das heißt nicht, dass alles ohne Schwierigkeiten machbar war – aber es gab einen Rahmen, in dem sich ausprobiert werden konnte. Eine lebendige, aktive Musik- und Künstlerszene, in der auch „Randgruppen“ und anders orientierte Lebensstile akzeptiert waren. Gladys Bentley trat in dieser Szene als drag king, als Frau in Männerkleidung, in Homosexuellen-Bars auf und flirtete während ihrer Auftritte hemmungslos mit dem weiblichen Publikum. Es gabe auch Anfeindungen gegen sie, doch überwog – zu dieser Zeit – offenbar der Spaß und die Akzeptanz innerhalb ihrer peer group. Zu dieser Zeit hatte sie musikalisch und äußerlich mehr gemein mit Louis Armstrong als mit Josephine Baker.

Schnellvorlauf 30 Jahre später: In der McCarthy-Ära gibt Gladys Bentley dem sozialen Druck nach, trägt Frauenkleider und behauptet mit Hilfe der Einnahme von weiblichen Hormonen ihre Homosexualität „besiegt“ zu haben. Ihren Mutterwitz hat sie darüber nicht verloeren.

22. Juli 2013

KW 30/2013: Jeanne Baret, 27. Juli 1740

Jeanne Baret

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Geschichten von Frauen, die sich in alten Zeiten als Männer verkleidet haben und so erfolgreich eine Karriere verfolgten, gibt es einige. Sie klingen immer alle irgendwie nach Märchen; heutzutage sind solche Geschichten meist nur Anlass für günstig produzierte Fernsehfilme, alte Witze über die achso typischen männlichen und weiblichen Verhaltensweisen aufzuwärmen, um am Ende doch wieder jeden glücklich in seiner Normrolle zu platzieren.

Jeanne Baret verkleidete sich als Mann, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ging als erste Frau in Männermontur auf Weltreise. Keiner der Mitreisenden – außer ihrem Dienstherren Commerçon, der wohl sowieso ihr Liebhaber war – bemerkte es. Stattdessen brauchte es die „unzivilisierten“ Tahitianer um zu bemerken, dass es sich um eine Frau handelte. Jeanne Baret unterstützte ihren Dienstherren bei seinen Expeditionen und Forschungen und ersetzte ihn später sogar im Krankheitsfall. Sie leistete alle Arbeit, als sei sie der Mann, als der sie sich verkleidete.

Wie üblich beim Matilda-Effekt (über den ich im Artikel über Rosalind Franklin erfuhr) wurde ihr Beitrag zu Geschichte der Naturforschung lange und vollständig unterschlagen. Gottseidank finden sich imme rnoch unbenannte Spezies auf unserem Planeten, sodass 2012 endlich eine Pflanze nach ihr benannt wurde.

16. Juli 2012

mann, konstruiert

am donnerstag, 19. juni, läuft die gender-experiment-dokumentation Man For A Day von Katarina Peters in den kinos an. Peters hat einen workshop von gender-aktivistin Diane Torr in berlin mit der kamera begleitet, in dem frauen sich, zunächst äußerlich, in männer verwandeln konnten. sicher eine interessante erfahrung, dabei gewesen zu sein. den film zu sehen, könnte daher auch interessant sein.

Diane Torr hat natürlich auch eine eigene webiste.

23. Mai 2012

il portiere di notte

liliana cavani, italien 1974

was für ein unglaublich guter, spannungsreicher film. wie schon von meinem mann aufschlussreich erörtert, wirft er einen unverhohlenen blick auf den zusammenhang zwischen dem dritten reich und repressiver sexualität; dass die darstellung einer sado-masochistischen beziehung eines ausführenden nazis zu einer internierten von manchem als geschmacklos empfunden werden mag, ist durchaus nachvollziehbar.

wenn man sich jedoch sachlich von der empörung distanzieren kann und als gesetzt annimmt, dass die opfer der naziverfolgung mit sicherheit keinen genuss an ihrer situation empfanden, andererseits aber unmenschliche verhältnisse ihre auswirkungen auf opfer und täter haben, kann man vor allem in der figur der lucia – zumindest im rahmen des einverständlichen machtgefälles einer dominant-submissiven beziehung – einiges über die macht des opfers und das ausgeliefert-sein des täters erkennen.

lucia erscheint uns in den ersten szenen – ganz natürlich – als verschrockenes reh, das ihrem ehemaligen peiniger wieder gegenübersteht, und wir lassen uns von ihrer zerbrechlichkeit und unwilligkeit, wien zu verlassen, dazu verführen zu glauben, sie wolle sich an max rächen. diese erwartung an die missbrauchte frau wird jedoch jäh enttäuscht in der szene, in der max sie auf ihrem zimmer aufsucht und sich die vorherigen begegnungen als verführerisches katz-und-maus-spiel entpuppen.

lucias erwachende sexualität wurde von max auf die wechselbäder der anbetung und degradierung geprägt, auf die verquere und doch schlüssige abfolge der fürsorglichen überhöhung und umso lustvollerer erniedrigung. sie gibt sich nun ohne zwang wieder in diese beziehung und im laufe des films, besonders in ihrer hocherotischen gesangseinlage, wird klar, dass dies nicht nur daran liegt, dass sie es so gelernt hat. sie begibt sich in die rolle des opfers zurück, weil sie sich ebenso wie max an ihrer macht berauscht: an der macht des opfers. ohne sie ist max nur der seine scham im dunkeln versteckende nachportier. mit ihr und nur mit ihr kann er die seiten seiner selbst ausleben, für die er sich schämt, von denen er jedoch auch weiß, dass er sie weder leugnen noch weg-rationalisieren kann.

im weiteren verlauf des films sehen wir lucia als raubkatze, die sich nicht festketten lässt, jedoch bleibt, wenn sie jederzeit gehen kann. als willensstarke liebhaberin, als launische gespielin. vor allem aber als verführerische fetischfigur in männerhosen mit hosenträgern über den nackten brüsten, lederhandschuhen und nazi-insignien, die in bester marlene-manier singt: „wenn ich gar zu glücklich wär‘, hätt‘ ich heimweh nach dem traurigsein“. man spürt, dass die männer im raum wohl ihre phallussymbole beherrschen mögen, lucia jedoch beherrscht die phalli.

es ist das bittersüße der genussvollen hingebung, die die absolute kontrolle über den anderen beinhaltet, die diese frau echt und eine identifikation möglich macht. von der voyeuristischen schalheit der sexploitation weit entfernt, ist es liliana cavani gelungen, opfer und täter in ihren rollen zu beleuchten, zu spiegeln und ihnen dabei ihre würde zu lassen.

unbedingt unvoreingenommen anschauen! die zärtlich-tragischen letzten minuten allein sind es wert.

14. Mai 2012

KW 20/2012: Tamara de Lempicka, 16. Mai 1898

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„Mein Ziel: Kopiere nie. Schaffe einen neuen Stil, helle leuchtende Farben, und spüre in deinen Modellen die Eleganz auf.“ Zitiert nach den Erinnerungen ihrer Tochter Kizette. (Quelle: Wikipedia)

ein anderer blogger hat ein paar bilder von ihr zusammengetragen und kommentiert, da spare ich mir die arbeit und reiche den stab weiter.

7. Mai 2012

bettina rheims genderstudies

aus gegebenem anlass – leider etwas spät: noch bis zum 17. Mai zeigt des NRW-Forum Düsseldorf die ausstellung „Bettina Rheims: Genderstudies“, fotoausstellung mit klanginstallation.

30. April 2012

KW 18/2012: Martha „Calamity“ Jane Cannary Burke, 1. Mai 1852

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Martha Jane Cannary übernahm mit 15 die Verantwortung für ihre fünf jüngeren Geschwister, nachdem die Mutter beim Treck nach Westen an Lungenentzündung und der Vater ein Jahr später auf der neu erworbenen Farm ebenfalls verstarb. Um ihre Familie zu unterhalten, nahm sie jede Tätigkeit auf, die sie ergreifen konnte, und setzte sich damit – die Not muss laufen, wenn der Teufel sie antreibt – frühzeitig und ohne Reue über Geschlechterrollen hinweg. Einmal auf die Spur gebracht, war sie dann nicht mehr aufzuhalten.

Dass es für Calamity Jane möglich war, ihren Weg so ganz abseits der gängigen damaligen Frauenbiografien zu gehen, hängt natürlich direkt mit dem Zustand des Landes zusammen, in dem sie lebte. Während in „zivilisierten“ Zonen von Frauen Häuslichkeit und Sittsamkeit erwartet wurden, war es das raue Leben in den noch zu erobernden Gebieten, das neben Gewalt und Ausbeutung auch die Befreiung der Frau aus dem engen Korsett der Geschlechterrollen ermöglichte – wenn auch nur temporär. In einer Gegend, in der es vornehmlich ums Überleben geht, versus die Natur und feindlich gesinnte Ureinwohner, kann eine Gesellschaft es sich nicht leisten, wertvolle Mitglieder aufgrund ihres Geschlechtes am Mitaufbau der Zivilisation zu hindern. Dass sie schlussendlich neben Annie Oakley in Buffalo Bill’s Wild West Show als Kuriosum auftrat, zeigt, wie weit die Erschließung des Wilden Westens bereits fortgeschritten war: eine reitende, schießende und trinkende Frau, die Geschichten vom Eisenbahnbau und Indianerjagd erzählte, das war zwar auch zuvor schon eher die Ausnahme, nun jedoch war sie lebendes Fossil und Symbol einer vergangenen, primitiven Epoche.

Wieviel von ihrem bewegten Leben ihre eigene Erfindung war und wieviel sie tatsächlich erlebt hat, wird wohl nicht mehr zu klären sein. Sicher ist, dass sie in ihrer Jugend schön war und unter anderem auch als Prostituierte gearbeitet hat, später tatsächlich am Eisenbahnbau und an verschiedenen Scharmützeln mit den amerikanischen Ureinwohnern beteiligt war und als alkoholkranke Schaustellerin in Buffalo Bills Wildwest Show ihr Leben beschloss. Ebenso, dass sie eine tragische, wahrscheinlich unerwiderte Liebe zu Pokerspieler und Legende Wild Bill Hickock pflegte. Dies und die Briefe an ihre Tochter, die sie Pflegeeltern überließ, zeigen die weiche, verletzliche, *ähem* „weibliche“ Seite von Calamity Jane. Ihr Lebensweg führt vor Augen, wozu Frauen fähig sein können, wenn die Umstände es zulassen, jedoch auch, welcher Preis dafür bezahlt wird.

Wer sich ein Bild vom Innenleben des Flintenweibs und ihren Lebensumständen machen will, dem sei „Briefe an meine Tochter“ ans Herz gelegt. Ansonsten gibt es im Netz mehrere ebenso lückenhafte wie widersprüchliche Biografien, die alle nicht mehr oder verlässlichere Informationen enthalten als der Wikipedia-Artikel. Um nur eine zu verlinken, hier die bei about.com’s Women History, mit ein paar weiterführenden Links.

12. März 2012

KW 11/2012: Alice Austen, 17. März 1866

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Alice Austens Karriere als eine der ersten amerikanischen Fotografinnen begann, als sie zehn Jahre alt war und ihr Onkel ihr einen Fotoapparat überließ. Da sie sich sowohl die Handhabung des Apparates wie die Entwicklung der Bilder in der Dunkelkammer wie auch die Wahl ihrer Motive selbst erarbeitete, war sie in der Fotografie eine self-made woman und als solche frei von künstlerischen und künstlichen Einflüssen, Erwartungen und Restriktionen.

Sie gehört zu den Pionieren der dokumentarischen Fotografie und in ihren Bildern, die nicht im Studio entstanden, sondern ihre Lebenswelt zum Inhalt hatten, ist diese Freiheit spürbar. Wenige Zeitdokumente der letzten Jahrhundertwende transportieren solche Unbekümmertheit und Natürlichkeit wie die Alice Austens.

Besonders die Fotos, die sie von sich und ihren Freundinnen machte, dem Darned Club, vermitteln ein Gefühl von Unbeschwertheit, vor allem aber unbeschwerter Emanzipation. Wenn die Frauen lachend in Männerkleidung und Männerhabitus posieren oder in Unterwäsche ganz selbstverständlich ihre Weiblichkeit zelebrieren, könnte man glauben, es gab keine schönere Zeit, eine emanzipierte Frau zu sein als das frühe 20. Jahrhundert: Bevor die Frauenbewegung sich in tausende Splittergruppen spaltete, die sich gegenseitig vorwerfen, die falschen Ziele zu haben und den Kampf für die Sache zu unterminieren.

Es gibt eine offizielle Alice Austen Website und einen ausführlichen und einsichtigen Artikel über sie auf femmes fatale. Hier aber noch ein paar Bilder von ihr:

Trude and I, masked, with short skirts

Julia Martin, Julia Bredt, and Austen as Men

Alice’s boyfriends

26. Januar 2012

two scenes from the gender playground

alles ist im fluss und manchmal treiben in diesem fluss unterschiedliche dinge vorbei, die aus völlig unterschiedlichen seitenarmen stammen und sich vor einem ein unterhaltsames stelldichein geben.

da hätten wir von der einen seite:  ein hiphop-musikvideo, in dem drei männliche vokalkünstler sich in ihren derbsten inkarnationen von drei frauen darstellen lassen. abgesehen davon, dass Scroobius Pip
(unter anderem in zusammenarbeit mit dan le sac) großartige musik macht, gefällt es mir immer wieder, frauen die gendergrenzen überschreiten zu sehen.

von der anderen seite: einen mann mit haarigem rücken im star-spangled leotard inklusive röckchen. großes können trifft auf sinn für humor. männlichkeit? keine frage! und doch eine frauenfigur.