Posts tagged ‘islam’

2. Mai 2016

KW 18/2016: Katharina II. Die Große, 2. Mai 1729

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Katharina II. Die Große

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Katharinas Karriere als „Die Große“ begann, als die 16jährige Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst mit dem Neffen der russischen Zarin Elisabeth, Peter Fjodorowitsch, verheiratet wurde, der später Zar Peter III. wurde. Kaum in Moskau angekommen, konvertierte sie, die bereits eifrig Russisch gelernt hatte, zum orthodoxen Glauben und wurde Jekaterina Alexejewna – zum Ärger ihrer Mutter. Ob es zunächst nur Pflichtbewusstsein war, zu dem sie als Adelige erzogen wurde, den Anforderungen an die Frau eines Zaren gerecht zu werden – in jedem Fall zeigte Katharina II. bald Ehrgeiz, strategisches Talent und Ausdauer. Nach 17 Jahren Ehe mit zwei (wahrscheinlich und einem definitiv unehelichen) Kindern und dem Antreten Peters III. als Zar nach dem Tod seiner Tante führte sie mit Hilfe des Militärs und diverser Adliger einen Staatsstreich aus und stürzte ihren Mann vom Thron; bald darauf wurde dieser umgebracht, womit sie jedoch nicht in Verbindung gebracht wird.

In den 34 Jahren ihrer Regentschaft als Zarin konnte sie einige Erfolge verbuchen – die Ausweitung der Territorien im Süden und Westen Russlands, die Annektion der Krim (der Blick zurück in die Geschichte erklärt einiges in der Gegenwart), 20 Jahre Frieden mit Schweden nach 2 Jahren Krieg mit schweren Verlusten auf beiden Seiten, die Einführung von Papiergeld, das noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts verwendet wurde. Manche ihrer ehrgeizigen Pläne scheiterten aber wohl an ihrer Modernität, an der Zähigkeit, mit der sich große Umwälzungen nur betreiben lassen, und an Katharinas eigenem Gesinnungswechsel: viele Ideen der französischen Aufklärung übernahm sie, pflegte Brieffreundschaft mit Voltaire und nahm Diderot schützend bei sich auf, doch nach der französischen Revolution erkannte sie das für die herrschenden Verhältnisse gefährliche Potential dieser Ideen und verwarf ihre eigenen aufklärerischen Gedanken.

Sie nahm den Adel in den Regionen ihres riesigen Reiches in die Pflicht bei der Regierung, teilte das Land in Distrikte und führte eine dezentralisierte Bürokratie ein; sie wollte Russland modernisieren und das russische zu einem „neuen Volk“ machen, indem sie Bildung für alle (außer Leibeigenen und Juden) zugänglich machen wollte. Leider scheiterten viele dieser Pläne an eben der dezentralisierten Bürokratie, die sie zur Erneuerung des Landes installiert hatte.

Wie an ihrer passionslosen Konvertierung vom Christentum in die Orthodoxie sichtbar wird, nahm sie eine eher pragmatische Haltung zur Religion ein. Sie versuchte, die drei Religionen Christentum, Orthodoxe und Islam gleichberechtigt und liberal zu behandeln, vor allem, um den Frieden in den östlichen Gebieten zu wahren – diese Vesuche scheiterten oft an der wesentlich emotionaleren Haltung des Volkes zur Religion. Die Juden hatten es auch hier grundsätzlich schwerer – auf finanzielle Dienstleistungen beschränkt, waren sie beim Volk unbeliebt und wurden schließlich von Katharina II. ganz zu Ausländern erklärt, was ihnen jegliche Gleichberechtigung im russischen Reich entzog.

Was immer ihre politischen Errungenschaften jedoch waren, was zunächst hauptsächlich von ihr im Gedächtnis blieb waren die vielen, oft jüngeren Liebhaber die sie sich nahm. Bei einem männlichen Herrscher dieses Ranges wäre das natürlich nicht mehr als eine Randnotiz – bei einer Frau jedoch wird eine frei und ungehindert ausgelebte Libido zum Hauptmerkmal und Anzeichen ihrer generellen Devianz. Die Entschlusskraft, ihren Mann vom Thron zu stoßen und selbst die Regentschaft zu übernehmen, der politische Wille, die Intelligenz, die Voltaire in ihr bewunderte, die Freiheit, ihr Privatleben nach ihrer Lust zu gestalten – Abartigkeiten in einer Frau, die in der Ansicht ihrer männlichen Zeitgenossen ohne zu zögern mit Perversion und Maßlosigkeit gleichzusetzen waren. Denn es war und ist immer gängige Praxis, Frauen über die Beschämung ihrer Sexualität in ihre Schranken zu weisen.

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Von 184 (Wikipedia) relevanten Persönlichkeiten vor dem 19. Jahrhundert sind diese 11 (inklusive Katharina II.) Frauen:

3.5.1415 Cecily Neville
2.5.1458 Eleonore von Portugal
5.5.1487 Anna von Brandenburg-Ansbach-Kulmbach
2.5.1700 Charlotte von Hanau-Lichtenberg
4.5.1744 Marianna von Martines
7.5.1748 Olympe de Gouges
3.5.1764 Élisabeth Philippine Marie Hélène de Bourbon
5.5.1764 Therese Huber
5.5.1775 Maria Clementine Martin
6.5.1800 Amalie Haizinger

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15. Juni 2015

KW 25/2015: Lalla Aicha von Marokko, 17. Juni 1930

Lalla Aicha von Marokko

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In Zeiten von Pegida und muslimischen Hasspredigern finde ich es besonders wichtig, im Rahmen meiner Möglichkeiten darauf hinzuweisen, dass nicht Kultur und Religion per se das Problem in Humanitarismus und Feminismus sind – es sind die starren Struktuen, orthodoxen Lesarten und vor allem das von Angst geprägte Denken, die jede Kultur und jede Religion – ebenso wie den Atheismus – zu aggressiven und schädlichen Ideologien verzerren können.

Die Prinzessin Lalla Aicha von Marokko trat schon früh für den Feminismus ein – eine Tatsache, die auch dadurch möglich war, dass offenbar ihre Familie ebenso von der Gleichwertigkeit und den Möglichkeiten der Frauen in der Welt überzeugt war.

Es gibt diese Frauen, es gibt den friedlichen und fortschrittlichen Islam, so wie es das friedliche und fortschrittliche Christentum und Judentum gibt. Was jemand glaubt, bestimmt nicht notwendigerweise, ob und wen er hasst, ablehnt oder unterdrücken will.

23. Dezember 2013

KW 52/2013: Malak Hifni Nasif, 25. Dezember 1886

Malak Hifni Nasif

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Angesichts dessen, was ich zuletzt über die Problematik der Frauen im arabischen Frühling gelesen habe, finde ich es passend und schön, dass eine (nein, eigentlich die einzige) Frau, die dieses frauenfiguren-Jahr als Grenzgängerin  beschließen könnte, eine ägyptische Frauenrechtlerin ist. (Die einzige andere Frau war Lorielle London, die meinen Respekt für die öffentliche Geschlechtswandlung hat – more power to you, transgender B-Promi! – aber gegen eine islamische Feministin hattest Du keine Chance.)

Malak profitierte von der Fortschrittlichkeit ihres Vaters und später ihres Ehemannes – nach ihrer Eheschließung durfte sie nicht mehr als Lehrerin (außerhalb des Hauses) arbeiten, also begann sie, journalistisch zu arbeiten.

Sie glaubte an die Vereinbarkeit von Emanzipation und Islam – eine Überzeugung, die es auch heute noch gibt, die jedoch von Gegnern und Anhängern des Islam gleichermaßen, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, untergraben wird.

2. Mai 2012

born of fire

jamil dehlavi, england 1987

ein recht einfaches stück für mich: die frau in diesem film, die auch nur „die frau“ heißt, ist weniger charakter, als vielmehr archetyp. weise frau, irdisches prinzip, wahrsagerin, verführerin, mutter, gefäß für neues leben, aber auch für das böse. ihre handlungen beziehen sich vollständig auf die männlichen pro- und antagonisten. am ende stirbt sie: einmal als mutter – das ultimative opfer der frau, beim hervorbringen neuen lebens ihres zu geben – und zweitens wird sie als ausgeburt des bösen, als schlange und satan, durch die kreative macht des mannes vernichtet.

man kann dies dem film nicht wirklich vorwerfen, da er sich das islamische äquivalent der luzifer-geschichte zur grundlage gemacht hat. dass dabei die frauen (die herkömmliche dualität mutter:geliebte) durch eine einzige, namenlose figur repräsentiert sind, sagt ebensoviel aus über die wahrnehmung der frau im monotheistisch-christlich-islamischen kulturkreis, wie die tatsache, dass diese eine frau so viele verschiedene züge und potentiale in sich vereint.

ich könnte sehr lange über die frage nachdenken, wie und warum die patriarchalisch-maskulin dominierten monotheistischen religionen judaismus-chrsitentum-islam die dominanz oder zumindest gleichberechtigung weiblicher göttlichkeit in den meisten polytheistischen religionen nicht nur verdrängen, sondern mit gewalt und radikalität eliminieren mussten und konnten. dies übrigens nur, um im falle der katholischen kirche der frau via der mutter gottes dann doch wieder göttlichkeit einräumen zu müssen, durch starke marienkulte in vielen missionierten gebieten. welche ängste und politischen interessen sich da so ungut durchgesetzt haben, werde ich wohl nie zur gänze durchschauen.

anyway, der film ist ansonsten sehr schön anzuschauen – wenn ich die exotisch anmutende erzählung mit irgendetwas vergleichen müsste, würden mir am ehesten die märchen von rafik schami einfallen. europäische stringenz, die sich in orientalischer trance auflöst. dabei übrigens bilder wie gemalt (und das ist kein zufall), die zwar sicherlich von den unglaublichen „locations“ profitieren, aber auch die muss man in szene zu setzen wissen.

23. Januar 2012

KW 4/2012 – Serap Cileli, 29. Januar 1966


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Für die meisten Frauen in Deutschland ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie sich den Mann, den sie heiraten und den Ort, an dem sie leben, selbst aussuchen. Für viele Mädchen mit Migrationshintergrund ist dies immer noch nicht der Fall.

Als Serap Cileli sich entschied, die Entscheidungen über ihr Leben – ihren Partner, ihren Wohnort – selbst zu treffen, war sie bereits 26 und geschiedene Mutter zweier Kinder. Nach einer Zwangsverlobung mit 12 und einem darauf folgenden Selbstmordversuch, nach einer Verheiratung in die Türkei mit im Alter von 15 und anschließenden 7 Jahren Ehe mit einem 10 Jahre älteren Mann war schon die erreichte Scheidung und die Rückkehr nach Deutschland ein Meilenstein. Dass Serap Cileli es entgegen der Macht des Patriarchen und entgegen den Werten, nach denen sie erzogen wurde, nach vielen Jahren des Ausgeliefertseins und sicherlich unvorstellbaren inneren wie äußeren Konflikten gelungen ist, sich aus diesem fremdbestimmten Leben zu befreien, ist ein seltenes Glück und bewundernswerte Selbstbehauptung.

Ihre Befreiung aus den restriktiven Strukturen ihres religiösen, kulturellen Hintergrundes hat Serap Cileli nicht nur für ihr eigenes selbstbestimmtes Leben genutzt, sie setzt sich mit ebensolcher Vehemenz für andere Mädchen und Frauen in vergleichbaren Situationen ein. Sie hat ein Buch über ihre Geschichte geschrieben, sie berät Betroffene von Zwangsheirat und Ehrenmord und hat 2008 den Verein peri e.V. ins Leben gerufen, der vor allem Frauen mit Migrationshintergrund bei der Integration und Emanzipation hilft. Bereits 2005 erhielt Cileli das Bundesverdienstkreuz für ihre Aufklärungsarbeit.

Obwohl ich gestehen muss, dass die Themen Zwangsheirat und Ehrenmord meinem Leben – Gottseidank – völlig fern sind, und ich nicht mal muslimische Freundinnen oder Freunde habe, sind beides Dinge, die mich als Frau empören und mich sowohl kulturell wie politisch interessieren. Ich bin selbst – im Studium – Musliminnen begegnet, die sich für das Kopftuch entschieden haben und konnte das Argument akzeptieren, dass sie es aus Religiösität taten – ohne, dass das extreme Zerrbild des Frauen unterdrückenden, rachsüchtigen Moslem gleich im Hintergrund auftrat und „Selbstverleugnung“ rief. Ich bin bisher auch mit meinem gefährlichen Halbwissen der Meinung gewesen, dass Musliminnen das Recht haben sollten, das Kopftuch zu tragen, wo immer sie sind – sie sollten nicht zwischen einer Berufung z. B. zur Lehrerin und ihrer Religion entscheiden müssen. Wenn ich aber von und über Serap Cileli lese, die aus dem muslimischen Hintergrund gegen das Kopftuch argumentiert – und mir ebenso einsichtig! -, stellt sie meine typisch links-intellektuelle Zwangstoleranz in Frage und zwingt mich, mich differenzierter mit dem Islam, seinem Frauenbild und den Vorstellungen von Emanzipation von in Deutschland lebenden Musliminnen auseinanderzusetzen.

Auf ihrer eigenen Website bietet Serap Cileli Gedichte, Interviews, Pressemitteilungen und alles weitere, das zumThema ihrer Person und ihrer Arbeit veröffentlicht wurde und wird. Sie offeriert Unterstützung für Migrantinnen, die sich in einer familiären Krise befinden und führt schließlich auch akribisch Buch über Ehrenmorde, die in Europa und der Türkei begangen wurden und werden.

Ein Interview mit ihr ist bei MATHILDE zu lesen. (Oder, für ein pingback, hier.)

Ihr Auftritt bei Kerner – neben Pierre Vogel – ist bei youtube zu sehen (Teil 1 & Teil 2, Kerner leider wie immer mit Schuljungenwitz banalisierend…), ein Beitrag von ihr zu Talk to the Enemy auf Welt Online auf deren Website.